Zeitgeschichte bei Querfunk

Wie schafft man es als Student, Freizeit, Spaß, persönliches Interesse und Studium miteinander zu verbinden? Klar, am besten in Projektarbeit! Ein solches Projekt ist die Radiosendung „Aus Zeitgeschichte und Erlebtem“ die bei „Querfunk – Freies Radio Karlsruhe“ einmal im Monat ausgestrahlt wird.

Querfunk ist ein kleiner Karlsruher Radiosender der 1995 auf Sendung ging. Er versteht sich als nichtkommerziellen Gesellschaftsfunk auf regionaler Ebene. Themen aus Kultur und Politik können hier aufgegriffen und „demokratisch meinungsbildend“ diskutiert werden. Damit möchte Querfunk Menschen zu Wort kommen lassen, die zu herkömmlichen Medien keinen oder nur begrenzten Zugang haben. Der Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer Behandlung sieht sich der Radiosender besonders verpflichtet.

Alexander Hercht, der am Institut für Geschichte der Universität Karlsruhe (TH) gerade seine Masterarbeit schreibt, leitet die „Zeitgeschichte bei Querfunk“-Gruppe zusammen mit seiner Kommilitonin Claudia Rostek. Er war gerne bereit, KA.mpus einige Fragen zu dem studentischen Projekt zu beantworten.

Wie hat das Projekt “Aus Zeitgeschichte und Erlebtem” eigentlich angefangen?

Das Projekt entstand aus der Idee der damaligen Teamleiterin Sascha Leah Hinz. Sie organisierte in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte ein Praktikum, das sich im Speziellen an Geschichtsstudenten wenden sollte. Das Querfunkprojekt sollte eine Art „Diskurs zwischen den Generationen“ starten. Im Vordergrund stehen sollten also Gespräche zwischen Jüngeren und Älteren über die NS-Zeit und den Widerstand in Karlsruhe. Die eigentliche Projektarbeit begann im April 2007 und wurde bis September desselben Jahres von der Landesanstalt für Kommunikation (LFK) finanziell unterstützt.

Wie bekam das Projekt seinen Namen?

Das Projekt hatte seit Beginn einen Namen. Von April 2007 bis zur Mitte des Jahres 2008 hieß es „Im Gespräch mit den Zeugen der Zeugen“. Danach fand ein Themenwechsel statt, weg von der Widerstandsthematik hin zu anderen zeitgeschichtlichen „Oral History“-Projekten. Wir wollten uns damals nicht mehr nur auf einen Aspekt begrenzen, sondern auch andere interessante historische Schwerpunkte, wie etwa die 1968er Revolution, ins Auge fassen. So heißt das Projekt bis heute „Aus Zeitgeschichte und Erlebtem. Historiker und Zeitzeugen berichten“.

An wen richtete sich das Projekt damals?

Ursprünglich war angedacht, dass in der Hauptsache Jugendliche, vor allem Schüler, und Zeitzeugen miteinander Gespräche führen. Dabei sollten die Studierenden vor allem wissenschaftliche und pädagogische Hilfestellung leisten. Aufgrund des leider überwiegend fehlenden Interesses seitens der Schüler entschlossen wir uns, die Interviews nun selbst zu führen. Heute steht das Projekt jeder und jedem offen, ganz gleich, ob man Student ist oder nicht.

Was war Ziel des Projekts?

Ziel war und ist, dass die junge Generation von heute mit Zeitzeugen von damals in einen Dialog tritt. Am Beispiel der NS-Zeit lässt sich klar verdeutlichen, warum das so wichtig ist: Die Menschen, die die Jahre zwischen 1933 und 1945 miterlebt haben, werden in Zukunft immer weniger werden. In einigen Jahren wird es keine Überlebenden dieser Generation mehr geben, somit würden die Stimmen aus dieser Zeit unwiederbringlich verloren gehen. Mithilfe der Interviews können wir diese Stimmen jedoch konservieren. Uns ist dabei natürlich bewusst, dass Interviews kein Geschichtsbuch ersetzen können. Diese Gespräche können Geschichte jedoch greifbar und „lebendig“ für uns Jüngere machen. Auch können insbesondere Schüler für bestimmte Themen sensibilisiert und zur Auseinandersetzung mit Geschichte animiert werden. Neben Zeitzeugen kamen in der Sendung jedoch auch vielfach Fachleute, Historiker, Pädagogen und Soziologen zu Wort.

Was geschah als das offizielle Projekt beendet war?

Mit dem Ende der finanziellen Unterstützung durch die LFK endete auch die offizielle Zeit des Praktikums. Das Projekt ging jedoch ohne Unterbrechung weiter. Anfang 2008 musste die Projektleiterin arbeitsbedingt umziehen und stand uns somit nicht mehr zur Verfügung. Wir wussten aber schon einige Zeit vorher, dass es irgendwann so kommen würde und konnten uns daher darauf vorbereiten. Gleich nach dem Weggang von Sascha Leah Hinz übernahmen wir das Projekt.

Mit welchen Themen beschäftigt ihr euch? Warum gerade “Zeitgeschichte”?

