Eine tragische Idylle

Meisterwerke der Kunst im Detail

Ikarussturz1

Größere Abbildung gefällig?

Die Sonne geht auf. Ein malerisches Städtchen irgendwo an der Mittelmeerküste präsentiert sich von seiner schönsten Seite. Türkisblaues Meer, kreideweiße Klippen, fruchtbare Äcker. Inmitten dieser Idylle gehen drei einfache Männer ihrer täglichen Arbeit nach. Sie scheinen zufrieden. Der Pflüger im Vordergrund hat bereits große Teile des Feldes bearbeitet, der einsame Hirte genießt träumerisch die ersten Sonnenstrahlen auf seiner Haut und der Angler am rechten Ufer hat sogar gute Aussichten auf einen ersten Fang an diesem noch sehr jungen Tag. Ein jeder in seine Arbeit vertieft, strahlen sie eine ungeheure Ruhe und Zufriedenheit aus.
Doch es ist eine trügerische Stille. Von allen unbeachtet, ringt am rechten Bildrand eine Figur um ihr Leben. Den Todeskampf schon fast verloren, signalisieren ihre nach Halt suchenden Beine im Kampf mit den Fluten ein allerletztes Aufbäumen. Sie ertrinkt.

Der Mythos

Der flämische Künstler Pieter Bruegel der Ältere („Das Schlaraffenland“) verbildlicht in seinem Gemälde „Landschaft mit pflügendem Bauern und Ikarussturz“ von 1558 eine beliebte Geschichte. Es ist die Geschichte von Daedalus und Ikarus aus den sogenannten Metamorphosen (dt. Verwandlungsgeschichten) des römischen Dichters Ovid.
Daedalus, so erzählt die griechische Sage, war in Athen ein handfertiger und erfindungsreicher Schmied, nicht jedoch so begabt wie sein zwölf Jahre alter Neffe und Lehrling Perdix (gr. Talos). Von diesem wird berichtet, dass er nach dem Muster einer Fischgräte die erste Säge sowie den Zirkel erfand. Dies ärgerte seinen Lehrmeister sehr und in einer unbeobachteten Situation stürzte ihn sein eifersüchtiger Onkel von der Akropolis. Doch die Bestrafung Daedalus’ ließ nicht lange auf sich warten; das Verbrechen wurde entdeckt und der Mörder geahndet.
Zur Strafe verbannte man Daedalus. Er floh auf die Insel Kreta, wo er bei König Minos fortan als Handwerker arbeitete. Dieser beauftragte ihn damit, das sagenumwobene Labyrinth des Minotaurus zu bauen. Doch Daedalus fiel bei dem König in Ungnade und wurde selbst in das Labyrinth verbannt. Zusammen mit seinem Sohn Ikarus wollte er nun fliehen, doch Minos’ Soldaten versperrten ihnen mit ihren Schiffen den Seeweg von der Insel. Daedalus fasste einen Entschluss: „Doch sperrt er mir Länder und Wogen, so steht der Himmel mir frei. Dort will ich dahinziehen. Alles mag Minos beherrschen, doch nicht beherrscht er die Lüfte.“ Also baute er für sich und Ikarus je ein Paar Flügel aus Federn und Wachs. Schon fast die heimatlichen Gefilde erreicht, schlug der Fluchtversuch jedoch fehl. Ikarus’ Übermut über die neugewonnene Freiheit ließ ihn immer höher steigen, bis das Wachs seiner Federn schmolz und er in die Fluten hinabstürzte. Er ertrank, unbeachtet von Bauer, Hirte und Angler.

