Wenn Senioren studieren …

Annemarie Hoffmann ist seit diesem Semester Studentin am Karlsruher Institut für Technologie. Das Besondere an der aus Ramberg stammenden Studentin ist ihr Alter: sie ist 59 Jahre jung und feiert dieses Jahr ihren 60. Geburtstag. Genau wie Frau Hoffmann gibt es immer mehr Senioren, die am KIT (noch einmal) ein Studium absolvieren. KA.mpus wollte dem Phänomen auf den Grund gehen und sprach mit Frau Hoffmann über ihre Motivation, das Studium und ihre Ziele.

Annemarie_Hoffmann

KA.mpus: Frau Hoffmann, Sie absolvieren am KIT ein Studium der Geisteswissenschaften. Ist dies Ihr erstes Studium?
Annemarie Hoffmann: Nein, ich habe 1970-1973 an der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule in Landau schon Englisch, Biologie und Deutsch studiert.

KA.mpus: Sie sind also mit dem Studieren vertraut. Welche Fächerkombination studieren Sie momentan in Karlsruhe?
Hoffmann:
Ich studiere im ersten Semester Germanistik und möchte im Nebenfach Pädagogik hinzunehmen.

KA.mpus: Es ist auffallend, dass Sie sich erneut für Germanistik entschieden haben. Welche Beweggründe gab es für Sie, noch einmal dasselbe Fach zu studieren?
Hoffmann:
Germanistik interessiert mich einfach und ich wollte klein anfangen – mit dem Bachelor.

KA.mpus: Woher erhielten Sie denn die Informationen über das Studium und wie verlief Ihre Bewerbung?
Hoffmann:
Ich habe mich über das ZIB und über Broschüren informiert, was mich erwarten würde. Die Bewerbung verlief dann ganz normal, wie bei allen anderen, auch wenn ich etwas Pech hatte mit der Studienkarte, da es zu Verzögerungen kam. Aber nein, ich denke es gibt keine Unterschiede bei der Bewerbung zwischen jungen Studenten und Senioren.

KA.mpus: Wie empfinden Sie die Betreuung seitens der Universität, der Dozenten und ihren Kommilitonen?
Hoffmann:
Die Betreuung? Ich würde sagen gemischt. Also bei den Dozenten, von denen wird man ja außerhalb der Veranstaltungen nicht betreut. Aber in den Vorlesungen und Seminaren bin ich zufrieden. Seitens der Universität, zum Beispiel im Studienbüro, wurde ich von der zuständigen Dame sehr gut betreut. Negativ ist nur, wenn eine mal krank ist und die Kolleginnen sich nicht zuständig fühlen. Ja und bei den Kommilitonen, da habe ich eigentlich im Großen und Ganzen gute Erfahrungen gemacht, es gibt halt auch manche, die sich nicht unterhalten wollen. Aber die meisten sind sehr nett.

KA.mpus: Das hört sich doch sehr positiv an. Sind Sie denn mit Ihrer Studienwahl bisher zufrieden?
Hoffmann:
Ja, das kann ich schon sagen. Germanistik gefällt mir an für sich sehr gut. Es ist eben auch sehr umfangreich.

KA.mpus: Der Arbeitsumfang liegt am Bildungssystem im Allgemeinen. Wie bewerten Sie persönlich das Bildungs- und Universitätssystem generell?
Hoffmann:
Ich würde eher sagen, zum Beispiel in der Vorbereitungsphase auf eine Klausur, muss man nebenbei noch die Veranstaltungen vor- und nachbereiten, dann wird es schon ziemlich viel. Die Themen gehen auch sehr in die Tiefe, aber ich finde das gut und nicht zu oberflächlich.

KA.mpus: Was halten Sie speziell vom neuen Bachelor- und Mastersystem?
Hoffmann:
Das mit den Punkten, das ist irgendwie dasselbe wie früher. Das ist ein Stress, denen ständig hinterher zu rennen. Früher war das noch nach Fächern gegliedert, aber das System finde ich trotzdem gut, es baut schön aufeinander auf. Da habe ich sogar vielleicht die Gelegenheit, dass ich durch das frühere Studium zwei Semester sparen kann.

