PS: Vergiss mein nicht!

16909927 Bild: Anja Major

Nach dem attraktiven Jobangebot oder dem verlockenden Praktikum im Ausland folgt meist der nicht zu vermeidende Umzug in eine entfernte Stadt. Zwischen Hoffen und Bangen werden Kisten gepackt und sich geschworen: „Das Alles schaffen wir schon!“ Welche Höhen und Tiefen „das Alles“ für jeden Einzelnen bereithält weiß noch Niemand so genau. Dennoch gehören Fernbeziehungen mittlerweile zum Liebesalltag von Akademikern. Paare, die eine Liebe auf Distanz führen, stehen oftmals am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn, sind häufig jung und gut ausgebildet – vor allen Dingen aber verliebt, motiviert und optimistisch.

Liebe auf Distanz als Beziehungs-Provisorium

Ein letzter Kuss, eine innige Umarmung. Tim bleiben noch knapp zwei Minuten, bis sich der Zug in Bewegung setzt. Sich jeden Sonntag wieder verabschieden zu müssen ist für den Mittzwanziger bereits zur Gewohnheit geworden. Seit zwei Jahren führen er und seine Freundin Britta eine Fernbeziehung. Auch hier entstand die räumliche Trennung aus beruflichen Gründen. „Leicht haben wir uns diese Entscheidung nicht gemacht. Aber wir waren uns einig, dass ich diese berufliche Chance kein zweites Mal bekomme“, erklärt Tim. Pragmatismus, wenn es eben nicht anders geht. Da ist das Gefühlschaos vorprogrammiert. „Der Anfang war schlimm für mich. Erst kam das Vermissen, dann die Vorfreude, das Glück beim Wiedersehen, worauf dann wieder der Abschiedsschmerz folgte. Aber mittlerweile haben wir für uns einen guten Weg gefunden. Und ewig wird dieser Zustand wohl nicht anhalten“, hofft Britta.

Herausforderung Fernbeziehung

Kein Paar wünscht sich eine Fernbeziehung. Mutige jedoch lassen sich auf Beziehungen von Freitag bis Sonntag, auf überfüllte Züge, Alltag am Telefon und die Liebe aus dem Koffer ein. Immerhin liebt sich heute fast jedes zehnte Paar über eine lange Distanz hinweg. Nicht umsonst ist Deutschland bekannt für seine Fernbeziehungsflüge von Berlin nach Köln, von Frankfurt nach Dresden. Glück für jeden, der sich seine Tickets im Voraus zu günstigen Konditionen sichern kann. „Die Anreise bedeutet für mich immer Stress, egal ob mit Zug, Auto oder Flieger“, gibt Tim zu. Die Anspannung der Reise paart sich häufig mit dem aufregenden Gefühl der Vorfreude. Nicht immer ohne unschöne Konsequenzen. „Ich freue mich, Tim in München zu besuchen. Aber wenn es sich auf der Autobahn staut oder mal wieder nur unmögliche Autofahrer unterwegs sind, ist die ganze Vorfreude hinüber“, sagt Britta. Die Angst des Zuspätkommens sei besonders groß, denn sie wolle damit den Verlauf des Wochenendes nicht gefähren. Gerade unter Anspannung entstehen häufig Streitsituationen. Neben einer anstrengenden Anreise führen meist überhöhte Erwartungen zu Streitereien. Das Wochenende ist bis ins Kleinste verplant, doch dann ist der Partner plötzlich müde und alle Vorhaben geraten ins Wanken. Keinem ist damit geholfen in solchen Situationen das geplante Programm abzuarbeiten. Statt angespannt Versäumtes aufzuarbeiten sollte lieber der Alltag mit dem Partner genossen werden. Nebeneinander aufzuwachen und gemeinsam Einkäufe zu erledigen bringt Qualität in die Beziehung. Vermeintlich Alltägliches wird plötzlich zu etwas Besonderem. „Manchmal gehen wir nur spazieren, machen es uns auf dem Sofa gemütlich, reden und lachen. Neben dem ganzen Stress unter der Woche sind solche Tage die reinste Erholung und bringen uns einander näher“, erzählt Britta.

Gibt es ein Patentrezept für Fernliebende?

Nähe, Verständnis und viel Vertrauen sind die Bausteine einer guten Fernbeziehung. Sitzt man alleine zu Hause kommen schnell bohrende Fragen. Hält ihn wirklich nur die Arbeit im Büro auf? Wieso war sie so kurz angebunden am Telefon? Bin ich vielleicht nicht mehr wichtig? Während in der Ferne das Leben viele Neuerungen bereithält, wartet zu Hause der Alltagstrott. Gerade unter den Daheimgebliebenen kommt schnell das Gefühl auf, für den Partner neben den vielen Eindrücken der neuen Stadt, dem aufregendem Job und den frisch geschlossenen Bekanntschaften an Bedeutung verloren zu haben. Umso wichtiger ist es dann, zu wissen, dass man dem Partner einhundert Prozent vertrauen kann. Um dem Liebsten daheim das Gefühl zu geben, immer noch Teil des aufregenden neuen Lebens zu sein, sollten wichtige Entscheidungen stets gemeinsam getroffen werden.

