“My Campus” – dem Studi auf der Spur

ehrenhof schmal

Die Universität, Verzeihung!, das KIT in Karlsruhe ist vor allem für eines bekannt: Es ist eine Technische Hochschule. Hier sieht man allerhand angehende Bauingenieure, Informatiker, Maschinenbauer, Architekten, zugegeben auch den ein oder anderen Naturwissenschaftler, die Wiwis nicht zu vergessen und zu guter letzt auch noch die Geistes- und Sozialwissenschaftler. Aber was tun die eigentlich, wenn sie nicht gerade lesen? Ziemlich viel! Das beweist die jüngste explorative Studie des interdisziplinären Forschungs-projektes My Campus – Räume für die „Wissensgesellschaft“?

Gerade an einer Technischen Hochschule wird sehr viel Wert auf Objektivität gelegt. Und solche Dinge werden auch gelehrt – die objektiven Wahrheiten der Wissenschaften. Die Subjektivität gerät da schon mal aus dem Blick. Interessiert es den Chemiker, dass nur jeder zweite den bitteren Geruch von Blausäure riechen kann oder ist sein Augenmerk eher auf die chemischen Eigenschaften der Substanz gerichtet?

Objektiv kann man sagen, dass, im bundesweiten Vergleich, Karlsruhe eine große Forschungslandschaft bildet; mit acht Hochschulen und rund 30.000 Studenten hat die Stadt sogar die höchste Forscherdichte Deutschlands. Der Chemiker sucht nach Düften, um die vielen Studenten einander näher zu bringen, die Architekten planen große Gebäudekomplexe, damit die vielen Menschen auch Wohnraum erhalten und für den Mathematiker ist dieses Karlsruhe ein aus einer Aneinanderreihung von Vektoren bestehender Raum, in dem sich eine bestimmte Anzahl von Personen aufhält.

Wie sich aber die einzelnen Individuen dabei fühlen, wie sie subjektiv ihren Campus und ihr Studentendasein insgesamt erleben, haben nun die Disziplinen Soziologie und Stadtplanung in der My Campus–Studie herausgefunden.

Der Autor weigert sich den Term “Studierende” zu benutzen, solange es auch keine männliche Bezeichnung für Krankenschwester gibt, was folglich der Krankenbruder sein müsste – genauso unsinnig scheint es mir von einer Gesamtheit der Studenten als Studierendenschaft zu sprechen oder deren Arbeitsort gar als Studierendenstube zu bezeichnen. Ein schlafender Student ist nun mal kein Studierender, sondern ein Schlafender. Ähnlich verhält es sich mit einem computerspielenden, kochenden, urinierenden, … Studenten. Das ist meine subjektive Meinung. Die Frauen unter den Studenten mögen mir dies nachsehen und sollten dies nicht als diskriminierend erachten, es geht dabei rein um den puristischen Aspekt.

Unter der Leitung von Prof. Dipl.-Ing. Kerstin Gothe (Institut für Orts-, Regional- und Landesplanung) und Prof. Dr. Michaela Pfadenhauer (Institut für Soziologie) bearbeitete in erster Linie die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie Alexa Maria Kunz M.A. das Projekt. Aufgabe war es, die Bewegungen und Studiengewohnheiten, sowie die subjektiven Campuswahrnehmungen der insgesamt 60 Studienteilnehmer in Erfahrung zu bringen. Zwei Wochen lang sollten die partizipierenden Studenten ihre Wege, Aktivitäten und Impressionen, die sie auf dem Campus Süd hatten, dokumentieren. Es musste ein so genanntes Logbuch ausgefüllt werden, in welchem sämtliche Beschäftigungen, die Dauer derer sowie die besuchten Orte vermerkt wurden. Dabei sollten die Studenten auch anmerken, weshalb sie sich Hier und Da aufhielten, was ihnen besonders ge- oder missfiel. Täglich wurden die Wege, längere Aufenthalte und Pausen in einen Plan eingetragen.

Um ein breites Feld und eine damit allgemeine Aussage zu erschließen, sollten die Befragten aus möglichst vielen Studienzweigen stammen. Auch eine Ausgewogenheit der Geschlechter wurde berücksichtigt. Zudem hatte man ausländische Studenten, Pendler und Ortsansässige gleichermaßen in der Studie berücksichtigt.

