Der Abstieg kommt auf Starbucks Sohlen

Ich stehe am Ende der Schlange. Es erweist sich regelmäßig als großer Fehler das ECE-Center durch den Eingang an der Lammstraße zu betreten. Ich hatte mir fest vorgenommen daran vorbei zugehen, aber kaum, dass ich durch die Pforten des Konsumtempels schreite, schleicht sich der Duft extra dunkel gerösteter, frisch gemahlener Arabica-Bohnen in meine Nase und bevor ich es selbst bemerke, haben sich meine Beine verselbstständigt. Mein Gehirn wurde überrumpelt. Ich bin wie so oft im Gravitationsfeld der Starbucksbar gefangen und der einzige Weg aus diesem „Kaffee-schwarzen-Loch“ ist sich mit einen brühend heißem Becher frei zukaufen.

Eine elend lange Schlange, in der sich andere Opfer der magnetischen braunen Brühe tummeln, gibt mir Gelegenheit meine Lage zu überdenken: Soll ich mir einen „Frapucchino“ oder einen „Cafe  Mocha“ leisten? Soll ich mir den Kaffee überhaupt leisten?
Eigentlich könnte ich bei Starbucks guten Gewissens den Lastern der Industrie- und Konsumgesellschaft  frönen, immerhin rühmt sich die Kette ausschließlich mit Bio-Kaffeebohnen aus fairem Handel zu arbeiten und dabei die Preise bezahlbar zu halten.

Aber halt! Zahle ich hier nicht mindestens 3 € pro Becher? Hochgerechnet auf viele hundert Kunden pro Tag kommt selbst abzüglich aller Unkosten ein ordentlicher Gewinn raus. Auf einem der Plakate rühmt sich die Kette mit: “Wir unterstützen äthiopische Familien“. Wohlgemerkt äthiopische Familien, die den Kaffee anbauen. Wie viel sehen die wohl von meinem Geld? Und wie sicher kann ich sein, hier wirklich Kaffee aus nachhaltigem Anbau zu trinken? Der normale, ohne Flavor versetzte, „Kaffee des Tages“ schmeckt schließlich kaum anders als der von Tchibo. In Anbetracht dessen bekommt das Gefühl trotz des teuren Spaßes etwas Gutes getan zu haben einen schalen Beigeschmack.

Zumindest die Menschenfreundlichkeit lässt in keiner der Starbucksfilialen zu wünschen übrig. Sowohl die Barista als auch der jeweils zuständige Filialleiter sind überfreundlich und haben ein viel zu breites Grinsen im Gesicht während sie ihre Kunden bei Nachfrage über die Starbucksphilosophie aufklären. Philosophie… das klingt irgendwie nach Sekte. Tatsächlich habe ich dank der überaus zuvorkommenden Behandlung das Gefühl, dass alle hinter der Theke einer Gehirnwäsche unterzogen worden sind, was nicht gerade förderlich für den „Wohlfühleffekt“ ist.

Ich stehe in der Mitte der Schlange – ernsthaft darüber sinnend einem anderen Coffeeshop meine Aufwartung zumachen, in welchem weder das gute Gewissen noch die pseudofamiliäre Atmosphäre geheuchelt werden. Ein Laden, in dem Kaffee nicht wie lauwarmes klebriges Zuckerwasser sondern tatsächlich nach Kaffee schmeckt. Ein Ort, an dem in der Tasse wirklich drin ist was im Logo angepriesen wird. Noch existieren solche Geschäfte. Sie sind gut und vor allem günstiger als Starbucks. Die Frage ist nur wie lange sie noch existieren, denn Starbucks verbreitet sich so schnell wie eine Grippe.  Als wäre es eine wirtschaftliche Pandemie, die über kurz oder lang regionale Kaffeehäuser dazu zwingt aufgrund von Kundenmangel zu schließen – nur um ein paar Monate später am gleichen Ort und gleicher Stelle durch eine neue Starbucksfiliale ersetzt zu werden. Vor meinem wachen Auge sehe ich einen Alptagtraum, in welchem die Karlsruher Kaffeeszene mit all ihrer Individualität und ihren verschiedenen Geschmäckern zugunsten einer standardisierten, süchtig machenden Einheitsbrühe untergeht. 

Eine leicht gehetzte, gezwungen sanftmütig klingende Stimme holt mich aus meiner Kaffee-Dystopia zurück in die Realität. Ich bin am Anfang der Schlange und ordere den üblichen flüssigen Verdächtigen. Im Wissen, dass ich auf dem Rückweg dem Starbucksimperium höchstwahrscheinlich ein zweites Mal ins Netz gehe, wähle ich die kleinste Größe. Warum kann ich nicht einfach vorbeigehen? Warum ist es nicht möglich die Schlange einfach zu verlassen? Ganz einfach: Starbuckskaffee macht süchtig. Es ist das Heroin aller Kaffeetrinker – ein Schluck und es ist um dich geschehen. 

