“Viele ergeben sich einfach der Gewohnheit des Lebens und brechen nicht aus. Warum?, frage ich mich.”

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Regisseur Harald Fuhrmann spricht mit Ka.mpus über Samuel Becketts Stück “Warten auf Godot”, das am 21.01.2010 im Theater Baden-Baden Premiere feiert.

Das 1953 in Paris uraufgeführte Stück “Warten auf Godot” zählt heute zu den Klassikern des absurden Theaters und verhalf dem Theaterautor Samuel Beckett zum internationalen Durchbruch. Ab dem 21.Januar 2010 wird das Stück im Theater Baden-Baden zu sehen sein. Für uns war das Anlass genug, um den Berliner Theaterregisseur Harald Fuhrmann um ein Gespräch zu bitten.


Ka.mpus: Warten auf Godot handelt von zwei Menschen, Estragon und Wladimir, die sich an einem undefinierbaren Ort in einem immerwährenden Wartezustand befinden. Sie wissen nichts über diesen Godot, nicht einmal, ob es ihn überhaupt gibt. Aber dennoch: Er könnte ihr Leben verändern. Wie sehen Sie das? Worum geht es für Sie in diesem Stück?

Harald Fuhrmann: In Warten auf Godot geht es für mich um Hoffnung. Um die Hoffnung, dass im Leben etwas Besonderes passieren kann, etwas, was einem das Gefühl gibt, dass das, was man tut, einen Sinn ergibt. Und dies ist verbunden mit dem Warten. Während des gesamten Stücks warten die beiden Protagonisten, wie sie schon gesagt haben, auf einen gewissen Godot, wer oder was auch immer das ist. Sie warten im Grunde auf eine Veränderung, die ihrem Leben eine Bedeutung verleihen soll und verzweifeln schließlich zunehmend daran, dass nicht das eintritt, was sie sich erhoffen. Es geht um einen verzweifelten Kampf, darum einen Sinn in ihrem Dasein zu finden. Ich denke das hat auch viel mit dem Leben an sich zu tun. Wie jeder von uns sehnen sie sich nach einem Halt im Leben. Die beiden stehen stellvertretend für die Gefühle vieler Menschen, die in ihren Gewohnheiten fest hängen und tief in ihrem Innern hoffen und vielleicht auch darauf warten, dass irgendwann einmal etwas geschieht, das sie aus diesem Trott, aus dieser Sinnlosigkeit, herausreißt. Auch sie fragen sich: „Wofür mache ich das alles?“, „Was ist mein Leben?“, „Wo steuert das alles hin?“

Ka.mpus: Das Stück ist in der Nachkriegszeit entstanden und bezieht sich, vielen Interpretationen zufolge, auf die innere Leere der Menschen, die sie angesichts dieser Zeit verspürten. Wie sehen Sie das?

Harald Fuhrmann: Ich würde eher sagen, dass das Stück vielmehr die Zeit im Krieg widerspiegelt. Samuel Beckett, der sich während dem zweiten Weltkrieg in Frankreich aufhielt, war eine Zeit lang Mitglied der Résistance gewesen und flüchtete anschließend in den Südosten des Landes, in die Vaucluse. Ich denke in dieser Zeit, in der er als Künstler außer Stande war mit seiner Arbeit wirklich viel zu verändern oder voranzutreiben, konnte er nichts anderes tun, als darauf zu warten, dass sich die Situation verbessert. Und das war damals sicher eine Extremsituation, die einem die Hilflosigkeit vor Augen führte. Das gibt es auch noch heute sehr stark. Heute ist es vielleicht nicht so ein brennendes Gefühl wie zu Kriegszeiten, sondern viel subtiler. Viele ergeben sich einfach der Gewohnheit des Lebens und brechen nicht aus. Warum?, frage ich mich.

Ka.mpus: Gibt es etwas Besonderes an Becketts Stücken? Etwas, das ihn von anderen Autoren unterscheidet?