KA.mpus: Hätten Sie zu diesem System Veränderungsvorschläge?
Hoffmann:
Nein, ich finde das Bachelorsystem gut und vor allem, dass man mit dem Master aufbauen kann. Nur früher war das mit den Spezialisierungen in den einzelnen Gebieten besser geregelt.

KA.mpus: Wie Sie sicher wissen, gab es ja einige Umstrukturierungen der Hochschule, von der Universität Karlsruhe zum Karlsruher Institut für Technologie. Wie stehen Sie persönlich zu diesen Veränderungen?
Hoffmann:
Mir ist aufgefallen, dass sich das Institut für Germanistik anders darstellt, als ich es mir vorgestellt hab, gerade in Bezug auf die Räumlichkeiten. Die anderen Fachrichtungen wie Chemie oder die Wirtschaftswissenschaften haben schöne große Hörsäle und die Germanisten müssen quer über den ganzen Campus laufen, zum Beispiel zum Sportgebäude, auf das ausgewichen wird. Ich glaube, dass da die Geisteswissenschaften hinten angestellt werden, vermutlich weil es eine technische Hochschule ist. Ob sich das mit den Umstrukturierungen geändert hat, weiß ich nicht. Aber es wäre schön wenn sich im Bereich der Räumlichkeiten etwas verändern würde.

KA.mpus: Nun ist es doch relativ ungewöhnlich, dass Sie in diesem Alter studieren. Wie ist die Resonanz auf studierende Senioren, gerade in Ihrer eigenen Umwelt?
Hoffmann:
Die ist ziemlich begrenzt im Moment. Meine Freundin, mit der ich durch dick und dünn gehe, findet das gut. Mein Mann sieht mein Studium ebenfalls sehr positiv. Er unterstützt mich soweit es möglich ist. Aber er ist ja selbst auch beruflich stark eingespannt.

KA.mpus: Es ist schön, wenn man durch das eigene Umfeld unterstützt wird, aber wie ist die Resonanz seitens des Bildungssystems?
Hoffmann:
Ja, es wird das Gleiche von den Älteren verlangt wie von den Jungen. Es ist eben kräftemäßig ein Unterschied. Aber das Bildungssystem kann ja keine Rücksicht darauf nehmen. Wenn man jetzt 59 Jahren studiert, ist es ja aus eigenem Interesse heraus. Man muss es ja nicht machen.

KA.mpus: Man hört heraus, dass Sie ihr Studium sehr ernst nehmen. Inwieweit nimmt das Studium Einfluss auf Ihr Leben?
Hoffmann:
Es hat mittlerweile einen Schwerpunkt gebildet. Aber es ist auch schwierig. Bei den jungen Leuten, die nur ein Zimmer haben, ist es was anderes. Ich habe ja noch einen ganzen Haushalt zu versorgen. Und auch gedanklich. In erster Linie muss ich eben das Studium machen.

KA.mpus: Also begleitet Sie das Studium auch in Ihrer Freizeit?
Hoffmann:
Ja, ich nehme öfter eine Lektüre zum Lesen mit. Was an Aufgaben erforderlich ist, mache ich auch in der Freizeit. Mehr geht gesundheitlich im Moment auch nicht.

KA.mpus: An der Uni werden ja auch viele Freizeitaktivitäten geboten. Diese reichen von politischen Hochschulgruppen über Partys und Sportgruppen bis hin zu Gastvorträgen. Nutzen Sie diese Angebote auch?
Hoffmann:
Also wenn ich gesundheitlich fitter wäre, hätte ich auch das Unifest besucht. Aber an und für sich nicht. Vorträge besuche ich ab und zu. Ich werde mal sehen, was die Zeit bringt. Gastvorträge würd’ ich aber gerne mehr hören, wenn es nicht zu häufig ist.

