Ein Nordlicht im Süden

„Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“
Zwei Jahre nach der Hauptwohnsitzverlagerung vom hohen Norden (der für einige Süddeutsche schon in Düsseldorf liegt) in das Land der Maultaschen, Spätzle und Schupfnudeln ziehe ich Bilanz.

Als gebürtige Heidelbergerin, was auch immer gerne von mir erwähnt wird, da Heidelberg sogar in Japan ein Begriff ist, verbrachte ich meine Schulzeit im rauen Norden. Genauer gesagt in der Nähe der Hansestadt Bremen, einer Stadt, die geprägt ist von uralten Traditionen, einem erstklassigen Fußballklub, Nationalstolz und der zu jeder Tages- und Nachtzeit gültigen Begrüßung Moin, Moin.

Vor zwei Jahren zog es mich zur Erweiterung meines Horizontes – auch Studium genannt – in die ehemalige Residenz der badischen Großherzöge, nach Karlsruhe! „Wie schön wieder hier zu sein“, dachte ich mir. Einige Kindheitserinnerungen an mein Leben im Kreis Karlsruhe wurden geweckt. Doch Halt, hatte ich nicht im Kindergarten mühelos mithalten können, wenn im schönsten Dialekt der Region „parliert“ wurde? Und nun – Ratlosigkeit, wenn ich aufgefordert wurde: „Kannsch dess ma bidde hebe?“. Heißt das jetzt, lass uns was trinken gehen, also „einen heben“ oder sollte ich mit ins Fitnesstudio Gewichte heben?
Aber nicht nur hier tauchten Schwierigkeiten auf. Dass ich durch den Umzug einen unsichtbaren Äquator, der Deutschland in eine unbestimmte und eine bestimmte Vornamenszone teilt, überquert hatte, fiel mir erst hier wieder ein als es hieß: „Der Alex ihr Auto isch eh dess schönschde, wo gibt und schneller wie jeder Ferrari“ Ah, was war das denn bitte? Relativsätze, die zur Kennzeichnung ihrer Abhängigkeit zum Gesagten ein „wo“ erhalten und „wie“ statt „als“, das ist ja ein Traum.
Von solchen und ähnlichen Sätzen wurde ich direkt n’ büschen tüdelig, wie man bei uns sagt, sodass ich nu’ ma um’ Pudding ging und im Z10 ein Alster bestellen wollte. Leider kam ich mit dieser Bestellung nicht weit, denn nicht nur ich verstand nichts, sondern wie ich feststellen musste, auch ich wurde nicht verstanden, dabei hatte ich mit dem Schnacken noch gar nicht richtig angefangen.

Nun verhält es sich aber mit dem Wetter ähnlich wie mit der Sprache: alles „annerschda“. An das alljährlich wiederkehrende Verfallen in die „Hitzestarre“ zur Sommerzeit, die für mich hier bereits aufgrund der Temperaturen Mitte Mai beginnt, kann ich mich immer noch nicht gewöhnen. Die Süddeutschen scheinen allerdings bei diesem schwülen Wetter erst so richtig aufzudrehen, während ich mich am liebsten nicht mehr bewegen würde.
Gesagt, getan. Denn wo kann man besser entspannen und zum Beispiel über Erlebnisse als Nordlicht im Süden nachdenken als im Schlosspark – ausgerüstet mit einer Wolldecke und MP3-Player. Und als ich träge einigen Schwertkämpfern und Sportlern bei ihrer Beschäftigung zusah, hörte ich Westernhagen singen:„Ich bin wieder hier, in meinem Revier, war nie wirklich weg, hab mich nur versteckt.“ Wie passend, denn mittlerweile schüttele ich nicht mehr bei jeder neuen „Vokabel“ den Kopf und habe mich im Sprechtempo allmählich den Gepflogenheiten der Badenser angenähert. Neulich, beim Besuch in meiner norddeutschen Heimat sagte mir jemand beim Einkaufen: „Dass Sie aus dem Süden sind, das hört man gleich!“ Woraufhin ich in einer Mischung aus Nord-und Süddialekt nur dachte: „Yo, dess isch halt so!“

Rebekka Zajonc

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