Das Museum in der Wüste

Mona_Lisa

Ein deutscher Schriftsteller? – Goethe! … eine englische Band? – Die Beatles! … ein Zauberlehrling? – Harry Potter! …
Und wenn ich jemanden darum bitten würde, mir ein Museum zu nennen, irgendeins … dann wäre die erste Antwort, die ich erhalten würde bestimmt „der Louvre“. Und wenn es jetzt nach Abu Dhabianern ginge, würde der Fragesteller nachhaken und fragen: „und welcher Louvre …?“

 

Der Louvre in Paris ist DAS Museum und sozusagen eines der Wahrzeichen Frankreichs. Allein bei der Erwähnung des Namens entsteht bei vielen Menschen in Gedanken ein riesiges Gebäude mit endlos vielen Räumen, jeder einzelne gefüllt mit wunderschönen, beeindruckenden und auch weltbekannten Kunstwerken. Zahlreiche Bilder erobern die Gedanken, wie die Venus von Milo, die als Eingang dienende Glaspyramide, die Nike von Samothrake und allem voran natürlich da Vincis Mona Lisa.
Von seinen etwa 300.000 Exponaten präsentiert das Museum dem Publikum auf 60.000 Quadratmetern Fläche ungefähr 35.000 Kunstwerke. Im Jahr 2008 wurden mit Eugène Delacroix und Co. satte 8,5 Millionen Besucher angelockt – neuer Besucherrekord. Zum Vergleich: Durch das Pergamonmuseum in Berlin wälzten sich 2007 „nur“ 1,1 Millionen Besucher.
Der „Louvre“ ist also der Inbegriff eines Museums und bei so einer Bedeutung und solch einem Besucherzustrom haben sich die Emiratis gedacht: McDonald’s gibt es auch mehr als ein mal und die Läden laufen alle ganz gut … also warum keine Louvre-Filiale mit einem solch überragenden Qualitätssiegel aufmachen?

Am 6. März 2007 wurde ein Vertrag zwischen Abu Dhabi und dem Louvre geschlossen, in dem die gegenseitig zu erbringenden Leistungen festgehalten wurden.
Allein für das Privileg, den Namen „Louvre“ die nächsten dreißig Jahre verwenden zu dürfen, bezahlen die Emiratis 400 Millionen Euro. Für einen Zeitraum von zwanzig Jahren wird der Louvre seiner Tochter wechselnde Leihgaben zur Verfügung stellen. Der „Haupt-Louvre“ kümmert sich außerdem um das Management in Abu Dhabi und die Ausbildung von eigenen Managementkräften. 25 Millionen Euro legen die Emiratis für die Benennung eines Flügels im Pariser Louvre nach Scheich Zayed hin und finanzieren außerdem den Bau eines neuen Labors für Restaurierungsarbeiten. In den nächsten zwanzig Jahren werden ungefähr noch 200 Millionen Euro für Leihgaben aus dem Louvre bezahlt werden.

Der Louvre Abu Dhabi soll nach eigenen Angaben auf der Homepage im Jahr 2013 öffnen. Wie alle neuen Museumsgebäude der Insel Saadiyat wurde auch der Louvre von einem erstklassigen Architekten geplant, in diesem Fall vom Franzosen Jean Nouvel. Von den 24000 Quadratmetern sollen 6000 für Dauerausstellungen und 2000 für Wechselausstellungen genutzt werden.

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Ein Modell des Louvre Abu Dhabi

 