KA.mpus: Für viele Studenten, und ich denke auch für Sie, bedeutet der Beginn des Studiums einen Einschnitt in das bisherige Leben. Dies kann zu Unsicherheiten führen. Waren sie denn zu Beginn des Studiums aufgeregt?
Hoffmann:
Nein, das kann ich eigentlich nicht behaupten. Ich bin jetzt wegen der Veröffentlichung des Interviews aufgeregter.

KA.mpus: Nun gibt es ja zu Beginn des Studiums für Erstsemestler eine Orientierungswoche. Haben Sie diese besucht?
Hoffmann:
Leider nur teilweise. Weil ich nicht angeschrieben wurde, da es wie schon erwähnt einige Verzögerungen bei der Immatrikulation gab. Aber bei der Begrüßung war ich zugegen. Ungünstigerweiße musste ich mir die Informationen so alle selbst beschaffen.

KA.mpus: Um noch einmal auf das Thema Seniorenstudium zu sprechen zu kommen: wie verhält es sich in Anbetracht des Alters beispielsweise mit dem Erfahrungsunterschied?
Hoffmann:
Es ist mir persönlich jetzt nicht aufgefallen, dass es große Unterschiede gibt. Ich bin ja selbst wieder am Anfang und meine Gedichte und Gedichtbände, die ich geschrieben und mit denen ich Erfahrungen gesammelt habe, entstanden aus Stimmungen heraus. An für sich sind mir keine Unterschiede aufgefallen, nein. Es sind bei mir in den Vorlesungen auch einige Kommilitonen die etwas älter sind.

KA.mpus: Und wie ist das Verhältnis und der Umgang mit Ihren Kommilitonen?
Hoffmann:
Im Seminar ist man eigentlich per du. Ich habe da nichts dagegen einzuwenden. Die Jungen sind auch allgemein freier und lockerer. Leider gibt es bisher kaum Kontakt zu meinen Kommilitonen was zum Beispiel Lerngruppen angeht. Das ist ziemlich schade. Es gibt kaum Überschneidungen und ich muss mich aufgrund von privaten Gründen im Moment noch etwas zurückhalten.

KA.mpus: Wenn wir gerade beim Verhältnis zu Ihren Kommilitonen sind, wie sehen Sie denn Ihre jugendlichen Mitstudenten?
Hoffmann:
Ich habe keine Probleme mit Jugendlichen. Ich habe selbst eine Tochter von 35 Jahren. Im Allgemeinen sind sie fast alle sehr pflichtbewusst, was zum Beispiel die Vorbereitung der Veranstaltungen angeht. Außerdem sind sie lockerer, da es eine andere Generation ist. Aber ich hab da keine Probleme damit.

KA.mpus: Und was glauben Sie, wie Sie von Ihren jüngeren Kommilitonen gesehen werden?
Hoffmann:
Ich denke schon, dass sich viele fragen, warum ich das jetzt noch mache, warum ich mir das noch aufbürde. Aber ich glaube die machen sich im Großen und Ganzen keine großen Gedanken darüber.

KA.mpus: Zum Schluss: Wie sieht Ihr vorläufiges Fazit in Bezug auf das Projekt „Seniorenstudium“ aus?
Hoffmann:
Es ist schon wie ich mir das vorgestellt habe. Früher, zu Beginn des ersten Studiums, kannte man sich untereinander. Heute ist das anders und ich kannte niemanden. Bisher muss ich sagen, ist das Projekt geglückt. Das Ziel ist nach wie vor der Bachelor-Abschluss. In Bezug auf das Projekt „Seniorenstudium“ bin ich sehr zufrieden und bisher auch noch sehr motiviert. Ich denke und wünsche mir, außer in Bezug auf die Räumlichkeiten, dass es so weiter geht wie bisher.

KA.mpus: Wir sind nun am Ende des Interviews angekommen. Wir bedanken uns recht herzlich für das Interview und wünschen Ihnen für den Verlauf Ihres Studiums viel Erfolg.

Katharina Langpeter

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