„Bevor der Arzt leidet, leiden eher alle Anderen.“

Blutdruck

Stress, Krankheit und Tod sind der ständige Begleiter im Berufsleben einer Krankenschwester. Aber ist der Beruf wirklich so erbarmungslos, wie er manchmal auf Außenstehende wirkt?

In dem Interview mit Lara Lang (Name von der Reaktion geändert), einer Krankenschwester aus dem städtischen Klinikum Karlsruhe, erklärt sie, dass trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse dieser Beruf für sie ein Traumjob ist.

Sie sind ausgebildete Krankenschwester. Ist das die korrekte Bezeichnung für ihren Beruf?

Als ich damals meine Ausbildung angefangen habe, war das noch die korrekte Berufsbezeichnung. Jetzt heißt es Gesundheits- und Krankenpflegerin.

Was war für Sie der ausschlaggebende Grund, Krankenpflegerin zu werden?

Mein eigentlicher Plan war es, nach dem Abitur Medizin zu studieren. Ich konnte das Studium jedoch aufgrund der strengen Zulassungsvoraussetzungen nicht beginnen. Ich habe deshalb etwas anderes studiert und nebenher im Krankenhaus gearbeitet, um mein Studium finanzieren zu können. Mit der Zeit habe ich dann gemerkt, dass mir die Arbeit im Krankenhaus mehr Spaß gemacht hat als das Studieren, deswegen habe ich mich dafür entschieden, das Studium abzubrechen und mich stattdessen für die Ausbildung zur Krankenpflegerin zu bewerben.

Gibt es weitere Möglichkeiten, um ausgebildete/r KrankenpflegerIn zu werden?

Momentan gibt es nur die klassische Ausbildung, aber mittlerweile wird darüber diskutiert, Krankenpflege ebenfalls als Studium anzubieten. So wurde es auch mit dem Beruf des Lehrers für Pflegeberufe gehandhabt, der jetzt als Studium angeboten wird. Die Pflege soll dadurch einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommen.

Wie lange dauert die Ausbildungszeit?

Drei Jahre.

Wie lange üben Sie Ihren Beruf jetzt aus?

Sechs Jahre.

Sind Sie in diesen sechs Jahren immer im selben Krankenhaus geblieben?

Nach meiner Ausbildung bin ich zunächst in dem Krankenhaus in Langensteinbach geblieben, wo ich auch ausgebildet wurde. Ich habe dort für fünf Jahre auf der Intensivstation gearbeitet. Vor einem Jahr bin ich dann zum städtischen Klinikum gewechselt, um mehr Möglichkeiten zu haben. Das städtische Klinikum hat durch seine Größe mehr Kapazitäten und viel mehr Fachrichtungen. In Langensteinbach gibt es beispielsweise keine Gynäkologie, Kinderheilkunde oder Bauchchirurgie, das Krankenhaus konzentriert sich mehr auf einen Schwerpunkt, dagegen ist das städtische Klinikum eher breit gefächert. Ein weiterer Grund für meinen Wechsel war die Fachweiterbildung für Intensiv und Anästhesie, die im städtischen Klinikum angeboten wird.

Können Sie auf jeder beliebigen Station arbeiten?

Eigentlich kann man als Krankenpflegerin überall arbeiten. Es kann natürlich sein, dass sie auf einer Kinderstation ausschließlich nach Kinderkrankenschwestern verlangen. Da es aber so wenige Kinderkrankenschwestern gibt, ist es eigentlich unmöglich nur Kinderkrankenschwestern einzustellen. Daher müssen auf Kinderstationen auch allgemeine Krankenschwestern eingestellt werden.

Was verdient man als KrankenpflegerIn monatlich?

Wenn man auf der Normalstation arbeitet, verdient man 1200 Euro netto und wenn man in einem Funktionsbereich wie der Intensivstation oder der Anästhesie arbeitet, dann bekommt man schätzungsweise 200 Euro mehr. Dazu kommen noch die Nacht- und Bereitschaftsdienste, für die man extra bezahlt wird. Ich verdiene monatlich ungefähr 1600 Euro.