Harald Fuhrmann: Ich finde interessant, dass er ganz viele Regieanweisungen geschrieben hat. Ich denke das liegt daran, dass ihn die Handlung stärker interessierte als die Sprache. Ich habe mich in diesem Stück dementsprechend sehr damit beschäftigt, sowie auch die Schauspieler. Sie mussten ganz anders an die Sache herangehen. Normalerweise lernen sie ihren Text, gehen auf die Bühne und wir schauen was passiert. Hier mussten sie auch die Regieanweisungen lernen, weil das fast wie Text ist. Beckett versucht ganz bewusst mit den Handlungen, mit jedem Gang und jeder Bewegung, etwas zu erzählen. Später hat Beckett sogar Stücke geschrieben, in denen die Figuren keinen Text hatten. Letzten Endes hat er Bilder gebaut, die aus seinen Handlungen entstehen. Die Frage „Was erzählt man durch das Tun und nicht nur durch Worte?“ hat er sich wohl stets vor Augen geführt. In dieser Art ist mir das so noch nicht begegnet, obwohl das sicherlich auch schon andere Autoren gemacht haben.

Harald Fuhrmann (*1969) arbeitet seit acht Jahren als freier Regisseur. Nach seinem Schauspielstudium, das er 1995 an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg abschloss, war er zunächst als Schauspieler am Theater Lübeck engagiert, bevor er 1998 bis 2002 Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch studierte. Seit 2004 hat er gemeinsam mit Christiane Wiegand die künstlerische Leitung der selbstgegründeten Theatercompagnie Die fliegenden Fische inne. Mit dieser Compagnie war Fuhrmann von 2005 bis 2006 in Indien, Pakistan und Nepal unterwegs. Zuletzt inszenierte er das selbst entwickelte Stück Die Weber von Augsburg am Theater Augsburg und Friedrich Schillers Die Räuber am Theater Baden-Baden.
Mehr Informationen dazu auch auf: http://www.fliegende-fische.com

Ka.mpus: 2008 inszenierten Sie bereits Die Räuber von Schiller für das Theater Baden-Baden. Mit Becketts Warten auf Godot folgt nun wieder ein bekanntes Theaterstück. Wie kam es zu diesem Projekt?

Harald Fuhrmann:
Ich stehe mit der Theaterleitung in einem recht engen Kontakt. Nach den Räubern haben wir uns gedacht, dass es schön wäre, wieder zusammen zu arbeiten. Die Idee Warten auf Godot aufzuführen kam vom Theater Baden-Baden. Aber da ich auch schon lange Lust und noch nicht die Gelegenheit hatte, mich mit Beckett intensiver zu beschäftigen, habe ich sofort zugesagt. Ein weiterer Pluspunkt war, dass es die Möglichkeit einer optimalen Besetzung gab.

Ka.mpus: Wie kommen Kooperationen mit Theatern allgemein zustande?

Harald Fuhrmann: Ich habe das Glück, das ich meistens Mitspracherecht hatte. Im Normalfall tritt das Theater an mich heran und fragt an, ob ich ein Stück mit vorgegebener Besetzung inszenieren möchte. Es kommt auch vor, dass mir fünf bis sechs Stücke vorgeschlagen werden und ich mich für das, das mir am besten gefällt, entscheide. Manchmal schlage ich auch ein Stück vor, das mir besonders unter den Nägeln brennt und das ich sehr gerne inszenieren würde. Ich habe auch eine freie Theatergruppe, die Theatercompagnie Die fliegenden Fische, mit der ich vor kurzem gemeinsam Heimgesucht- Ein Stück Deutschland gemacht habe. In Vorbereitung dazu sind wir durch Deutschland gereist, haben verschiedene Menschen interviewt und aus deren Geschichten gemeinsam mit der Autorin Katharina Schröter einen Theaterabend entwickelt. Im Grunde ist es also ganz unterschiedlich, wie sich eine Kooperation ergibt.

Ka.mpus: Das Stück Warten auf Godot wird bis März 2010 vorerst elf Mal aufgeführt. Werden Sie bei jeder dieser Vorstellungen anwesend sein?

