Poetry Slam – von der Kunst Gedichte zum Leben zu erwecken

Ein Literaturerlebnis der besonderen Art.


Markusfreise.jpg 3Für wenige Sekunden ist es so still in dem dunklen stickigen Raum, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Vom warmen Licht des Scheinwerfers beleuchtet, steht der Interpret mit geschlossenen Augen auf der Bühne, während seine letzten Worte in ihm und den Köpfen der Zuhörer nachhallen. Vollkommen verzaubert von der Macht seiner Verse sitzt das Publikum im Halbdunkel des Saales und wirkt vor lauter Bewunderung wie versteinert. Doch dann bricht ein ohrenbetäubender Applaus los, für den der Vortragende sich mit einem kleinen Lächeln bedankt, bevor er das Rampenlicht dem nächsten Slammer überlässt.

Slammer? Ja, dieses Kunstwort leitet sich von dem englischen Verb „to slam = zuknallen, schlagen“ ab und ist ganz einfach die Bezeichnung für alle vortragenden Teilnehmer eines Poetry Slams. Zu Deutsch nennt sich diese Veranstaltung schlicht Dichterwettstreit und zählt inzwischen zu einem literarischen Augen- und Ohrenschmaus der besonderen Art. Bei einem Poetry Slam handelt es sich um einen Literaturwettbewerb, bei dem die Teilnehmer mit ihren selbstverfassten Texten gegeneinander antreten. Das Besondere im Vergleich zu einer gewöhnlich Lesung ist, dass die Interpreten hierbei ihre literarischen Ergüsse nicht konventionell vortragen, sondern den Texten unter vollem Einsatz ihres Körpers und ihres Stimmvolumens Leben einhauchen.

Erlaubt ist quasi alles, was jeweils nicht länger als drei bis sieben Minuten dauert und ohne Masken, Instrumente oder andere Requisiten vorgetragen werden kann. Von poetischer Kurzprosa über romantische und komödiantische Verse bis hin zu klassischer Lyrik oder HipHop ist alles vertreten. Obwohl kein festes Regelwerk existiert, haben sich inzwischen doch einige ungeschriebenen Szene-Regeln entwickelt. Demnach dürfen neben der „Zeit-Bestimmung“ und der „Requisiten-Regel“ ausschließlich eigene Texte vorgetragen werden und am Ende eines jeden Slams muss eine Siegerehrung stattfinden.

Bewertet werden die Slammer grundsätzlich von den Zuschauern vor Ort, welche z. B. durch die Lautstärke des Applauses, das Werfen von Münzen oder das Heben von Stimmzetteln ihrem jeweiligen Gefallen oder Missfallen Ausdruck verleihen. Allein das Publikum entscheidet darüber, wer die Veranstaltung als glorreicher Sieger beziehungsweise glorreiche Siegerin verlässt. Prämiert werden diese zumeist mit Sachpreisen wie Bücher und CD´s, in seltenen Fällen auch mit Geldpreisen.

mann.jpg 200.jpg copyrightSeine ursprünglichen Wurzeln hat der Poetry Slam in den USA, genauer gesagt in Chicago und ist zurückzuführen auf den Bauarbeiter und Poeten Marc Kelly Smith. Dieser empfand die konventionelle Form von Lesungen, in welchen sich der Vortragende hinter Tisch und Wasserglas verschanzt und das Publikum zu Passivität verurteilt ist, als antiquiert und langweilig. Er wünschte sich zum einen eine pompösere Bühnenperformance der Vortragenden und zum anderen eine aktivere Rolle für die Zuhörer.

Im Jahre 1985 gründete er deshalb das „Chicago Poetry Ensemble“, dem sowohl Schriftsteller als auch (Performance-)Poeten und Schauspieler angehörten. Die Künstlergruppe schrieb Stücke und führte diese dann einem meist „literarisch ungebildeten“ Publikum in der „Get Me High Lounge“ in Chicago vor, wobei die Zuschauer lautstark ihr Feedback zum Besten geben durften.

Im Jahre 1986 entschloss sich Mr. Smith dazu, eine wöchentliche Literatur-Show namens „Uptown Poetry Slam“ im Jazz Club „Green Mill“ ins Leben zu rufen. Sie bestand zunächst aus drei Teilen – dem „Open Mike“, bei dem jeder, der wollte, einen eigenen Text lesen konnte, einem Part mit Gästen aus den gesamten USA und im Anschluss daran trat das „Chicago Poetry Ensemble“ auf. Diese wöchentlichen Darbietungen stellten sich für das „Chicago Poetry Ensemble“ allerdings sehr bald als zu arbeitsintensiv heraus, weshalb Marc Kelly Smith auf den Gedanken kam, jede zweite Woche anstelle des Ensembles einen Dichterwettstreit zu organisieren. Die Geburtsstunde des Poetry Slam hatte geschlagen.

