ARTE – was für Neugierige

Unterschiedliche Bilder tauchen beim hastigen Zappen durch die Fernsehkanäle auf: dramatische Auseinandersetzungen bei Kalwass – sich lautstark anschreiende Anwälte bei Richterin Salesch –– Galileo zeigt das größte Schnitzel der Welt – wehleidiges Herzschmerz bei GZSZ – und dann endlich – ARTE. Der deutsch-französische Kultursender mischt das aktuelle Unterhaltungsangebot auf und zeigt innovative und außergewöhnliche Sendungen.

ARTE (Association Relative à la Télévision Européenne) ist etwas Besonderes in der aktuellen Fernsehlandschaft. Fernab von Talkshows, Gerichtssendungen, Tratschmagazinen und Werbungen, weist der Fernsehsender eine gelungene Mischung aus Dokumentarfilmen, Kinofilmen, Theater und Musik auf. Zunächst fast gänzlich unbekannt, erreichte der Sender im Jahr 2007 pro Woche für mindestens fünfzehn Minuten die Aufmerksamkeit von vierzehn Millionen Zuschauern. In Form einer Europäischen Wirtschaftlichen Interessenvereinigung (EWIV) wurde ARTE zunächst 1991 in Straßburg gegründet. Eine Annäherung der Völker in Europa, sowie ein besseres Verständnis der Kulturen standen bei dem Konzept und der Zielsetzung im Mittelpunkt. 1992 wurde die erste Sendung ausgestrahlt. Seitdem ist viel passiert – aus einem bescheidenen Abendprogramm ist eine umfangreiche Auswahl an verschiedenen Themen für neugierige Zuschauer geworden.

Für das Jahr 2009 hat der Fernsehsender altbewährte Fernsehprogramme auf Lager, aber auch neue Sendeformate im Angebot. Bereits seit 1992 wird „Mit offenen Karten“ auf ARTE gezeigt und ist damit die älteste ARTE Sendung, die immer noch produziert wird. Der Franzose Jean-Christophe Victor ist gleichzeitig Moderator und Redakteur. In Hemd, Krawatte und mit stets hochgezogenen, markanten Augenbrauen erklärt der erfahrene Anthropologe und Politikwissenschaftler anhand von Landkarten die Welt. Fragen wie „Zerbricht Belgien?“ oder auch eher allgemeine Informationen über beispielsweise Russland und Afrika werden mit Hilfe der geographischen Lage untersucht. Wer sich in den aktuellen Nachrichten manchmal nicht zurechtfindet, den Grund und die Komplexität des Konflikts zwischen Israelis und Palästinenser noch immer nicht genau erfassen kann, wird in dieser Sendung eine gute Grundlage für das Einordnen und Verstehen verschiedener Ereignisse bekommen. Es wundert nicht, dass es bereits Schulbücher für die Oberstufe gibt, die auf dieser Sendung basieren. In der Tat ist „Mit offenen Karten“ als eine Art Unterricht im Fernsehen zu verstehen, denn die einfachen, klaren Erläuterungen werden zudem anschaulich dargeboten. In nur zehn Minuten können Begriffe wie Umweltverschmutzung, Krieg, Identität, Politik, Geschichte, Sprache, Religion, Konflikte, Macht, Wirtschaft, Rohstoffvorkommen, Energie und Güteraustausch auftauchen ohne, dass einem davon der Kopf raucht.

Auch schon etwas länger etabliert ist die Sendung „Chic“, in der der Zuschauer alles über aktuelle Trends, angesagte Orte und Insidertipps in Europa erfährt. Ein wahres Feuerwerk an kreativem Schaffen legt dieses Sendeformat offen, indem nicht nur Berichte über Kunst und Architektur, sondern auch über Küche, Mode und Film gezeigt werden. Von der Entstehung des Gartenzwergs, über alternative Limonadensorten bis hin zu Manga Festivals ist alles dabei. Die Reporter nehmen dabei eine Beobachtungsrolle auf, entdecken die verschiedenen Strömungen im Bereich des Designs und spüren die neusten und schrägsten Ideen auf. Alles was das Leben schöner macht, findet in der Sendung Erwähnung. Dabei werden die ausführenden Personen interviewt und die Philosophie und Konzeption der Idee klargestellt. Moderatorin Isabelle Giordano präsentiert somit ein Einblick in die aktuelle Schaffenswelt von Künstlern, Designern und Unternehmern, die alles andere als langweilig ist.