Inhalt

Detail IkarusPieter Bruegel malt hier den Moment des Ertrinkens. Daedalus lässt er dabei allerdings außen vor. Diese Merkwürdigkeit wirft zu Beginn gleich einige Fragen auf. Wo ist Daedalus? Warum stehen die drei Randfiguren in Ovids Geschichte in Bruegels Gemälde plötzlich im Vordergrund? Und was für eine (untergeordnete) Rolle spielt Ikarus plötzlich?
Die ganze Tragik des Sturzes, der Verlust des Sohnes und das beinahe Gelingen der Flucht scheint in Bruegels Werk geradezu ausgeklammert. Wir finden eine Idylle vor, in der der ertrinkende Ikarus nur ganz nebensächlich dargestellt ist und auf den ersten Blick gar nicht erst erkannt wird.
Der für seine “Niederländischen Sprichwörter” bekannte Maler beabsichtigte in seinem einzigen mythologischen Gemälde vermutlich viel mehr als nur die bildliche Wiedergabe des Mythos. Zahlreiche Kunsthistoriker wollen in ihm verschiedene versteckte Sprichwörter sehen: Es bleibt kein Pflug bestehen um eines Menschen Willen der stirbt. Dieses zeitgenössische niederländische Sprichwort könnte die Hauptintention Bruegels bei der Darstellung des Ikarus gewesen sein. Es bezieht sich jedoch noch auf eine weitere – versteckte – Figur im Bild. Es ist die Leiche eines alten Mannes, dessen Kopf wir unter dem großen Baum in der linken Bildhälfte am Rande des gepflügten Feldes erkennen können. Um wen es sich hier handelt, wurde bis heute noch nicht entschlüsselt. Einige sagen, es handle sich um den alt gewordenen Daedalus, nun bereit zu sterben, andere sehen in ihm die mythologische Gestalt des Ikarios und wieder andere finden in ihm nur eine belanglose Randfigur zur Verdeutlichung des Sprichworts wieder.

Ikarios stellt in der griechischen Mythologie einen Bauern dar, der einst den Weingott Dionysos beherbergte und zum Dank Weinreben erhielt. Als er sie, wie ihm aufgetragen worden war, anderen Bauern zu kosten gab, damit der Weinbau allgemein verbreitet würde, wurde er von diesen erschlagen. Da sie die Wirkung des Alkohols noch nicht kannten, meinten die Bauern, er habe sie vergiftet.

Als die personifizierte Versinnbildlichung eines weiteren Sprichworts könnten so auch die drei Hauptfiguren stehen: Mäßigkeit besteht, Unmäßigkeit vergeht. Durch ihr Nicht-Beachten des Unglückes mahnen sie die Hochmütigkeit, die in Ikarus’ Höhenflug lag, ähnlich dem heute besser bekannten Sprichwort Hochmut kommt vor dem Fall…
Eine weitere Eigenartigkeit im Bilde stellen die Schiffe mit ihren weit aufgeblähten Segeln dar. Betrachtet man das Wasser, so sind lediglich kaum merkliche Wellen wahrzunehmen. Der Seewind würde demnach nie ausreichen, das Schiff voranzutreiben, geschweige denn dessen Segel ausfüllen. Das Schiff auf ruhiger See mit aufgeblähten Segeln galt damals als Zeichen der Harmonie. Doch stellt es dann nicht – oberhalb des ertrinkenden Ikarus befindlich – eine äußerst bittere Ironie dar? Andererseits könnte es auch eine einfache Anspielung auf die Handelsbeziehungen der Niederlande zur Zeit Bruegels sein. Äußerst kontrovers erscheint einem auch die höhlenartige Insel oberhalb des Pflügers. Wurde hier Bezug auf Daedalus’ einstiges Gefängnis auf Kreta genommen? Oder steht die Insel gar mahnend und stellvertretend für den fehlenden Daedalus? Merkwürdig erscheint letztlich auch der Stand der Sonne. Ist sie im Auf- oder Untergang? Laut Geschichte befand sie sich auf ihrem höchsten Stand.

Zahlreiche Fragen rund um dieses vergleichsweise eher unbekannte Bruegel’sche Meisterwerk sind noch ungeklärt.
Fest steht jedenfalls, dass sich dieses Gemälde durch seine Außergewöhnlichkeit auszeichnet und in Bruegels Zeit, in der nur sehr wenige Menschen lesen konnten, für viele an Stelle der Originalgeschichte von Daedalus und Ikarus trat. Das, was dem Auge des heutigen Betrachters unverständlich und – vielleicht für immer – verschlossen bleibt, war für den einfachen Bauern in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts vermutlich eine Art moralischer Appell und Unterhaltung zugleich.

Sabrina Keller
Bruegel_BuchFür alle, deren Interesse für Pieter Bruegel den Älteren geweckt wurde, empfiehlt sich folgendes Überblickswerk von Rose-Marie und Rainer Hagen: Pieter Bruegel d. Ä. um 1525 – 1569: Bauern, Narren und Dämonen. Erschienen 2009 im Taschen Verlag, Preis 7,99 €.

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