Oh du fröhliche

Die Weihnachtszeit wird im Einzelhandel in der Regel gegen Ende der Sommerferien eingeläutet, wenn sich die ersten Lebkuchenmännchen in den Regalen häuslich niederlassen. Ende September werden sie von den glöckchenbeladenen Schokoweihnachtsmännern unterstützt. Gut, dass so ein Lebkuchen Jahre hält, sonst könnte man wohl einen Qualitätseinbruch vermuten. Alle, die diesem Druck noch standhalten können, sind mit dem Eintreffen der Coca-Cola Trucks, dem Anbringen der Lichterketten und der Eröffnung von Weihnachtsmärkten gezwungen, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Weihnachten naht.

Weihnachtsbaum am Rockefeller Center

Die Erwartungen an die Vorweihnachtszeit sind meist recht hoch gesteckt – die Zeit soll vor allem besinnlich, gemütlich und auf gar keinen Fall allzu stressig sein. Letzteres lässt sich des Öfteren nicht ohne ein paar Tassen des Heißgetränks erreichen, das unter Insidern in den U.S.A. auch “Gluhwein” genannt wird.Leider verhält es sich mit den Erwartungen ähnlich wie mit dem Memory spielen, die Karte, die man aufgedeckt hat, deckt sich in der Realität nicht immer mit der Nächsten.

Als Weihnachtsliebhaber sollte man, zumindest einmal im Leben, zur selbigen Zeit ins gelobte Land fahren‒nach New York. Da die Amerikaner einen spürbaren Hang zu Dingen haben, die den Beinamen XXL tragen und verdienen, von Kleidungsgrößen mal ganz abgesehen, ist die Vorweihnachtszeit dort mal eben in die Breite gegangen. Größere Lichterketten, lautere Weihnachtsmusik, ein größerer Baum und gratis dazu ebenso große Klischees. Der Apfel fällt eben nicht weit vom amerikanischen Stamm, auch der Big Apple macht da keine Ausnahme. Besagte Klischees werden zum einen von den Reisenden eingeflogen und sind aber in gleichem Maße auch bei der Bevölkerung zu finden. Als Deutscher muss man sich im Übrigen keine Sorgen um Sympathien machen, denn wir “Brezel-backenden”, “Bier-brauenden”, “Schloss-Erbauer” sind in der Regel als gemütliches Volk bekannt. Hier besteht Grund zur Annahme, dass dieses Bild eines Deutschen ziemlich sicher von einem Touristen japanischer Herkunft geprägt wurde, der kurz zuvor in Bayern einen Zwischenstopp eingelegt hat. Allerdings wollen viele Touristen lieber durch etwas ganz anderes im Gedächtnis bleiben, nämlich dem Meckern, bekannt auch als Mäkeln oder Herummäkeln.

Das Herummäkeln üben sie an vielem, den horrenden Preisen für Starbucks, den vielen Touristen und daraus resultierenden Warteschlangen, dem vielen Kitsch und selbstverständlich an diesem unglaublichen Weihnachtsstress. Wer bis hier gut aufgepasst hat wird jetzt einen Aha-Moment erleben und womöglich denken, das hätten die Touristen doch vorher wissen können. Zu ihrer Entschuldigung könnte man nur das bereits erwähnte Beispiel mit dem Memory-Spiel und der Diskrepanz zwischen Schein und Sein anbringen, oder ganz einfach, den niedrigen Dollarkurs. Dieser hat zu viele Leute dazu verleitet, mal eben in den Flieger nach New York City zu steigen. Und so drängeln sich die Massen von Dollartouristen durch die Straßen, immer auf der Suche nach dem heiligen Gral des Weihnachtsfestes, meist zu finden in den Hallen großer Kaufhausketten. Auch die Wächter des Grals, die Mitglieder der Heilsarmee mit ihren Glöckchen, sind schnell durch ein paar geschickte Schritte ausmanövriert und schon geht es vorbei an als Rentier verkleideten Sicherheitsleuten in das Paradies der Kreditkarten.

Für alle mit Heimweh kann so aus Weihnachten in einer fremden Stadt wieder genau das werden was es zu Hause für viele auch ist: purer Stress.

Sonja Maurer

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