Finden Sie Ihr Gehalt gerechtfertigt oder werden KrankenpflegerInnen Ihrer Meinung nach unterbezahlt?

Wenn man die Summe an sich betrachtet ist es für jemanden ohne Familie und Partner in Ordnung. Wenn man aber bedenkt, wie viel Verantwortung dahinter steckt, dann ist der Beruf eigentlich unterbezahlt. Es ist eben nicht vergleichbar mit dem Beruf als Verkäuferin an einer Tankstelle oder im Supermarkt. Die Verantwortung gegenüber den Patienten ist jeden Tag extrem hoch und deswegen finde ich, dass man dafür eine Erschwerniszulage bekommen sollte, was aber nicht der Fall ist.

Wenn Sie jetzt ein Kind bekommen würden, wäre dann die Situation noch finanziell tragbar?

Das wäre sehr schwierig. Vor allem, wenn man dann keinen Partner hat, der einen finanziell unterstützen kann.

Wie empfinden Sie Ihren Arbeitsalltag?

Ich finde ihn sehr vielseitig und interessant. Man muss sehr flexibel sein, wenn man jeden Tag, jede Stunde auf andere Menschen trifft. Das empfinde ich allerdings nicht als Nachteil, sondern vielmehr als Vorteil.

Gibt es oft stressige Situationen oder läuft Ihr Arbeitsalltag eher ruhig ab?

Stress ist auf jeden Fall ein ständiger Begleiter, gerade der physische Stress. Als Krankenpflegerin muss man viel tragen und Patienten, die sich nicht mehr bewegen können, versuchen zu mobilisieren, sei es nun auf die Toilette oder in die Dusche.
Dazu kommt dann der psychische Stress, weil man jeden Tag acht bis neun Stunden lang auf Habachtstellung sein muss. Das bedeutet ständige Konzentration, sodass man jederzeit mit einem Notfall zurecht kommen kann.

Haben KrankenpflegerInnen einen geregelten Tagesablauf oder wechselt dieser von Tag zu Tag?

Der Ablauf ist nicht fest geregelt, aber er verändert sich auch nicht von Woche zu Woche. Im Endeffekt kann man schon so arbeiten, wie man es möchte. Ich habe in letzter Zeit beispielsweise viele Spätdienste gemacht, weil mir das besser gefällt.

Was sind die wichtigsten Aufgaben für eine/n KrankenpflegerIn?

Die wichtigste Aufgabe einer Krankenpflegerin ist es, den Patienten so gut als möglich zu betreuen, zu pflegen, zu versorgen. Eine weitere Aufgabe ist zum Beispiel das Beziehen der Betten. Aber auch die Organisation gehört dazu, beispielsweise dass der Patient die komplette Diagnostik bekommt, die für seine Krankheitsgenesung wichtig ist. Im Endeffekt macht man als KrankenpflegerIn alles: die Organisation, die Pflege und eventuell auch die psychische Betreuung. Es kommt auch darauf an, auf welcher Station man sich gerade befindet. Wenn man in der Onkologie arbeitet, hat man viele Krebspatienten, da steht die psychische Betreuung besonders im Vordergrund.

Gab es eine konkrete Situation in Ihrer bisherigen Zeit als Krankenpflegerin, die Ihnen persönlich besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ich erinnere mich noch genau an meine Examenspatientin, die eine große Wirbelsäulenoperation hinter sich hatte und dann kollabiert ist. Es war interessant zu sehen, wie man in so einer Situation schnell reagiert und eben auch so, dass es den Lehrern und vor allem auch den Prüfern gefällt.
Eine weitere Situation war in meiner Zeit als Schülerin. Ich war in der Gerontopsychiatrie und dort gab es nur alte Menschen, die psychisch auffällig waren. Darunter befand sich eine ältere Frau, die alle Steckdosen in ihrem Zimmer abklebte, weil sie befürchtete, abgehört zu werden.
Es gibt aber auch alltägliche Situationen, die einem nahe gehen, zum Beispiel wenn man Patienten betreut, die im gleichen Alter sind wie man selbst und schon an Krebs erkrankt sind.

