Faszinierend – Logbuch einer Kultserie

„Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“



Auch heute noch, fast 40 Jahre nach seiner Entstehung, löst das Intro von Raumschiff Enterprise eine feierliche, ja geradezu würdevolle Stimmung aus, die dem Zuschauer schon mal einen wohlig nostalgischen Schauder über den Rücken jagen kann.

Im Jahre 1966 von dem amerikanischen Drehbuchautor Eugene Wesley „Gene“ Roddenberry kreiert, ist die Serie im Science-Fiction-Format heute aus der Geschichte des Fernsehens nicht mehr wegzudenken. Ob sie nun, wie von den Gegnern vielfach behauptet, eine Krankheit darstellt, oder aber eine Religion, darüber lässt sich streiten. Fest steht jedenfalls: sie ist Kult.

Das beweist allein die Vielzahl medialer Werke, die auf der inhaltlichen Vorlage von Raumschiff Enterprise entwickelt wurden. Hinter dem übergreifenden Namen Star Trek verbergen sich insgesamt sechs Fernsehserien mit zusammengerechnet 726 Episoden, elf Kinofilme sowie zahlreiche Bücher, Computerspiele und andere Merchandiseprodukte.

Basierend auf dem Grundgedanken einer positiven Zukunft, ist die Star Trek-Welt sowohl durch technischen Fortschritt als auch durch einen soziologischen Wandel gekennzeichnet. Der Kapitalismus existiert nicht mehr und auch anderweitige Probleme wie Rassismus oder soziale Ungleichheit sind „Schnee von gestern“. Doch nicht nur gesellschaftlich, sondern auch in der Wissenschaft und in der Technik hat die Menschheit einen enormen Entwicklungsschritt geleistet. Mit Hilfe des Warp-Antriebs sind die Menschen nun in der Lage, mit Überlichtgeschwindigkeit durch den Weltraum zu reisen und eine Vielzahl fremder Spezies zu entdecken, wobei die Außerirdischen ihnen jedoch nicht immer nur freundlich gesonnen sind.

Diese leidliche Erfahrung musste auch die berühmte erste Besatzung der Enterprise machen, die aus Captain James T. Kirk (William Shatner), seinem Ersten Offizier, dem Halbvulkanier Spock (Leonard Nimoy), dem Schiffsarzt Leonard „Pille“ McCoy (DeForest Kelly) und weiteren Mitgliedern jeglicher Erdennationen bestand.
Mit ihren Wüstenlandschaften und Pferden erinnern die ersten Episoden von Raumschiff Enterprise noch stark an die zur damaligen Zeit besonders beliebten Wildwestfilme, so dass man sie getrost als „Western im Weltraum“ bezeichnen kann. Schon der Titel „Star Trek“ erinnert an die frühe Besiedlung des amerikanischen Westen und erzeugt somit eine gewisse Planwagenromantik. Doch nicht nur die Genrevorlieben des Publikums spiegeln sich in diesen frühen Folgen wieder, sondern auch das begrenzte Budget, welches den Machern zu Verfügung stand und die noch nicht ganz ausgereifte Technik. So trifft die Besatzung des Raumschiffes zunächst erstaunlich oft auf erdähnliche Planeten, die keine speziellere Ausrüstung erfordern und meist von humanoiden Lebensformen bewohnt werden.
Das Westernimage der Serie hat sich im Laufe der Zeit mit dem Geschmack der Zuschauer zugunsten eines komplexeren und actionlastigeren gewandelt, wobei im Zuge dieses Geschehens ebenfalls der militärische Charakter der Sendung zunahm. War dieser zwar schon ganz zu Anfang durch die Uniformen und die, dem Militär nachempfundenen, Dienstgrade vorhanden, so zeichneten sich die Missionen jedoch ausdrücklich durch ihren friedlichen Charakter aus, wohingegen es in späteren Episoden durchaus auch zu ernsten Konflikten kam.

Bemerkbar macht sich in den zeitlich späteren Star Trek-Serien ebenfalls das Fehlen der Dreierkonstellation Captain Kirk, Spock und „Pille“, auf die der moralische Charakter der frühen Folgen maßgeblich zurückzuführen ist. In diesen wird der impulsive Captain Kirk, welcher dazu veranlagt ist, in brenzligen Situationen einfach blindlings loszustürmen, regelmäßig durch die beiden Gegenpole Mr. Spock und Dr. McCoy gebremst. Während Mr. Spock als Halbvulkanier immer der Rationalität den Vorzug gibt, ist „Pille“ McCoy eher der Humanist, dessen Weltbild sich durch die Prägung bestimmter Werte ausweist. Durch diese konträren Einstellungen kommt es fast immer zu einem Konflikt über das weitere Vorgehen, in dem Kirk dann als Vermittler fungiert und die Lösung des Problems herbeiführt. Im Zuge dieser Diskussionen werden dabei typische moralische Fragen der 60er Jahre angesprochen.

Dieses besondere Merkmal nimmt im weiteren Verlauf der Star Trek-Serien zwar immer weiter ab, verschwindet jedoch nie ganz. Dass dem so ist, zeigt sich besonders deutlich auch am neusten Star Trek-Film, der im Jahr 2009 in die Kinos kam. Anknüpfend an die ersten Episoden der Fernsehserie, wird dort in einer alternativen Zeitlinie sowohl der Werdegang der allerersten Crewmitglieder skizziert als auch auf die Beziehung zwischen Kirk und Spock genauer eingegangen.

Zwar ist der Streifen technisch um Welten besser als die Originalserie, die Handlung allerdings lässt vergleichsweise etwas zu wünschen übrig. Sie wirkt zu gewollt und schafft es dadurch auch nicht immer dem logischen Anspruch gerecht zu werden. Auch liegt der Schwerpunkt des Films eher auf den Actionszenen als, wie man vielleicht in Anlehnung an die frühere Serie erwarten könnte, auf dem Aspekt des Moralanspruchs.

Doch nichtsdestotrotz lässt die Besetzung mit Chris Pine in der Rolle des James T. Kirk, Zachary Quinto als junger Mr. Spock und vielen eher unbekannten Schauspielern in den bekannten Rollen, nostalgische Gefühle aufkommen. Spätestens wenn Leonard Nimoy in seiner früheren Rolle als, nun gealterter, Mr. Spock über die Leinwand flimmert, erheben sich kurz die Schleier vergangener Zeiten. Genau dies ist es auch, was den neuesten Star Trek-Film ausmacht. Er lebt fast ausschließlich vom nostalgischen Flair der Serie und dem Wiedererkennungswert der Charaktere.

Und mal ganz ehrlich, was sind schon einige Mängel an Logik und Moral, wenn man dafür in alten Zeiten schwelgen und nach und nach jedes Besatzungsmitglied der alten Enterprise wieder entdecken kann?

Claudia Brändle, Luise Miczka

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