Tourismus einmal anders: Internationale Workcamps bieten Reisen und Praktika

Workcamps: Wer – Warum – Wozu – Was – Wo?

Deutsch-deutsche Grenze aus internationaler Sicht
„…weil es eine wunderschöne Möglichkeit ist, meinen Wunsch, etwas Konkretes für Andere zu machen, verwirklichen zu können. Ich habe auch große Lust mehr über die deutsche Sprache und Kultur zu lernen, an der ich wirklich sehr interessiert bin.“ Alessia will einfach nur raus aus Italien: Das Studium deutscher und norwegischer Kultur hat sie soeben beendet, jetzt sucht sie Freiraum, nette Menschen, einen Sinn im Leben. Das „freiwillige Hilfsprojekt“, wie Alessia es übersetzt, ist international unter der Bezeichnung „Workcamp“ bekannt. Arbeit, Spaß, Kultur, Sinnfindung, wie passt das zusammen?

Workcamp-Vielfalt: Weltweit Einzigartiges erleben

„Reisen kann heutzutage jeder, fast überall hin, ich aber wollte mehr, ich wollte Kontakt zu den Menschen aus dem Land, wollte nicht nur sehen und staunen, sondern auch etwas Sinnvolles tun.“ Daniel aus den USA hat für das Workcamp zwei Wochen Urlaub von seinem Job als Gehilfe eines Buchhändlers genommen, ursprünglich hat er Jura studiert. „Die Weltwirtschaftskrise hat mir meine Hoffnung und meine Träume genommen. Hier im Workcamp habe ich Menschen getroffen, deren Tür zur Welt noch offen steht, sie haben mir neuen Mut gegeben etwas in meinem Leben zu verändern.“

Workcamp konkret: Die Welt zu Gast in Thüringen

Apfelbaum in den Streuobstwiesen von Schloss Bedheim
Der alte Apfelbaum knarzte ein wenig, als die schweren, rutschigen Gummistiefel sich zu seiner fruchtbehangenen Krone vorarbeiten. „Jihye, was machst du denn da?“. Katharina von Hackewitz, die ihren Pflänzchen gleiche, dynamische Gärtnerin, schaut besorgt zum Baumwipfel hoch. Workcamper wie die Koreanerin Jihye, die sich bei der Apfelernte trauen auch mal den sicheren Boden zu verlassen, sind im Normalfall höchst willkommen. Das Schuhwerk allerdings sollte sich der neuen Aufgabe anpassen. Arbeitssicherheit steht an erster Stelle. „Die Workcamper geben uns Kraft, sie sind voller Neugier, Energie und Lebensfreude, manchmal eben auch Übermut“ kommentiert Astrid Rühle von Lilienstern den Zwischenfall vergnügt.

Eine bunt gemischte Workcamp-Gruppe

„Rechte nur für Menschen? Was soll das? Alles was lebt hat Rechte: Pflanzen, Tiere und Menschen. Das ist der Kreislauf des Lebens, alles ist im Fluss.“ Ayako’s sonst so perfekt wirkende weiße weiche Haut verfärbt sich leicht rötlich. Ayako startet mit der Verteidigung der japanischen Religion Shinto. Mit diesem Diskussionsbeitrag wird die Gruppe aktiv. „Jesus ist mein Held und der war für Menschenrechte, deshalb sind die mir sehr wichtig“, ist Stefan’s Kommentar dazu. Stefan hat Trisomie 21 „das heißt mein Gesicht is bissl schräg, aber ich bin halt ein ausgeflippter Typ“, erklärt der Österreicher stolz. Spätestens als er am dritten Abend beim Pantomime spielen in der Rolle des Terminators das Zimmer betritt, ist Stefans größtes Problem, das der Verständigung in der ihm fremden Sprache Englisch, gelöst. Die Gruppe erfindet eigene non-verbale Zeichen, mit der die Basis einer gemeinsamen Kommunikation gelegt ist. Aber auch Englisch lernen fällt Stefan bald nicht mehr schwer: „I love you, Baby!“ ist sein Lieblingssatz mit dem er immer alle zum Lachen bringt.