Bleiben denn eher die traurigen als die schönen Momente im Gedächtnis ?

Eher die traurigen, weil man die schönen Momente relativ oft hat. Wenn die Patienten entlassen werden können und es ihnen gut geht, dann sind das für mich immer schöne Momente. Vor allem spürt man das auch an der Dankbarkeit der Patienten, wenn sie die Schmerzen und Ängste überwinden konnten. Von daher hat man als Krankenpflegerin wirklich oft schöne Momente.

Wie ist es geregelt, wenn ein älterer Mensch mit einer schweren Verletzung bei Ihnen in das Krankenhaus eingeliefert wird?

Das ist schwierig, den Begriff “älter“ muss man erst einmal definieren. Jemand, der 60 Jahre alt ist, gehört noch nicht zu dieser Kategorie, ab 80 Jahren dann schon eher. Es wird überprüft, ob der Patient selbstständig war oder ob er aus einem Pflegeheim kommt, ob er daheim betreut wird, weil er schon bettlägerig ist oder Alzheimer hat. Dann wird auch geprüft, inwiefern der Patient krank ist. Ist er nur gestürzt und hat sich das Bein gebrochen oder hat er einen Tumor im Darm, der sehr schwer zu operieren ist und wo es auch fraglich wäre, ob er die Operation übersteht, wegen einer möglichen Herzkrankheit oder ähnlichem.
Pauschal kann man darauf keine Antwort geben, da bei jedem Patienten die Situation neu bewertet werden muss.

Kann man denn generell sagen, dass ein alter Patient nicht die gleiche Versorgung bekommt wie ein junger Patient?

Man muss eben zwischen der Größe der Operation unterscheiden. Wenn ein Patient mit Metastasen in der Leber aus dem Altersheim kommt, dann wird man ihm nicht die gleiche Behandlung geben wie einem jungen Patienten. Wenn er aber nur gestürzt ist und der Aufwand der Operation dementsprechend klein ist, dann wird dem alten Patienten die gleiche Behandlung zugesprochen, die auch ein junger Mensch erhalten würde.
Eine 80-jährige würde man auch nicht mehr fünf oder zehn Stunden lang an der Wirbelsäule operieren. Man würde ihr eher Schmerzmittel geben und ihr sagen, dass sie sich vorsichtiger drehen soll. Aber es ist eben wirklich sehr schwer, das abzuwägen. Es müssen einfach viele Faktoren überprüft werden: Welche Erkrankungen hat der Patient noch? Leidet er vielleicht an einer schweren Herzkrankheit? Hat er Bluthochdruck? Ist er noch mobil zuhause oder pflegebedürftig? Kann er noch alleine Essen zubereiten, sich alleine waschen, alleine einkaufen gehen? Das muss man alles abwägen.

Wie wird es aber nun gehandhabt, wenn ein älterer Patient ins Krankenhaus eingeliefert wird und es ist ein akuter Notfall? Werden dann erst die Faktoren überprüft, bevor man ihm hilft?

Nein, man wird sich dann im Notfall eher dafür entscheiden, dem Patienten zu helfen.

Wer entscheidet dann, ob ein Patient noch operiert wird oder nicht?

Das entscheiden allein die Ärzte.

Gab es schon einen Fall, bei dem sich der Arzt gegen eine Operation entschieden hat und Sie das aber als nicht gerechtfertigt empfanden?

Nein, das gab es noch nicht. Ärzte sind in einer Position, in der sie nicht versagen wollen.
Es ist eher sehr oft der Fall, dass Ärzte erst ganz spät sagen können, dass nichts mehr unternommen werden kann. Meistens erkennen es die Angehörigen oder die Patienten selbst schon vorher, dass weitere Operationen vergeblich sind. Mein Vater ist auch Arzt und er hat es einmal so beschrieben, dass es den Ärzten immer sehr schwer fällt, loszulassen. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn viele Ärzte kennen gelernt und es gab nur einen einzigen, der dafür einen „gesunden“ Blick hatte. Wenn einer seiner Patient todkrank war und lieber daheim sterben wollte, dann konnte er das tolerieren und respektieren und entließ ihn auf seinen Wunsch hin. Viele andere Ärzte hätten sich dafür zu spät entschieden und deshalb sterben die Patienten dann oft gegen ihren Willen im Krankenhaus. Aber bevor der Arzt leidet, leiden eher alle Anderen.

