„So, und jetzt alle…“

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Hunderte Menschen, die auf der Kaiserstraße picknicken. Dutzende, die sich im Schlosspark, mit zu Schilden umfunktionierten Regenschirmen, spartanischen Kriegsschreien hingeben.
„Was ist denn da los?“, fragen sich die ahnungslosen Passanten. Ganz einfach, das war ein Flashmob. Ein Flash-was?

Die Bezeichnung Flashmob setzt sich aus den englischen Worten flash, Blitz und mob, Pöbel zusammen. Schon im Namen steckt ein wichtiges Charakteristikum des Flashmobs: es handelt sich um einen schnellen, blitzartigen Auflauf von vielen Menschen. Diese Treffen scheinen spontan stattzufinden, doch weit gefehlt: moderne Medien wie das Internet machen diese Treffen erst möglich.

Über diverse Weblogs, Emails oder Online-Communities verabreden sich Gleichgesinnte, um augenscheinlich sinnlose Aktionen im Kollektiv durchzuführen. Zahllose Beispiele für Flashmobs, die auf der ganzen Welt stattfinden, tummeln sich auf Plattformen wie youtube.de, denn die Flashmobber filmen ihre Aktionen zumeist. Flashmobs gibt es in den unterschiedlichsten Ausbildungen. Phänomene wie Mobile Clubbing (Treffen von Menschen mit Musik-Playern, die alle mit Kopfhörern zu ihrer eigenen Musik tanzen) oder Pillow Fights (gigantische Kissenschlachten auf öffentlichen Plätzen) sind mit Flashmobs eng verknüpft, ebenso wie die zuletzt entstandenen Michael Jackson Memorial Dances. Nach dem Tod des Sängers nahmen viele Fans die Chance wahr, dem King of Pop in Form kollektiver Tänze die letzte Ehre zu erweisen.

Angefangen hat alles mit einem Experiment: Der Journalist Bill Wasik wollte mit einer Aktion im Jahr 2003 in New York ironisch kommentieren, dass hippe, junge Leute alles, selbst Absurdes, tun würden, um ein Teil des Next Big Thing zu sein. Und tatsächlich: Hundert Teilnehmer pilgerten auf seine Anweisung hin in ein Kaufhaus, wo sie dem Personal mitteilten, dass sie einen „Liebesteppich“ suchten und Entscheidungen nur zusammen träfen. Bald schon verbreitete sich die Lust an sinnlosen Aktionen auf dem gesamten Globus. Nach einem kleinen Winterschlaf erfuhr der Flashmob 2007 ein Comeback.

Auch Konstantin Eck, Karlsruher Student, erfuhr 2008 von Flashmobs über das Internet. Schon bald organisierte er den ersten Flashmob Karlsruhes, einen Freeze-Mob im Scheck-In Center.

Die Anfänge waren eher schwierig, weiß Eck zu berichten. Es war ein recht großer Aufwand, die Leute zu erreichen und eine Flashmob-Community aufzubauen. Er könne sich noch daran erinnern, nachts durch die Clubs gelaufen zu sein und allen potenziellen Flashmobbern von der Aktion erzählt und ihnen selbstgeschriebene Flyer in die Hand gedrückt zu haben. Und da 70 Personen für den ersten Flashmob eine beachtliche Zahl ist, hat sich der Aufwand anscheinend gelohnt. Bei den darauf folgenden Flashmobs waren immer 40 bis 70 Teilnehmer dabei, inzwischen waren bei einem Flashmob (dem Picknick-Mob) auch schon über 500 Teilnehmer mit am Start.

Konstantin Eck (stehend)

Konstantin Eck, hier als Kellner beim Picknick-Mob, stand KA.mpus Rede und Antwort

Jüngst musste sich auch Angela Merkel auf einer Parteiveranstaltung in Hamburg eine Aktion von Flashmobbern gefallen lassen. Dort schrieen ein paar Dutzend Menschen im Publikum nach praktisch jedem Satz der Kanzlerin „Yeaaaah!“. Spiegel Online spricht von „Flashmob-Terror“ und „pubertärem Stören“ der Politikveranstaltung und bemängelt, dass der Flashmob zu allem Übel vermutlich ohne politische Aussage geschieht. „Richtig, man kann es nicht oft und laut genug betonen, dass Flashmobs keine tiefere Aussage haben! Eine Aktion, die einen politischen oder gesellschaftlichen Hintergrund besitzt, nennt man Smartmob. Bei unseren Mobs geht es schlichtweg darum, Spaß zu haben und die Leute zum Staunen zu bringen“, so Eck.