Am 20. Juli 1986 fand die erste Veranstaltung dieses Formats im legendären Chicagoer Jazz Club „Green Mill“ statt und auch heute noch ist der „Uptown Poetry Slam“ jeden Sonntag ein wahrer Publikumsmagnet.

Von Chicago ausgehend verbreitete sich der Dichterwettstreit zunächst in ganz Nordamerika und begeisterte im Jahre 1989, dank dem Literatur-Aktivisten Bob Holman, schließlich auch die New Yorker Bevölkerung im “Nuyorican Poets Cafe”.

Mit Hilfe Holman´s Beziehungen schaffte es der Poetry Slam 1992 sogar bis ins US- Fernsehen, das eigens für den Dichterwettstreit ein neues Format – MTV Poetry Unplugged – erstellte. Doch nicht nur über Fernsehbildschirme flimmerten die Poeten, auch Lifestyle-Magazine erkannten den neuen Trend und begannen ihre Cover mit den Slammern zu zieren.

preisträgerin.jpg 4Heute gibt es in den USA eine Unmenge verschiedener Slam Clubs sowie einen eigenen Dachverband namens „Poetry Slam Incorporated“ (PSI). Diese Organisation engagiert sich zum einen sowohl für das amerikanische Bildungswesen als auch für die internationale Vernetzung des Dichterwettstreits, zum andern richtet sie den jährlich stattfindenden „US National Slam“ – die amerikanische Meisterschaft- aus, welche sich über einen Zeitraum von vier Tagen erstreckt.

Auch in Europa ließ der neue Trend des Dichterwettbewerbs nicht lange auf sich warten. 1993 schwappte er über nach London, Stockholm sowie Amsterdam und erreicht schließlich sogar Finnland.

Der erste Dichterwettstreit nach amerikanischem Vorbild auf deutschem Boden fand im Jahre 1994 in Berlin statt. Zwei Jahre später folgten dann München, Frankfurt am Main, Düsseldorf und 1997 auch Hamburg. Keine zwölf Monate vergingen und schon luden die vier Städte zum ersten „National Poetry Slam“ nach Berlin, welcher im Herbst diesen Jahres in Düsseldorf zum 13. Mal stattfindet.

Angesteckt vom „Slam–Fieber“ kamen in der darauf folgenden Zeit immer mehr deutsche Städte hinzu und 1999 schwappte die Welle über die Landesgrenzen und begann sich auch in Österreich und in der Schweiz auszubreiten. Deren begeisterte Teilnahme am „National Slam“ führte zwei Jahre später zu einer Umbenennung der Veranstaltung in „German International Poetry Slam“, kurz GIPS.

In Deutschland finden zurzeit an die 70 Poetry Slam-Veranstaltungen regelmäßig statt, die meisten davon in kleineren Kneipen, Cafes oder Kulturräumen wie dem Karlsruher KOHI. Jeden letzten Freitag im Monat ist dort Slammen angesagt und mit ein bisschen Glück wird es für wenige Sekunden so still im Raum, dass man eine Stecknadel zu Boden fallen hören könnte. Dann steht der Interpret mit geschlossenen Augen im warmen Licht des Scheinwerfers, während seine letzten Worte in ihm und den Köpfen der Zuhörer nachhallen. Vollkommen verzaubert von der Macht seiner Verse sitzt das Publikum in einem solchen Moment im Halbdunkel des Saales und wirkt vor lauter Bewunderung wie versteinert. Doch meist dauert es nicht lange bis ein ohrenbetäubender Applaus losbricht, für den sich der Vortragende mit einem kleinen Lächeln bedankt und das Rampenlicht dem nächsten Slammer überlässt.

Wer nun neugierig geworden ist und nicht mehr bis zum nächsten Life-Slam warten möchte, kann sich auf der Homepage des WDR schon mal einen kleinen Vorgeschmack holen.

http://www.wdr.de/tv/poetryslam/videos/uebersicht.jsp?medium=video

Marie-Luise Miczka

(vorherige Seite)

  1. Page 1
  2. Page 2
  3. Page 3
  4. Kompletten Artikel anzeigen
(nächste Seite)

Seiten: 1 2 3

Bookmark Tools
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Google Bookmarks
  • MisterWong
  • Digg
  • Netvibes
  • StumbleUpon
  • Add to favorites

Einen Kommentar schreiben