Wir beschäftigen uns ausschließlich mit zeithistorischen Themen, da nur dort gewährleistet ist, dass wir überhaupt Zeitzeugen finden können. Bisher haben wir uns mit der NS-Zeit, der 68er Revolution, Krisen im Kalten Krieg, Dekolonisierung und Feminismus beschäftigt. In naher Zukunft untersuchen wir die US-Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre (Martin Luther King, Malcolm X…).

Was läuft zurzeit bei “Aus Zeitgeschichte und Erlebtem”?

Im Moment setzen wir uns mit der Geschichte der Frauenbewegung auseinander. Dafür haben wir als Expertin Jutta Gemeinhardt vom Institut für Philosophie interviewt.

Wie bereitet ihr die einzelnen Sendungen vor?

Zunächst überlegen wir uns, welche Themen uns interessieren und als nächstes ins Auge gefasst werden sollen. Natürlich sollte es für das Thema – getreu unserem Projektkonzept – auch potentielle Interviewpartner geben. Wenn wir etwas Geeignetes gefunden haben, werden Aufgaben verteilt. Zu diesen Aufgaben zählt beispielsweise die Erstellung eines Interviewleitfadens, die Kontaktierung der Zeitzeugen, das Schreiben kleinerer Artikel, die zum Interview passen. Schließlich wird das „Material“ zusammengetragen und im Studio zu einer Radiosendung ausgearbeitet.

„Im Studio ausgearbeitet“? Macht ihr auch die Technik selbst?

Ja, nach dem Weggang von Sascha Leah Hinz, die stets für die Technik verantwortlich war, mussten wir uns in den technischen Aspekt einer Sendung einarbeiten. Ohne Grundkenntnisse im Schneideprogramm Audacity gibt es keine Sendung.

Was passiert, wenn sich mal kein Interviewpartner für ein Thema finden lässt?

Das kam durchaus schon einige Male vor. Einmal hatte uns ein schon fest zugesagter Interviewpartner kurzfristig absagen müssen, da setzten wir uns noch einmal zusammen und überlegten, wie wir das fehlende Interview sinnvoll ersetzen konnten. Meist lief es darauf hinaus, dass wir eine Sendung zusammenstellten, die das eigentliche Thema ergänzte, dem Interview aber nichts vorweg griff.

Das Projekt klingt sehr interessant – aber auch zeitaufwendig. Wie lässt sich die Leitung so eines Projekts neben der Uni im Zeitplan unterkriegen?

Prinzipiell kann jeder mitmachen, egal ob im ersten Semester oder am Ende des Studiums. Jeder kann individuell für sich entscheiden, wie viel Zeit in das Projekt gesteckt wird. Niemand wird zu etwas gezwungen oder gedrängt. In erster Linie geht es für uns doch auch darum, Spaß an „lebendiger“ Geschichte zu haben, ohne gleich ECTS-Punkte oder Abgabetermine im Kopf zu haben. Das kann für die Entwicklung und den Austausch von Ideen nämlich ganz schön lähmend sein.

Vielen Dank für das Interview!

„Aus Zeitgeschichte und Erlebtem“ läuft immer am ersten Freitag im Monat, von 16 bis 17 Uhr bei Querfunk. Den kleine Karlsruher Sender kann man auf der Frequenz 104,8 Mhz empfangen oder im Livestream auf www.querfunk.de hören.

Interesse bekommen, mehr zu tun, als nur mal reinzuhören? Das Zeitgeschichte-Team sucht immer Verstärkung für neue Sendungen. Wer also Lust hat, sich mit zeitgeschichtlichen Themen zu beschäftigen und „Oral History“ mal selbst auszuprobieren, ist herzlich willkommen. Außerdem kann, wer möchte, auf diese Weise einmal ganz unverfänglich „Studioluft“ schnuppern und sich selbst im Texten, Einsprechen und Schneiden üben.


Update: Seit dem neuen Semester gibt es Querfunk in Kooperation mit einem Seminar von PD Dr. Möser am Institut für Geschichte des KIT. Studierende aus dem Seminar bekommen so die Möglichkeit, das Medium Radio einmal von einer anderen Seite kennen zu lernen und gleichzeitig Punkte in ihrem Seminar zu erwerben. Abstrahierend von ihrem Seminarthema “Seemacht und Seekriege” werden die Studierenden Sendungen zu verschiedenen Aspekten rund um das Thema Piraten gestalten. Diese werden dann im neuen Jahr bei Querfunk laufen.

Silke Zimmer

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Eine Reaktion zu “Zeitgeschichte bei Querfunk”

  1. manuela.sander geb Breidbach

    Hallo zusammen ich bin auf der Suche nach Sascha Leah Hinz und hoffe sehr das diese hier bei dem Projekt mitgemacht hat, sie hat damals in Andernach gewohnt die Strasse nannte sich in der Pill Hausnr weiß ich leider nicht mehr, ich weiß leider nicht wo sie damals abgeblieben ist und würde mich irre freuen wenn ich sie auf diesem weg finden könnte.
    Ich selber habe in der Stockerausstr,22 in Andernach gewohnt Sascha leah war in den 80gern meine beste Freundinn,die hat das ksg in Andernach besucht, sie lebte mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zusammen. Würde mich freuen wenn ich evtl einen Tipp bekommen könnte wie ich mit ihr in Kontakt kommen könnte.
    Vielen dank im Vorraus
    Lg ela

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