Das Projekt: Renovierungsarbeiten und Schlossgärtnerei

Workcamps sind in Thüringen bereits zur Routine geworden. Seit 10 Jahren ist Astrid Rühle von Lilienstern engagierte Gastgeberin: „Meinen Vorfahren gehörte dieses Land und das kleine Schloss Bedheim. Zu DDR-Zeiten nutzte der Staat das Schloss als Schule. Ich sollte eher „missbrauchte“ sagen: Die schönen Verzierungen an Decken und Wänden, sowie die komplette Einrichtung, insbesondere die Böden, litten stark darunter.“ Astrid entschied sich nach langem Ringen sich ihres Vermächtnisses nach dem Mauerfall wieder anzunehmen. Heute weiß sie: „Die Workcamps waren unsere Rettung. Die jungen Leute schenken uns ihre Arbeitskraft, dafür erklären wir ihnen alles über die deutsche Kultur und Mentalität.“

Entdeckungen im Dorf: Milch wächst nicht im Tetrapack

Workcamp-Gruppe auf der Kirmes in Bedheim
„Wie soll ich der Bäuerin denn sagen, dass ich Milch haben will?“ Tong hatte Erfolg bei ihrer Suche nach einem Workcamp-Teamer. Etwas aufgelöst wedelt die Chinesin mit der drei Liter Milchkanne in der Hand. Eine halbe Stunde später sieht man sie strahlend den Hügel hinauf laufen, Mission erfolgreich. Kein Wunder, die Bäuerin hatte sie schließlich bereits erwartet. Die internationale Gruppe belebe ihr Geschäft, sagt sie, „außerdem lerne ich immer jemanden kennen, der noch nie eine Kuh gesehen hat. Da helfe ich gerne weiter.“. Die Dorfbewohner haben sich an die zweimal jährlich zur Erntezeit im September und Oktober kommenden internationalen Gäste gewöhnt. Da kann es auch schon mal sein, dass sich so mancher junge Dörfler während der Kirmes plötzlich für Ökologie und Frieden begeistert: Dem Charme so mancher Workcamperinnen ist nicht zu widerstehen.

Workcamp-Organisation und -Vermittlung, Praktikumsmöglichkeit als Workcamp-Teamer

Workcamps gibt es auf der ganzen Welt, inzwischen existieren bereits auch jede Menge Organisationen, die sich um die unkomplizierte Vermittlung des Kulturaustausches kümmern. Eine davon ist „Youth Action for Peace (YAP) Deutschland“. „In Workcamps arbeiten 10 bis 20 junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren für zwei bis vier Wochen in Projekten mit sozialem, kulturellem oder ökologischem Hintergrund“ definiert Nikolaus Ell, Projektkoordinator von YAP. Weiter bemerkt er: „Die Bereitschaft zur freiwilligen Arbeit an den Werktagen (ca. 6 Stunden), sollte vorhanden sein. Ziel eines Workcamps ist es Klischees und Vorurteile abzubauen und gesellschaftliche sowie soziale Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven kennenzulernen.“
Teamer für Workcamps werden jedes Jahr gesucht. Ihnen wird ein vierwöchiges Praktikum bescheinigt. Bedingung ist die Teilnahme an vier Tagen Teamerausbildung, die Durchführung des Workcamps im Zweier- oder Dreierteam und der Besuch eines Nachbereitungswochenendes.

Stay in touch: Workcamper auf der grünen Wiese
Durch soziale Netzwerke im Internet lässt sich der Kontakt zur Workcamp-Gruppe weiterführen. So kann Tong, die trotz chinesischer Internetblockaden die Registrierung bei Facebook schaffte, zu mehr Fotos zu kommen, und Daniel verkündet „live from New York“ auf seinem eigens gegründeten Weblog nun wöchentlich Ideen für eine bessere Welt. Die quirlige Koreanerin Jihye erklimmt zwar keine Bäume mehr, doch vermisst sie die gut schmeckenden Früchte: „Heute habe ich einen Bio-Joghurt gekauft, in dem Bio-Äpfel und Bio-Birnen drin waren!“ Die Italien-flüchtige Alessia hat durch das Workcamp Kontakt zu Berlinern geknüpft, denen sie in die deutsche Hauptstadt folgte. Auf Facebook schreibt sie: „Ich besuche gerade zwei Deutschkurse und werde bald wahrscheinlich als Au-pair-Mädchen arbeiten. Mein Leben hat sich nach dem Camp ein bisschen verändert: Ich suche jetzt auch nach Bio-Produkten!“

Youth Action for Peace Deutschland:
www.yap-cfd.de
Links zu allen anderen deutschen Workcamporganisationen: http://www.traegerkonferenz.de/link.html
Infos zum Beispielprojekt Schloss Bedheim in Thüringen: http://www.schloss-bedheim.de
Sonja Knittig

Schlussbemerkung zu Bildern und Zitaten:

  • Alle Bilder sind Privatfotos von Workcamp-Teilnehmern, die diese der Autorin freundlicherweise zur Veröffentlichung überlassen haben.
  • Alle Zitate sind sinngemäß vom Englischen ins Deutsche übersetzt worden.

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Eine Reaktion zu “Tourismus einmal anders: Internationale Workcamps bieten Reisen und Praktika”

  1. Manuel Löffler

    Hallo,

    es ist sehr schon, dass Frau Rühle von Lilienstern sich so bemüht und der Wiederaufbau/Renovierung des Schlosses geht Jahr für Jahr voran.

    Gruß
    Manuel

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