Ich zahle 3,50 €. Das Zeug ist sündhaft teuer. Kaum dass die köstliche Flüssigkeit in Kontakt mit meiner Zunge tritt und meine Geschmacksnerven bis zum äußersten ausreizt, komme ich wieder zur Vernunft. Jetzt würde ich den Kaffee gerne zurückgeben – aber statt meines Geldes werde ich wohl nur einen neuen Becher und einen Entschuldigungscookie bekommen. Wenn ich jedes Mal konsequent an Starbucks vorbeigehen würde um anschließend mein Sparschwein mit dem Geld zu füttern, das ich nicht für Kaffee ausgegeben habe, hätte ich sicherlich innerhalb kürzester Zeit die Studiengebühren zusammen gespart. Stattdessen würde ich im Ernstfall das eh schon abgemagerte Porzellantierchen zerschmettern, für eine weitere Tasse „flüssigen Glücks“.

Mein eigentliches Ziel, mir etwas Lektüre für das laufende Semester zuzulegen, kann ich vergessen, denn mit dem Kaffee in der Hand wird man hier nirgends eingelassen. Die Bücher erst nach dem Kaffee zu kaufen würde nur das anschließende Geldausgeben für einen weiteren völlig überteuerten Becher nach sich ziehen.
Das hübsche Kleid, das ich bei H&M im Auge hatte, streiche ich ebenfalls von meiner  „Haben wollen Liste“, denn die doppelte Portion Sahne, die der braunen Brühe – die mehr nach Schokolade als nach Kaffee schmeckt – den nötigen Gehalt gibt, den sie so dringend braucht, wird sich dank meiner Starbuckssucht wohl innerhalb kürzester Zeit auf meinen Hüften bemerkbar machen.

Frustriert drehe ich mich um und verlasse ohne Bücher und Einkaufbummel das ECE-Center. So laufe ich zumindest nicht in Gefahr auf dem Rückweg ein weiteres Mal ins Starbucks-Gravitationsfeld gezogen zu werden. Während ich auf dem Heimweg den leeren Pappbecher in der nächstgelegenen Mülltonne entsorge,  beschließe ich das ECE-Center in Zukunft nur noch vom Ettlinger Tor her zu betreten. Für mich ein enormer Umweg, für meinen Geldbeutel eine Erholung.

Zu Hause im Bett wird mir aber klar, dass ich mich niemals daran halten kann, denn bereits der Gedanke, dass ein Starbucks in der Nähe ist, verursacht bei Junkies wie mir irrationales Denken. Ich gedenke ernsthaft in eine andere, starbucksfreie Stadt zu ziehen. Aber durch die amöbenartige Verbreitung dieser Kaffeehäuser erscheint ein dauerhaftes Entkommen unmöglich. Mir erscheint der Entzug als die einzig sinnvolle Lösung – eine Selbsthilfegruppe für Starbuckssüchtige erscheint plausibel. Schließlich ergeht es doch vielen so wie mir. Tief in meinem Innersten weiß ich aber, dass das nicht die Lösung sein kann. Ganz auf etwas verzichten oder es hoffnungslos übertreiben kann jeder, ich dagegen muss Disziplin und Selbstbeherrschung lernen, da es weder mit noch ohne Starbuckskaffee geht. Und vielleicht pendelt sich mein Konsum mit der Zeit langsam ein: Wenn ich merke, dass meine Nächte durch zu viel Koffein viel zu kurz sind um fürs Studium noch produktiv zu sein. Wenn es langsam aber sicher zu sehr ins Geld geht. Wenn ich mich nach 100 Tassen an den Geschmack von Starbuckskaffee gewöhnt habe und bemerke, dass es doch nur Kaffee ist.

Inci-Nur Memili

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Eine Reaktion zu “Der Abstieg kommt auf Starbucks Sohlen”

  1. Oliver Springer

    Man *muss* bei Starbucks ja keine Kaffeegetränke bestellen, die über Kaffeegeschmack hinausgehen. Den Espresso kann man durchaus pur bestellen. Oder wenn man eine Köstlichkeit wie den Lebkuchen Latte trinken möchte, aber er einem zu wenig nach Kaffee schmeckt, nimmt man eben noch einen extra Shot Espresso dazu.

    Das Schöne an Starbucks ist ja, dass man sich seinen Kaffee so bestellen kann, wie man ihn möchte.

    Ab und an mag die Freundlichkeit nur gespielt sein, aber ich habe nicht den Eindruck, dass sie generell nur vorgetäuscht würde.

    In Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren beim Thema Service ja was getan, aber zum Exportschlager wird der “deutsche Service” wohl nicht. Freundlichkeit gehört zum Gesamterlebnis bei Starbucks und auch dafür zahlt man Starbucks-Preise.

    Mein Spartipp, wenn man an Starbucks nicht vorbeigehen, aber den Geldbeutel schonen und auf seine Linie achten möchte: den “Kaffee der Woche” bestellen. Das ist keine Espresso-Spezialität, sondern “normaler” Kaffee. Den kann man bei Starbucks schließlich auch bestellen. Und ich finde es super, dass ich auf Wunsch heiße Milch dazu bekomme und sogar Milchschaum.

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