Erfolge feiert zudem die Sendung „Karambolage“, die am 2. Juni 2008 bereits die 150. Folge zeigte. Als Musterbeispiel deutsch-französischer Zusammenarbeit trägt „Karambolage“ zum besseren Verständnis der zwei Nationen bei. Besonderheiten und Eigentümlichkeiten beider Länder werden unter die Lupe genommen, erklärt und mit humorvollen Illustrationen dargestellt. In Kategorien wie „die Art und Weise“, „das Gemälde“, „der Ausdruck“ oder „der Alltag“ ordnen sich kurze Animationen, die durch ihre witzige und künstlerische Aufmachung bestechen. Ein Schmunzeln lässt sich selten verkneifen, denn viele Situationen hat man sicherlich schon selber erlebt. Dass die Franzosen oft den Motor laufen lassen, während sie kurz einkaufen gehen, dass sie sich zur Begrüßung küssen, oder dass sie die englischen Wörter beharrlich französisch aussprechen erscheint für viele Deutschen unerklärlich. Genauso wie Franzosen sich über die Großschreibung in der deutschen Sprache wundern und den Begriff der Frühjahrsmüdigkeit überhaupt nicht kennen. Endlich gibt es also jemanden, der uns die merkwürdigen Angewohnheiten des jeweils anderen erklärt. Zudem wird die Neugierde auf die Kultur des jeweils anderen Landes geweckt, indem beispielsweise Persönlichkeiten wie Marcel Reich-Ranicki und José Bové vorgestellt werden. Neu im Programm ist das Wissensmagazin „X:ENIUS“, das aus der Welt der Naturwissenschaft und Forschung berichtet. Mit dem „Xenius“ Wohnmobil touren die quirlige Caro Matzko und der gemächliche Gunnar Mergner durch Europa und gehen dabei Fragen wie „Haben es schöne Menschen leichter?“ oder „Sind Vegetarier die besseren Menschen?“ auf den Grund. Anekdoten aus dem täglichen Leben und Meinungen von Forschern wechseln sich ab, um das das Thema abwechslungsreich und verständlich zu präsentieren. Vor allem die beiden Moderatoren scheinen Spaß am testen und experimentieren zu haben. Das ARTE Programm besteht jedoch nicht nur aus regelmäßigen Sendungen, sondern auch aus Spiel- und Kinofilmen, Opern, Musik und Dokumentationen. So manchen gemütlichen Fernsehabend lässt sich vor „Interview mit einem Vampir“ oder alten Hitchcock Filmen verbringen, während auf anderen Sendern die zehnte Staffel von Popstars läuft und die Promis bei „Yes, we can dance“ zeigen, dass sie doch nicht tanzen können. Experimentell und außergewöhnlich ist zudem die Ausstrahlung von Stummfilmen und den sogenannten Trash-Filmen, die Einblicke in längst vergessene Kinowelten und ins aktuelle Filmgeschehen gewähren. Auch Opernfans kommen nicht zu kurz; die Live-Übertragungen der „La Bohème“ von Giacomo Puccini oder des „Freischütz“ von Carl Maria von Weber waren nur einige Leckerbissen die das Jahr 2009 bereit stellte. Das bunt gemischte Musikprogramm auf ARTE zeigt zudem Live-Musik, Jam Sessions, Soul, Folk, Jazz, Rock oder Surf-Musik. Dem Inhalt in den Dokumentationen und Reportagen werden schließlich keine Grenzen gesetzt, genauso wie die Erzählform variieren darf und dabei Spielraum für neue Wagnisse lässt.

Die vier Rubriken „Die Welt verstehen“, „Kultur entdecken“, „Film erleben“ und „Europa erkunden“ fassen den Fernsehkanal treffend zusammen. Weitab vom Mainstream bietet ARTE eine Vielfalt an verschiedenen Sendungen, die unterhaltsam sind und neugierig machen.

Laura Heftrich

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