Bringt man einen Stein ins Rollen…

Das KIT und der Bildungsstreik

Tag Neun der Hörsaalbesetzung des neuen Daimler-Benz-Hörsaals: Geschätzte 500, gefühlte 1000 Studenten warten aneinander gedrängt auf KIT-Präsident Horst Hippler. Die Besetzer überreichen dem Rektor den vom Plenum verfassten Forderungs­katalog im Rahmen des Bildungsstreiks. Hipplers Rede ist kurz. Er erklärt sich bereit, Forderungen, die er persönlich vertreten kann, bei der Stuttgarter Landesrektorenkonferenz vorzutragen. Hippler schließt wider Erwarten mit der ersten offiziellen Aufforderung des Präsidiums, den Hörsaal ab Montag wieder den gewohnten Vorlesungen zur Verfügung zu stellen.

Karlsruhe mischt mit

Am 17. November, dem Tag der europaweiten Bildungsdemonstrationen, wurde nach einem Protestzug durch die Karlsruher Innenstadt der Daimler-Benz-Hörsaal, ehemaliger HMU/ HMO, von einigen Studenten besetzt. Nach anfänglichem Chaos am Mittag formierten sich im Laufe des Tages Arbeitskreise. Gegen Abend schien die Besetzung schon deutlich strukturierter abzulaufen. Für Versorgung, Finanzierung, Unterhaltung und sogar Rücksprache mit einem Anwalt war durch die Arbeitskreise gesorgt. Ko-Rektor Becker begrüßte die Studenten mit den Worten: “Besser spät als nie! [...] Meine Termine sind für heute Abend abgesagt!” Im Anschluss stellte sich Becker dem hitzigen Frage-Antwort-Spiel des moderierten Plenums. Debattiert wurden unter anderem Studienfinanzierung, Eigenständigkeit und Flexibilität im Laufe des Studiums sowie die Problematik des Bachelor-/Master-Systems.

Die Erstellung des Forderungskatalogs

Noch am Mittag mussten die wichtigsten Forderungen stichhaltig gesammelt und klar formuliert werden. Dieser Forderungskatalog musste bis zum Abend in einer Pressemitteilung an die Zeitung gehen, weil diese tags darauf über den Tag der europaweiten Bildungsproteste berichten würde. Eine dieser Forderungen war zum Beispiel: “Freie Bildung für Alle, statt Elitenförderung.”

Über die Zusatzformulierung “statt Elitenförderung” wurde lange aus Gründen der Verfänglichkeit diskutiert. Letztendlich wurde mehrheitlich für die Formulierung gestimmt, um der Forderung den nötigen Nachdruck zu verleihen. Die Pressemitteilung nahm dennoch nur den Satz “Freie Bildung für Alle” auf.

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Quelle: kitbrennt.de

Von der Jam-Session zur internationaler Vernetzung – ein umfangreiches Programm

In den folgenden Tagen wurden in den abendlichen, gut besuchten Plena Beiträge der Arbeitskreise, Antragstellungen und -abstimmungen abgehandelt sowie Redebeiträge diskutiert. Wer für Demokratie demonstriert, muss auch demokratisch vorgehen, was allerdings zeitweise sehr aufwendig erschien. Zu den restlichen Tageszeiten beschränkte sich die Anzahl der Besetzer auf jeweils kleine Gruppen in den beiden Hörsälen. Die Arbeitskreise wurden vervielfältigt und konnten in den meisten Fällen gute Ergebnisse vorweisen. Das Rektorat zeigte sich tolerant. Live-Stream-Übertragung auf der eigens angelegten Homepage, Konferenzschaltungen zu anderen besetzten Hörsälen innerhalb Deutschlands und größer angelegte Plena mit europaweitem Anklang förderten und fördern die (inter)nationale Vernetzung.

Insgesamt wurde bisher ein sehr umfangreiches Programm auf die Beine gestellt. Neben Beiträgen von Dozenten wie Prof. Schütt und Dr. Kunze, fanden auch Politiker wie der Karlsruher Landtagsabgeordnete Johannes Stober (SPD) ihren Weg ins Plenum des besetzten Saales.

Neben einem hohen Aufwand an Öffentlichkeitsarbeit, um Mitstreiter zu mobilisieren und für generelle Aufklärung zu sorgen, versuchte man auch jene milde zu stimmen, die Ausfälle von Veranstaltungen hinnehmen mussten, indem sich zum Beispiel Studenten aus höheren Semestern anboten, Vorträge über elektrotechnisch-relevante Themen zu halten. Denn besonders bei den Erstsemestern der Elektrotechnik konnten viele Veranstaltungen nicht stattfinden. Dennoch wurde mit einer Mehrheit entschieden, aktiv zu stören, falls der Versuch unternommen werden sollte, eine Vorlesung im Saal zu halten.