Dabei fallen dem jungen Mann zwei Dinge ein, die ihm an Flashmobs besonders gut gefallen. Einmal sei ein Flashmob eine Möglichkeit, dass Menschen unabhängig von Alter, gesellschaftlichem Stand, Bildungsstatus, politischer Orientierung oder der Musik, die sie am liebsten hören, zusammenkommen und zusammen Spaß haben. Auch wenn man sich nicht kennt, entsteht auf diese Weise ein Gemeinschaftsgefühl.
Ein anderer Aspekt, der ihm sehr gut gefällt, ist, dass man durch die Aktionen den Passanten ein Fragezeichen auf die Stirn und ein Lächeln auf die Lippen zaubern könne.
Eck weiter: „Ich stelle mir immer vor, dass die Leute, nachdem sie unsere Aktion erlebt haben, nach Hause gehen und darüber Grübeln, was für einen Sinn diese Aktion gehabt hat; wenn sie dann zu keinem Ergebnis kommen, war es ein guter Flashmob.“

Flashmobs fallen, da sie generell keine politische oder gesellschaftliche Aussage haben, nicht in die Kategorie Demonstration. Deswegen muss man einen Flashmob eigentlich nicht anmelden. Trotzdem wurde in Braunschweig, wo sich Anfang August ein paar Flashmobber zu einem Picknick auf dem Schlossplatz treffen wollten, dem Organisator durch das Ordnungsamt mitgeteilt, dass der Flashmob illegal sei und notfalls mit Polizeigewalt aufgelöst würde, da öffentliches Gut durch die Picknicker in Gefahr gebracht würde. Eck dazu: “Ich finde es absolut bescheuert, den Bürgern zu verbieten, Spaß zu haben, und das auch noch bei einem so harmlosen Flashmob wie bei einem Picknick auf einem großen, sonst unbenutzten Platz. Aber durch das Verbot wurde die Öffentlichkeit erst recht auf die Aktion aufmerksam. Und letzten Endes wurde aus dem einst mit 20-30 Leuten geplanten Picknick-Flashmob eine vom Ordnungsamt genehmigte Demonstration gegen ein Verbot von Flashmobs in Form eines großen Picknicks mit ca. 200 Teilnehmern. Ich denke, dass der nächste Politiker, der einen Flashmob verbieten will, sich das sehr gut überlegen wird.“

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Attacke! Beim Spartaner-Mob im Schlossgarten
 
Die Vermutung liegt nahe, dass das Braunschweiger Ordnungsamt eine Aktion wie auf Sylt befürchtete. Hier hatten sich rund 4500 Jugendliche am Strand getroffen. Leider hinterließen sie viel Verwüstung, Müll und verärgerte Sylter. Eck dazu: „Ich denke, dass die Aktion auf Sylt nicht viel mit einem Flashmob gemein hat. Ich würde bei dieser Aktion nicht von einem Flashmob sprechen, alleine aus dem Grund, dass es zu einem Flashmob einfach ein flashmobbendes, also ahnungsloses Publikum geben muss; wenn sich jedoch eine komplette Insel darauf einstellt, Rettungsschwimmer einsetzt, Sanitätszelte und sogar Toilettenhäuschen aufstellt, kann nicht mehr von einem Flashmob die Rede sein.“

Und wie steht es um die Flashmobs in Karlsruhe? Hier kam es noch zu keinen negativen Vorfällen. Eck stolz: “Die Teilnehmer haben sich immer an unsere Anweisungen gehalten und somit gab es noch nie Probleme mit der Öffentlichkeit. Wir sind immer darauf bedacht, möglichst reibungsfrei mit der Öffentlichkeit zu agieren. Wenn wir Müll produzieren, wie z. B. bei unserem Banana-Bang, sammeln wir nach der Aktion alles ein, in diesem Fall über 25 kg Bananenschalen. Bei unserem Picknickmob hatten wir „Kellner“ im Einsatz, die darauf geachtet haben, dass keine Flashmobber die Straßen blockieren oder zu nah an der Straßenbahn sitzen. Es gibt Polizeiberichte, in denen unsere Aktionen sehr gelobt werden. Und bisher hatten wir weder mit dem Ordnungsamt noch mit der Polizei Probleme. Wir hoffen auch, dass das weiterhin nicht der Fall sein wird. Bei unseren Aktionen kann man zwar beobachten, dass sich in der Nähe oftmals ein Polizeiauto aufhält, aber damit haben wir kein Problem. Wäre ich Polizist, würde ich mir solch eine Aktion auch nicht entgehen lassen!”

Im Moment herrscht ein regelrechter Hype um die Flashmobbewegung. Die Medien berichten unentwegt über neue Mobs, genauso wie immer mehr Menschen Lust auf die Aktionen bekommen. Eck nimmt an, dass diese Entwicklung mit der Zeit auch wieder abklingen wird. Er ist sich aber sicher, dass es immer genügend verrückte Menschen geben wird, die verhindern, dass der Flashmob jemals wieder ausstirbt. Und einen Traum möchte Konstantin Eck noch verwirklichen:
“Mein Traumflashmob wäre es, dass alle Flashmobber sich auf einem belebten Platz versammeln und über Kopfhörer alle den gleichen Radiosender hören. Ein Flashmobber, der ebenfalls auf dem Platz steht, ist mit dem Radiosender telefonisch verbunden und kann somit den restlichen Flashmobbern direkte Anweisungen geben, welche Bewegungen sie machen sollen; so könnten alle gleichzeitig niesen, sich die Nase putzen und anschließend plötzlich hinfallen oder ähnliches. Ich denke, dass diese Aktion eine Menge Spaß machen würde. Und vielleicht können wir sie irgendwann realisieren.“

Daria Polanský

 

Und wer jetzt auch gerne mal dabei wäre: http://www.flashmob-karlsruhe.de/

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Eine Reaktion zu “„So, und jetzt alle…“”

  1. mobilemicha

    Endlich mal ein Bericht über Flashmobber bei dem auch recherchiert und zugehört wurde und nicht blindlings drauflos (ab)geschrieben wurde.
    Danke für diesen tollen Artikel!

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