Filmrezension: „Geh und Lebe”

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„Va, vis et deviens”, so der Originaltitel des Flüchtlingsdramas, in dem ein christlicher Junge eine jüdische Identität annehmen muss, um überleben zu können.
Der in Frankreich lebende Regisseur Radu Mihaileanu erzählt die Geschichte einer Selbstfindung zwischen den Kulturen und Religionen.

Der Film beginnt mit der Trennung von Mutter und Sohn. Sie, eine äthiopische Christin, gibt ihn als Juden aus und schickt ihn nach Israel, um ihn vor dem Hungertod im sudanesischen Flüchtlingslager zu schützen. Da ihnen als Christen die Ausreise nicht genehmigt wird, vertraut sie ihren Sohn einer jüdischen Äthiopierin an, deren eigener Sohn gerade erst an Unterernährung gestorben ist. „Du bist jetzt ein Jude“, sagt die Pflegemutter dem Neunjährigen, den sie Schlomo nennt. Zusammen mit weiteren tausend äthiopischen Juden werden die beiden nach Israel, ins Gelobte Land, geflogen.
Nun muss sich der Junge allein durchschlagen, was ihm in der fremden Umgebung sehr schwer fällt. „Was ist das für ein Land, in dem das Wasser aus der Dusche fließt und trotzdem nie knapp wird, in dem man Strümpfe und Schuhe trägt und nicht auf dem Boden schläft?
Nachdem seine Pflegemutter verstirbt und er durch sein Verhalten im Waisenhaus auffällig wird, adoptiert ihn eine jüdische Familie, die sehr um ihn und ein geregeltes Familienleben bemüht ist.
Schließlich lässt er sich auf die Menschen ein, sein Geheimnis jedoch vertraut er niemandem an, aus Angst wieder zurück ins Flüchtlingslager geschickt zu werden.
Schlomo lernt nach einiger Zeit Vertrauen zu fassen, zu leben und zu lieben. Er passt sich an, trotzdem quält ihn eine innerliche Zerrissenheit. „Geh, lebe und werde“, aber wie soll er „werden“, wenn er nicht weiß, wer er ist?
Er erfährt Hass und Ausgrenzung statt Mitgefühl und Menschlichkeit. Die nicht akzeptierte Liebe zu der Tochter eines orthodoxen Juden und die nie verwundene Trennung von seiner Mutter belasten ihn. Hat er also das Gelobte Land nie wirklich erreicht?

Der Film basiert auf der 1984 durchgeführten „Operation Moses“. Das durch den israelischen Geheimdienst mit amerikanischer Unterstützung gegründete Hilfsprojekt flog gut 6000 äthiopische Juden ins Gelobte Land aus. Allerdings war es nur jüdischen Äthiopiern gestattet, die Hilfe in Anspruch zu nehmen. Christen, die sich als „Blinde Passagiere“ entpuppten, wurden wieder zurück nach Afrika geschickt.
Geh und Lebe ist nicht nur ein Film über ein Stück Zeitgeschichte, sondern er behandelt Fragen nach Identität und Zugehörigkeit. Überleben wird zu einer Frage der Täuschung, ähnlich wie in Mihaileanus letztem Film Zug des Lebens, in dem sich ein Dorf während des Zweiten Weltkrieges selbst deportiert. Um an den deutschen Truppen vorbei nach Palästina zu kommen, tarnt sich die eine Hälfte des Dorfes als Nazis, die die andere bewacht.
Auch in Geh und Lebe kommt es zu einem Rollenspiel. Ein Christ wird zu einem Juden, der ansonsten aufgrund seiner Andersgläubigkeit von der israelischen Regierung in den sicheren Tod geschickt werden würde.

Unsicherheit, Annäherung und Widerstand werden von den drei Schauspielern, die Schlomo in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen zeigen, beeindruckend verkörpert.
Trotz Überlänge bleibt der Film, der mit 15 internationalen Festival- und acht Publikumspreisen ausgezeichnet wurde, spannend und emotional mitreißend bis zum Schluß. Der Regisseur schafft es mit einem differenzierten Blick das Überleben zwischen zwei Religionen zu betrachten und plädiert für die Überwindung von Vorurteilen und Intoleranz.

Rebekka Zajonc
Hintergrundinformationen zum Film, den Schauspielern und der Operation Moses findet findet ihr hier:
www.geh-und-lebe.de

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