Problem Kommunikation

Eine neue Stadt, viele frische Bekanntschaften, der aufregende Job – da kann die Liebe zwischen München und Hamburg schon mal auf der Strecke bleiben. „Wir können zwar nicht jeden Abend stundenlang telefonieren, dafür schicken wir tagsüber viele SMS hin und her“, sagt Tim. Auch eine Möglichkeit, wie Kommunikation im Zeitalter der Technik funktionieren kann. Doch gerade Gespräche am Telefon können Missverständnisse verursachen. Wie hat er das jetzt gemeint? Warum ist er mir so harsch über den Mund gefahren? Aus solchen Missverständnissen entwickelt sich schnell ein Streit. Soll dieser jetzt am Telefon ausgetragen werden? Oder lieber warten bis zum nächsten Wiedersehen, um ein schönes Wochenende zu gefährden? Streit unter Fernliebenden ist ein schwieriges Thema. „Mittlerweile habe ich aufgehört mich am Telefon zu streiten. Eine Lösung wird kaum erlangt und das bringt beide nur noch mehr auf“, erklärt Britta. „Lieber spreche ich das Thema in Ruhe an, wenn wir uns sehen. Wenn daraus ein Streit wird, dann ist das eben so. Streit gehört zu jeder Beziehung dazu.“ Im Allgemeinen streiten sich Distanzpärchen aber weniger, da die Angriffsfläche des Alltags fehlt.

Pluspunkt persönliche Freiheit?

Vielleicht macht die Freiheit unter der Woche aber auch einfach gelassener. Die persönliche Entfaltung sehen viele Fernbeziehungs- Paare als Pluspunkt an. Er geht drei Mal die Woche ins Fitnessstudio? Sie bleibt bis spät in die Nacht in der Bibliothek und wälzt Bücher? Kein Problem! Zu Hause wartet unter der Woche ohnehin Niemand. „Tim war oft verärgert, wenn ich erst spät abends vom Arbeiten nach Hause kam. Heute kann ich ohne schlechtes Gewissen auch ein bisschen länger an meinen Projekten arbeiten“, sagt Britta. „Manchmal ist es ganz hilfreich, nicht nur auf den Partner fixiert zu sein. Man lernt, auf seinen Bauch zu hören und Dinge zu tun, die einem persönlich gut tun“, ergänzt Tim.

Wer seinen Partner schon immer neben der eigenen Haustür hatte, wird vielleicht nicht verstehen, wieso sich Paare auf teure Telefonrechnungen, lange Reisen, weniger Zeit mit Freunden und dem Gefühl der nagenden Eifersucht einlassen. Alle Fernliebenden wissen jedoch: Man kann eben nicht beeinflussen, in wen man sich verliebt. Aber mit einer Perspektive und dem Plan einer gemeinsamen Zukunft lässt sich dem Happy End beruhigt entgegenschauen. Egal ob aus München oder Karlsruhe.

Zum Schluss noch ein paar Tipps, damit die Liebe auf Distanz funktioniert:

Tipp1: Viel Zeit mit Freunden verbringen!
Ist der Liebste nicht erreichbar, die Hausarbeiten geschrieben und die Wohnung geputzt hilft gegen das Jetzt-bin-ich-allein-Gefühl ein lustiger Abend mit guten Freunden. Das tröstet über den Trennungsschmerz hinweg und gibt einem das gute Gefühl, etwas Sinnvolles an diesem Tag gemacht zu haben.

Tipp2: Rituale schaffen Nähe
Eine Gute-Nacht-SMS, ein kurzer Liebesbrief oder der all abendliche Anruf – solche Rituale schaffen Nähe. Für Paare in Fernbeziehungen besonders wichtig, da so dem Partner gezeigt wird, dass man ihn immer in Gedanken hat und er trotz der Entfernung ein Teil des neuen Lebens ist.

Tipp3: Alltag am Wochenende
Egal ob beim Einkaufen oder beim Joggen – am Wochenende sollte der Alltag mit dem Partner erlebt werden. Dazu gehört vielleicht auch ein Streit. Paare die am Wochenende immer nur heitere Urlaubsstimmung verbreiten erwachen schnell aus dem Liebestraum.

Kristin Weinstock

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