Finden Sie persönlich diese Regelung moralisch verwerflich oder glauben Sie, dass es nicht anders gehandhabt werden kann?

Das kann mit unserem Gesundheitssystem nicht anders vereinbart werden.

Woran liegt das genau?

Es ist einfach zu wenig Geld da und die nächsten Jahre wird es wahrscheinlich noch schlimmer werden.

Wird die Altersgrenze bei den Patienten dann herab gesetzt?

Ja. Und daran ist einfach das System schuld.

Hätten Sie einen Vorschlag für eine andere Regelung?

Das ist ein Gesellschaftsproblem. Es muss darüber nachgedacht werden, was die Deutschen für eine Pflege wollen und was dafür auch zu zahlen bereit sind. Das ist eine gesellschaftliche Diskussion und die muss politisch angefacht werden. Und solange es diese Diskussion nicht in der Öffentlichkeit gibt, wird es so bleiben und noch schlimmer werden.
Bei dem niedrigen Budget und der immer älter werdenden Gesellschaft ist das Kontingent einfach zu gering, um alle gleich zu versorgen. Die Krankenhäuser werden auch viel zu wenig vom Staat, der Kirche oder anderen Geldgebern subventioniert.
Das Geld reicht nicht mehr aus, um jeden Patienten zum Röntgen zu schicken oder Labortests durchzuführen. Deshalb kommt dann die Überlegung auf, wer Vorrang hat und da fallen dann die Alten durch das Raster. Das ist der normale Lauf der Dinge.

Wird es in anderen Ländern auch so geregelt?

Nein, in anderen Ländern wird es nicht so geregelt wie in Deutschland. Vor allem in den südlichen Ländern wird die Verpflegung nur von den Angehörigen übernommen. KrankenpflegerInnen sind, anders als in Deutschland, primär dazu da, die Therapien zu machen oder sich um die Medikamente zu kümmern, sie machen dort einen Teil der ärztlichen Tätigkeit.

Ist der Beruf KrankenpflegerIn Ihrer Meinung nach ein Traumjob?

Er ist definitiv ein Traumjob. Ich finde, dass jeder Job im Gesundheitswesen ein Traumjob ist.
Man lernt jeden Tag so viel über andere und teilweise über sich selbst, dass es nie langweilig wird, sondern immer interessant bleibt. Genau das erwartet man ja von seinem Beruf. Das einzige Manko ist, dass der Lohn zu niedrig ist. Es ist ansonsten ein guter, interessanter und vor allem sicherer Job.

Kommt es dann so gut wie nie vor, dass man entlassen wird?

Das geht gar nicht. Außer, man hat was ausgefressen. Aber es ist einfach so, dass es nie genug Krankenschwestern auf der Welt geben kann. So wie die Zeiten jetzt sind, wird es immer mehr ältere Leute und damit immer mehr Krankheiten geben.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, sich noch einmal für einen Ausbildungsweg zu entscheiden, würden Sie dann vielleicht einen anderen Weg wählen oder würden Sie wieder die Ausbildung zur Krankenpflegerin machen?

Ich würde auf jeden Fall bei meinem Abi besser abschneiden und Medizin studieren. Ich wollte immer gern in den operativen Bereich und das kann man als Pflegerin eben nicht. Man kann vielleicht mal einen Tupfer anreichen, aber mehr darf man als Krankenpflegerin nicht machen. Als zweite Wahl ist der Beruf der Krankenpflegerin aber absolut in Ordnung. Ich habe es auch nie bereut.

Julia Schwibbe

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