Abu Dhabi ist die markante Hauptstadt des gleichnamigen Emirats. In den 1960ern noch Heimat für Fischer, die in einfachen Bauten ohne Elektrizität lebten, blühte die Inselstadt mit Beginn der Erdölförderung auf. Nun wurde Abu Dhabi als moderne Metropole mit Schachbrett- muster angelegt.
Ebenso wie das Nachbaremirat Dubai hat Abu Dhabi den Tourismus für sich entdeckt. Bevor die Ölquellen und damit der Reichtumsspender versiegen könnte, soll auf Tourismus als Haupteinnahmequelle umgesattelt werden.
In Abu Dhabi entstehen zwar wie beim Nachbarn Dubai Luxus-Hotels, jedoch möchte Abu Dhabi sich vom Lifestyle-Tourismus des Nachbarn abheben und entwickelt aus diesem Grund Projekte wie die Kulturinsel Saadiyat.
Die Insel, welche künstlich erweitert wurde, soll die Heimat mehrerer kultureller Stätten werden. Auf dem so genannten Cultural District werden in naher Zukunft Werke der Bildenden Kunst gezeigt ebenso wie Theater- und Opernaufführungen oder klassische Konzerte in spektakulären, architektonischen Meisterwerken aufgeführt werden.

Der neuartige Vertrag zwischen dem Louvre und Abu Dhabi wurde in der Kunstszene heftig diskutiert und kritisiert.
Eine Petition gegen den Vertrag fand 4650 Unterstützer, darunter Museumsexperten, Archäologen und Kunsthistoriker. Sie befürchten eine Kommerzialisierung der Museen und einen „Ausverkauf“ der französischen Kunstschätze. Gehör fand auch Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit seinem Vorwurf, hier würde die Gewinnmaximierung im Vordergrund stehen und als einzige Triebfeder des Vertrags fungieren.
Als Argument für die Einrichtung des Louvre in Abu Dhabi wird häufig der dadurch geförderte Dialog der Kulturen angeführt. Anzumerken ist hier jedoch, dass dieser Dialog im Grunde nur einseitig stattfindet. Denn während die Meisterwerke der abendländischen Kunst ihren Weg in den Nahen Osten finden, führt für die arabischen Kunstwerke jedoch kein Weg nach Paris. Die französische Kunst und Kultur findet somit noch mehr Verbreitung in der Welt, was der französische Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres als positiv betont. Die zusätzliche Aufmerksamkeit, die der Louvre durch seine neue Außenstelle erfährt, soll außerdem noch mehr Touristen nach Frankreich locken. Das Geld der Emiratis soll unter anderem dafür verwendet werden, Pariser Museen gegen den Fall einer Jahrhundertflut der Seine zu wappnen. Zudem können dann auch die vielen Kunstwerke des Louvre, die im Depot eingelagert sind, endlich wieder ausgestellt und bewundert werden. Denn schließlich sind nur ca. 10% des Louvre-Bestands auch ausgestellt. Zu den Aufgaben von Museen gehören schließlich nicht nur das hamsterähnliche Anlegen von Kunst-Vorräten sondern auch deren wissenschaftliche Aufarbeitung und das Zugänglichmachen für die Öffentlichkeit.
Und genau dies findet schließlich in Abu Dhabi statt: das Ausstellen von Kunstwerken, die sonst hauptsächlich ihre Zeit im Depot fristen würden. Traurig hingegen ist der weiterhin islamische Umgang mit den europäischen Kunstwerken. Denn nackte Körper oder Kreuzigungsszenen werden hier wohl nie gezeigt und damit wird ein wichtiger Teil der abendländischen Kunst ausgeblendet. Allerdings ist hier anzumerken, dass dies nicht von den Emiratis verlangt, sondern von französischer Seite so veranlasst wurde.
Es kann auch nicht davon die Rede sein, dass die Kunstwerke des Abendlandes in den Orient verschleppt würden. In der Zukunft müssen wir Europäer uns entgegen dem anerzogenen europäischen Überlegenheitsgefühl damit abfinden, dass der Orient ein gleichberechtigter und gleichwertiger Partner auf dem Kulturparkett ist. Nun bleibt nur noch abzuwarten, ob Abu Dhabi auch für die Touristen, welche keinen Luxus-Urlaub planen, in Zukunft als Reiseziel in Frage kommen wird, damit hier ein wirklicher Kulturaustausch stattfinden kann.

Daria Polanský, Sarah Säubert
Homepage zur Insel Saadiyat:

http://www.saadiyat.ae/en/default.aspx

Homepage des Louvre:

http://www.louvre.fr/llv/commun/home.jsp

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