Tagesablauf im Logbuch eines Studienteilnehmers

Tagesablauf im Logbuch eines Studienteilnehmers

Kriterium für ein unverfälschtes Ergebnis war zum einen die Unvoreingenommenheit der freiwilligen Teilnehmer. So hatten die 60 Studenten laut Alexa Maria Kunz lediglich Hinweise erhalten, worauf sie achten könnten. So konnte es beispielsweise passieren, dass an einem Tag ein Ort als vorteilhaft, an einem anderen derselbe Ort als unangenehm erscheint. Die Teilnehmer wurden lediglich sensibilisiert, als Ansporn gab es kein Geld, sondern Gewinne wie Laptops.

Zwar hatten die Logbücher vorgefertigte Tabellen, doch die Teilnehmer waren beim Ausfüllen so eifrig, dass sie auch viele Nebeninformationen gaben. Aufgrund derer konnten sogar zusätzliche Erkenntnisse gewonnen werden, die ursprünglich gar nicht beabsichtigt waren.

Viele mögen glauben, das Studentenleben der heutigen Zeit sei reine Schufterei und biete wenig Platz für Müßiggang. Doch auch in Zeiten von Studiengebühren und Masterstudiengängen nutzen viele das Studium als eine Phase vieler Möglichkeiten – je nachdem, was ihnen persönlich wichtig erscheint. Diese Vielfalt an Eindrücken und Möglichkeiten zeigt sich auch in der Campusnutzung, so dass über die Darstellungen aus den Logbüchern fünf unterschiedliche Typen erschlossen werden konnten, was sogar das Forscherteam erstaunte.
Der Homie ist jemand, der am liebsten von zuhause aus arbeitet. Nur das Notwendigste erledigt er auf dem Campus. Wenn es möglich wäre, würde der Homie wahrscheinlich gar nicht mehr auf den Campus kommen; er sieht diesen Ort als reine Informationsbeschaffungsstätte.

Das genaue Gegenteil dazu ist der College-Typ. Er verbringt die meiste Zeit auf dem Campus und ist nicht nur dort, wenn er muss. Hier kann er mehr tun als nur studieren. Der College-Typ nimmt auch Freizeitangebote an der Uni wahr, geht hier essen, treibt Sport und geht, wenn möglich, sogar abends auf dem Campus aus.

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Wer einen Studenten vor Augen hat, der sich einzig auf das Lernen konzentriert, zumindest so lange er auf dem Campus weilt, denkt an den Separator. Ein Studententypus, der ausschließlich zum Arbeiten hier ist. Die Uni ist für ihn nicht geeignet zum Party machen und seine Freizeit verbringt er anderenorts. Anders der Integrator : Er verbindet gezielt die für ihn wichtigen Angebote mit jeweils für ihn passenden Orten. Mal lernt er zu Hause, mal auf dem Campus – mal besucht er das Uni-Kino, mal die Schauburg – was eben gerade passt.

Zuletzt gibt es laut der My Campus-Studie noch den Flaneur. Sein Ziel ist es nicht, hier Vorlesungen zu besuchen, sondern eine gute Zeit auf dem Campus zu erleben. Vorzugsweise nimmt er die schönen Dinge mit, trifft andere Menschen, trinkt Kaffee und genießt die Atmosphäre. Angebotene Freizeitmöglichkeiten begeistern ihn mehr als die Vorlesungen.

5 Typen:
Homie: Uni ist nur Ort zur Beschaffung von Informationen – arbeitet am liebsten Zuhause
Separator: Nur zum Arbeiten an der Uni, nicht zum Party machen
Integrator: Lernen und Freizeit vermischen sich mal hier, mal dort – wie es gerade passt
College-Typ: Würde gerne auf dem Campus wohnen – nimmt alles mit, was angeboten wird
Flaneur: Genießt die studentische Atmosphäre auf dem Campus