Kontroverse

Es dauerte nicht lange, bis Gegenstimmen laut wurden. Neben Diskussionen, die man auf dem Campus und vereinzelt sogar in der Bahn und auf der Straße mitverfolgen konnte, häuften sich scharfe Beiträge in den Online-Foren, beispielsweise auf www.kitbrennt.de.

In einem Art Pro-und-Contra-Dialog mit fiktiven Vertretern lassen sich die wichtigsten Punkte der Besetzungsbefürworter und -gegner wie folgt zusammenfassen. Diese Darstellung zeigt, wie unterschiedlich die Meinungen in puncto Hörsaalbesetzung sind.

Carl Contra, Peter Pro, Nathalie Neutral, Igor Interessiert und Selina Solidarität geben ihre Meinung kund:

Karl Kontra: Grundsätzlich bin ich auch für eine Änderung des Bildungssystems, allerdings findet die Besetzung auf Kosten anderer Studierender statt. Vorlesungen fallen aus und werden auf irgendwelche Zeiten und in irgendwelche Räume verschoben. Ich fühle mich nicht berücksichtigt.

Peter Pro: Es ist nicht zu begrüßen, dass Vorlesungen ausfallen und Studenten darunter leiden müssen. Das Plenum und die Univerwaltung versuchen Abhilfe in Form von Ausweichsälen zu schaffen. Spätestens bei der Aussage seitens der Uni, dass in den Prüfungen keine Rücksicht auf den Vorlesungsausfall genommen wird, sollte einem klar werden, dass dieses Bildungssystem Missstände aufweist. Außerdem ist man bei Aktionen ohne Hörsaalbesetzung bislang in der Politik nur auf taube Ohren gestoßen, die Besetzung ist ein wichtiges Druckmittel. Wem noch andere Wege einfallen, wie die Anliegen der Studierenden in der Gesellschaft Gehör finden könnten, sollte konstruktive Beiträge leisten, statt einfach nur Dinge verlauten zu lassen wie: „Geht doch woanders hin!“.

Igor Interessiert: Die Studierenden schneiden sich ins eigene Fleisch, wenn sie Hörsäle besetzen. Eine Aktion, wofür sich letztlich keiner interessiert, worunter aber Studenten leiden. Besser wäre es, wenn alle Hochschulen Karlsruhes zusammen, und wenn auch nur für ein paar Stunden, zum Beispiel das Rathaus besetzen würden. Das wäre eindrucksvoller.

Nathalie Neutral: Ich war bisher nur einmal im Plenum, weil ich bis dato nicht damit gerechnet habe, dass die Besetzer irgendetwas zustande bekommen. Jetzt bin ich positiv überrascht und muss zugeben, dass ich das Ganze unterschätzt habe.

Karl Kontra: Diese Plena sind nicht repräsentativ für ALLE Studierenden des KIT. Es stimmen nur Leute über Anträge und Beschlüsse ab, die dort anwesend sind. Die Besetzer reden im Namen aller Studierenden, obwohl ihre Aktionen nicht demokratisch legitimiert sind. Im Normalfall wird ein Streik 1. angekündigt und 2. durch eine Urabstimmung legitimiert.

Peter Pro: Legitimation ist eine wichtige Sache, allerdings ist eine Urabstimmung bei ca. 18.000 Studenten kaum realisierbar und viel zu zeitaufwändig. Forderungen, die an die Öffentlichkeit weitergeleitet werden, tragen den Namen des Plenums. Um den gesamten Prozess zu beschleunigen, kann man nur allen raten, an den Plenumssitzungen teilzunehmen, egal welche Seite man vertritt.

Karl Kontra: Bildungsverweigerung ist keine eindrucksvolle Art und Weise das bestehende Bildungssystem zu kritisieren und für bessere Bildungschancen zu kämpfen!

Peter Pro: Von Bildungsverweigerung kann nicht die Rede sein. Im Gegenteil, man setzt sich aktiv für bessere Bildung ein und riskiert dabei seinen eigenen Studienplatz.