Harald Fuhrmann:
Nein, leider nicht. In diesem Fall – und das ist mir noch nie passiert – sehe ich nur die Premiere meines Stücks. Meist bleibe ich noch länger, sehe mir weitere Vorstellungen an und gebe den Schauspielern Rückmeldung. Am 1. Februar fahre ich aber für viereinhalb Monate nach Australien und Neuseeland, weil dort das nächste Projekt auf mich wartet: Ghetto von Joshua Sobol, ein Stück über das Ghetto in Litauen. Und da ich hierfür viel vorzubereiten habe, kann ich nicht länger in Baden-Baden bleiben. Aber wer weiß, vielleicht wird das Stück wieder aufgenommen oder im Juli noch einmal gespielt. Dann werde ich es mir sicher noch einmal anschauen.

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Ka.mpus: Was kann das Publikum von Ihrer Inszenierung erwarten?

Harald Fuhrmann: Gerade bei Warten auf Godot habe ich den Schwerpunkt auf das Agieren der Schauspieler gelegt, denn im Grunde haben wir hier ja nur eine leere Bühne mit einem Baum. Allgemein würde ich sagen, dass ich Schauspielertheater mache. Das heißt ich konzentriere mich sehr auf die Schauspieler. Wie ich vorhin bereits angedeutet habe, habe ich gerade bei diesem Stück sehr präzise inszeniert, was ich in der Art für gewöhnlich nicht tue. Wir spielen hier auf einer Schrägen als Spielfläche. Jeder Schritt der Schauspieler hat eine Bedeutung und erzählt etwas. Die Kunst dabei ist, dass diese Bewegungen bei den Schauspielern völlig spontan aussehen. Doch in Wirklichkeit sind sie genauestens festgelegt. Mein Theater zeichnet sich hoffentlich dadurch aus, dass es den Menschen, die auf der Bühne stehen, auch um etwas geht.

Ka.mpus: Wenn wir schon bei dem Thema sind. Was ist eigentlich für Sie das Besondere am Theater?

Harald Fuhrmann: Das Einzigartige für mich ist, dass es im Moment stattfindet. Es können im Theater Energien entstehen. Eine Wechselbeziehung zwischen dem Publikum und den Schauspielern ist in solch einem Ausmaß in den üblichen Medien wohl kaum möglich. Das Theater gibt den Zuschauern die Chance über bestimmte Themen nachzudenken. Es kann sie aufrütteln und ihnen Sichtweisen auf Dinge zeigen, die sie vielleicht mit nach Hause nehmen können. Für mich ist das Theater im Idealfall ein Ort der Kommunikation. Und das Besondere ist auch, dass es immer wieder neu und anders ist, weil sowohl die Schauspieler als auch die Zuschauer immer verschieden sind. Jede Vorstellung ist einzigartig.

Sie haben zunächst eine Schauspielausbildung absolviert, bevor Sie Regisseur wurden. Haben sie in Zukunft vor einmal wieder selbst eine Rolle zu spielen?

Harald Fuhrmann:
Ich spiele immer noch ab und zu Theater und habe der Schauspielerei noch nicht wirklich Adieu gesagt. Aber ich kann nun mal nicht beides machen. Im Moment konzentriere ich mich sehr auf das Regieführen. Seit 15 Jahren mache ich nebenher hin und wieder noch Straßentheater. Da tobe ich mich dann aus. In meiner Theatergruppe mache ich auch bei Übungen und Workshops mit. Zwischendurch habe ich auch kleinere Rollen gespielt. Im Burgtheater Wien habe ich zum Beispiel eine Zeit lang Peter Zadek assistiert und konnte dort auch wieder mal auf der Bühne stehen.

Ka.mpus: Zu guter Letzt: Werden wir bald wieder eine Inszenierung von Ihnen im Theater Baden-Baden sehen?

Harald Fuhrmann: Das ist nicht auszuschließen. [lächelt]

Ka.mpus: Wir danken Ihnen ganz herzlich für das Interview und wünschen Ihnen viel Erfolg bei der Premiere von Warten auf Godot.

Warten auf Godot Foto: Jochen Klenk

Samuel Becketts Warten auf Godot feiert am 21.01.2010 um 20.00 Uhr Premiere im Theater Baden-Baden.
Weitere Termine: 22., 30., 31.01.; 03., 04., 09., 12., 20.02.; 13., 28.03.2010
Mehr Informationen dazu auch auf: http://www.theater.baden-baden.de
Kristina Kunz und Margarita Lang

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