Gleich welchen Typ man betrachtet, zwischen all den genannten haben sich auch Parallelen aufgezeigt. Das Forscherteam fand heraus, dass es eine kollektive Campuswahrnehmung gibt. Vor allem Frau Prof. Gothe war positiv beeindruckt davon, welches ästhetische Gespür die Studenten an den Tag legten. Die kleinsten Details wurden beschrieben. Funktionalität, architektonische Gegebenheiten, Bequemlichkeit des Mobiliars und das Erscheinungsbild der Räumlichkeiten sind nur einige wenige der viel beschriebenen Kriterien, die My Campus so interessant machen. Unisono sind die Studenten ziemlich zufrieden mit dem Campus: Vor allem die vielen Grünflächen auf und um den Campus sind äußerst beliebt und Service-Angebote wie die 24-Stunden-Öffnungszeiten der UB schneiden sehr gut ab. Weniger gut kommen viele Innenräume, insbesondere Hörsäle weg.

Dass die Freiflächen und Wiesen auch zum Lernen genutzt werden, sagt viel über deren Stellenwert aus. Die Auswertungen ergaben, dass der gefühlte Campus weit größer ist, als der tatsächliche. So empfanden beispielsweise die meisten den Schlossgarten als dem Campus zugehörig. Aus städteplanerischer Sicht sind solche Erkenntnisse sehr wichtig und da die Studie durch Mittel der Universität Karlsruhe (TH) und des House of Competence (HoC) finanziert wurde, wurde zusätzlich eine Ideensammlung für die planerische Weiterentwicklung des Campus Karlsruhe erstellt.

Kreativ gestaltetes Logbuch

Kreativ gestaltetes Logbuch

Hochschulen sind immer schon Orte der Begegnung gewesen, doch spätestens nach dieser Studie können wir uns gewahr werden, wie unterschiedlich ein solcher Ort betrachtet wird.

Dank der Studie wird klar: Geistes- und Sozialwissenschaftler leisten für diese Uni viel – Grund genug für die Techniker und Naturwissenschaftler, von ihrer Gespanntheit abzulassen und ihre Schalkhaftigkeit gegenüber der Minderheitengruppe abzulegen.

Wen die Studie weitergehend interessiert, der muss nicht mehr lange warten. Die Publikation zu My Campus – Räume für die “Wissensgesellschaft”? Eine explorative Studie zu Raumnutzungsmustern von Studierenden erscheint noch Anfang diesen Jahres im vs Verlag.

Mojique Herrmann

Links zum Thema:

Offizielle Homepage zur Studie: www.mycampus-ka.de
My Campus beim Institut der Soziologie: www.pfadenhauer-soziologie.de/?p=84
Institut für Soziologie: http://soziologie.geist-soz.uni-karlsruhe.de/
Institut für Orts-, Regional- und Landesplanung: www.arch.uni-karlsruhe.de/rbl/index.php?page=202

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2 Reaktionen zu ““My Campus” – dem Studi auf der Spur”

  1. Tante Franziska

    Lieber Autor (oder sollte ich Autorin sagen?! Zwecks Purismus?),

    ich kann Deinen Punkt im rosa Kästchen nicht ganz verstehen. Warum weigerst Du Dich, eine Gruppe von Personen, die relativ ausgewogen aus Frauen und Männer besteht, “Studierende” zu nennen? Für was verwenden wir denn Sprache und Begriffe? Doch auch, weil wir miteinander kommunizieren wollen, und das geschieht eben durch die Sprache. Wenn ich sagen würde: “Schau mal, da drüben steht eine Schreinerin”, dann würde jeder nach einer Frau Ausschau halten, die vielleicht eine Schreinerkluft trägt. Wäre irgendwie blödsinnig, wenn ich “Schreinerin” sagen würde, aber von einem Mann sprechen würde. Wenn ich über eine männliche Krankenschwester spreche, würde ich dieses Wesen als “Krankenpfleger” bezeichnen. Würde ich das in einem Kontext tun, in dem es um seinen Beruf geht, würde ich auch “Krankenpfleger” sagen, auch wenn dieses Wesen noch tausend andere Eigenschaften besitzt. Was hat die Sprache also mit Purismus zu tun? In diesem Sinne, Dein Onkel Franz (oder doch eher Tante Franziska?)

  2. ...

    Denke mal das soll witzig vom Autor/ der Autorin gemein sein?

    Aber ansonsten: word, Tante Franzi…

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