Netzwerk Courage: “Kein Sex mit Nazis!”

“Es gibt kein Patentrezept für Zivilcourage, aber eine Menge an Möglichkeiten”

Zivilcourage ist wichtig und selten, daher ein Thema, das nicht oft genug angesprochen werden kann. Das Netzwerk für Demokratie und Courage e.V. (NDC) hat sich u.a. die Vermittlung eines sensibilisierten Denkens unter Jugendlichen zur Aufgabe gemacht. Denn Handlungen werden vom Gedankengut gesteuert und dieses gehört aufgeklärt. Es geht darum, Rassismus und Menschenverachtung unter den Jugendlichen abzubauen. Seit 10 Jahren betreibt “Courage” daher eine demokratiefördernde Bildungsarbeit an Schulen und Ausbildungseinrichtungen. Martin G., 30, ist seit über 7 Jahren dabei.

Logo Netzwerk Courage

KA.mpus: Wie kamst du dazu, beim Netzwerk Courage einzusteigen, gab es einen besonderen Anlass?

Martin G.: Ich bin schon seit meiner Jugend in antirassistischen Initiativen aktiv, da es für mich einfach schon immer wichtig war, mich gegen Rassismus und Diskriminierung zu engagieren. Ich war außerdem 2001 Gründungsmitglied von „United eV. Verein für eine Gesellschaft ohne Rassismus“ in Karlsruhe. Ein Mensch aus dem Verein hat damals (2001) vom Netzwerk Courage in Sachsen gehört. Dort gibt es das Projekt schon seit 1998. Er hat sich das dann dort angeschaut und war so begeistert davon, dass er alles in die Wege geleitet hat, um das Projekt auch nach Baden-Württemberg zu holen. Ich habe es also von Anfang an mitbekommen und habe dann Ende 2002 an der Schulung teilgenommen.

KA.mpus: Projekttage finden an allen Schulen statt, von der Sonderschule über Berufsschulen bis zum Gymnasium, aber auch in Jugendzentren. Fallen dir in der Diskussion mit den Schülern und Jugendlichen Mängel am Bildungssystem auf?

Martin G.:Es gibt zu wenig Lehrer für zu viele Schüler. Das gleiche gilt für Sozialarbeiter. Im Normalfall kommt auf eine Schule ein Sozialarbeiter, das ist zu wenig. Viele der Schüler kommen aus Familien mit sozial schwachem Hintergrund. Wenn ein Lehrer nun seine eigenen Kompetenz beherrschen und gleichzeitig die Tätigkeiten eines Sozialarbeiters übernehmen muss, ist er schlicht und einfach überfordert.

Springerstiefel

KA.mpus: Die Hauptschule soll jetzt vielleicht sogar abgeschafft werden, was hälst du davon?

Martin G.:Da bin ich zwiegespalten. Zum einen ist es sicher so, dass man mit einem Hauptschulabschluss nur sehr wenig Chancen auf dem Stellenmarkt hat. Zum anderen stellt sich mir dennoch die Frage, wie Schüler auf einer Gesamtschule durchkommen sollen, wenn es dann gar keine Sozialarbeiter mehr gibt.

KA.mpus: Was wären Lösungsansätze?

Martin G.: Viel mehr Sozialarbeiter. Außerdem halte ich Ganztagesschulen für vorteilhaft, weil die Schüler dann mehr Zeit für den gleichen Stoff in Anspruch nehmen können.

KA.mpus: Auch Erwachsene verhalten sich in vielen Situationen nicht angemessen oder gar menschenverachtend. Wie könnte man diese erreichen?

Martin G.: Klar, Zivilcourage geht natürlich jeden was an! Unser Konzept ist es junge Leute zu erreichen, ihnen Tips zu geben und sie natürlich auch zum Nachdenken anzuregen.
Erwachsene kann man aber sicher auch durch Workshops und Veranstaltungen erreichen. Es muss halt das Interesse da sein.
Das ist an Schulen einfacher, da unsere Projekttage für die Schüler eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag sind.

KA.mpus: Zurück zu den Projekttagen. Wie kommen solche Diskussionen über Demokratie und Zivilcourage bei den Schülern an?

Martin G.: Die Reaktionen sind zu 90% top. Ich trete den Jugendlichen auf gleicher Ebene gegenüber. Ich bin kein typischer Lehrer, der von oben herab spricht, ich versuche dagegen die gleiche Sprache zu sprechen und werde dadurch auch viel ernster genommen.

Fahnen und Fenster

KA.mpus: Wie genau läuft so ein Tag in einer Klasse ab?

Martin G.: Meist ist der Tag sechs Stunden lang und größtenteils interaktiv gestaltet. Ich erzähle etwas, wir diskutieren, es gibt Lernspiele oder Filme, die zum Thema passen. Die Lehrer sagen mir auch oft davor, wenn es Probleme in der Klasse gibt oder was ihnen aufgefallen ist. Das besprechen wir dann gemeinsam.

KA.mpus: Warum findest du das Projekt “Netzwerk Courage” so wichtig?

Zivilcourage geht einfach jeden Menschen etwas an. Egal, ob Schüler, Student, Angestellter oder Arbeitsloser etc. Man sollte nie vergessen, dass man auch selbst einmal in eine Situation kommen kann, in der man auf fremde Hilfe angewiesen ist. Es gibt sicher viele Menschen, die in bestimmten Situationen gerne einschreiten würden, sich dann aber im entscheidenden Moment doch nicht trauen.
Wir geben bei unseren Projekttagen Tipps, wie man helfen kann, ohne sich selbst zu gefährden. Es gibt sicher kein Patentrezept für Zivilcourage, aber es gibt eben eine Menge an Möglichkeiten und die möchten wir ansprechen.
Die Frage ist auch, wo fängt Diskriminierung an, was sind die Folgen davon und ab wann ist Zivilcourage notwendig. Meiner Meinung nach fängt Diskriminierung nicht erst bei Gewalt an, sondern z.B. schon bei
rassistischen Witzen oder Sprüchen.

2009 gab es in Baden-Württemberg ca. 200 Projekttage. Das heißt, es ist fast täglich jemand vom “Netzwerk Courage” an Schulen unterwegs. Voraussetzung, am Team teilzunehmen, ist eine Schulung und 2 mal im Jahr eine Weiterbildung.

Weitere Infos gibt es unter folgenden Links:

Alice Soiné

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