Selina Solidarisch: Ich bin dankbar, dass es jetzt Leute in Karlsruhe gibt, die etwas verändern wollen und dies auch zum Ausdruck bringen. Auch die PH hat begonnen, sich zu mobilisieren. An alle, die gegen die Aktionen sprechen, weil sie nicht glauben, dass etwas erreicht wird: Fehlt euch keine Transparenz, was mit den Studiengebühren passiert, die nebenbei immens hoch sind? Fühlt ihr euch wie Erwachsene, wenn euch bei drei Fehlstunden der Schein verweigert wird bzw. ein Attest für alle Fehlstunden verlangt wird? Wenn die Vorlesungen gut sind, sind sie auch dementsprechend gut besucht. Ich gehe in die Uni, um etwas zu lernen und nicht, um irgendwo durch meine Unterschrift meine Anwesenheit zu bestätigen. Fühlt ihr euch gerecht behandelt, wenn ihr in engen Räumen auf dem Boden sitzt, weil es keine Stühle und angeblich auch keine Ausweichräumlichkeiten gibt? Selbst wenn ihr von all diesen Punkten nicht betroffen seid, könnt ihr vielleicht versuchen die Leute zu verstehen, die sich für eine bessere Situation einsetzen.

Hörsaalbesetzung Daimler-Benz-HS
Quelle: kitbrennt.de

Die aktuelle Studiensituation – ein Problem

Es bleibt festzuhalten, dass insgesamt sehr viele Studierende mit den jetzigen Studienbedingungen unzufrieden sind, auch wenn sie nicht aktiv an Protesten teilnehmen. Dabei reichen die Beschwerden von einzelnen Fakultäten über KIT-interne Problematiken bis zur Bildungspolitik im Allgemeinen. Bemerkbar macht sich der Unmut unter anderem durch neue Trend-Begriffe, die auf dem Campus kursieren, wie etwa „Bulimie-Lernen“, aber auch durch Berichte von Nervenzusammenbrüchen und Überforderung. Hierbei wird deutlich, dass auch die Psyche vieler Studierender unter der jetzigen Bildungssituation zu leiden hat.

Anna B.: Ich bekomme Bafög, mit dem ich die Miete, nicht aber die Studiengebühren bezahlen kann. Meine Eltern geben mir, wozu sie verpflichtet sind und was sie können. Manchmal weiß ich nicht, wie ich Studium und Arbeit innerhalb der Regelstudienzeit unter einen Hut kriegen soll.

„Die Idee ist gut, die Umsetzung nicht“

So hallt es aus Politik und Dozenten-Kreisen zum Thema Bologna-Prozess wider. Manche Studenten dagegen zeigen sich zufrieden mit dem derzeitigen Bildungssystem oder nehmen es zumindest als gegeben hin. Man habe ja auch gewählt und somit durch einen demokratischen Prozess eine bestimmte Bildungspolitik mitbestimmt. Einem Historiker der Uni zufolge rechnet jene Politik damit, dass auch Hörsaalbesetzer irgendwann zu ihren studentischen Aufgaben zurückkehren müssen und dass sich die ganze Sache mit der Zeit im Sand verläuft. Ob dies der Fall sein wird, weiß derzeit keiner. Zeichen für eine sehr intensive europaweite Zusammenarbeit gibt es: Das groß angelegte Treffen „International Plenum For Better Education“ in München gibt „das Startsignal für eine europaweit organisierte Bewegung“. Und erweckt damit ganz und gar nicht den Eindruck eines desillusionierten Rückzuges.

Umzug in den Redtenbacher-Hörsaal

Nach der vielsagenden Ankündigung des Präsidiums am Donnerstag zuvor, fand man die Türen des Daimler-Benz-Hörsaals montags darauf verschlossen vor. Ein paar Studenten, die offenbar auf dem Weg zu ihrer Vorlesung waren, machten verwirrt kehrt. Die Plakate, die hier ehemals geprangt hatten, waren nun ein Gebäude weiter gezogen. Dieses war im unteren Stockwerk über nacht neuer “Raum für Diskussion” geworden. Ein paar Besetzer lagen noch dösend auf den ausgeklappten Holzsitzen. Das Rektorat zeigt sich bisher – wie zu Beginn – tolerant.

Lena Baunacke, Alice Soiné
Weitere Infos gibt es unter folgenden Links:

  • Zum Thema “Bundesweiter Bildungsstreik” allgemein:
    www.bildungsstreik.net
  • Politik und Bildungsstreik:
    www.bachelor-studium.net
  • Bologna-Prozess auf der Seite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung:
    www.bmbf.de
  • Artikel auf Welt Online zum Medikamentenmissbrauch unter Studenten:
    www.welt.de
  • ARD-Clips zum Stichwort “Bulimie-Lernen”:
    www.ardmediathek.de
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