Wieder mal Theaterfestival

Was lange „spielt“ wird endlich gut

IMG_2371

Festivalplakat mit der “Regina von Kresswitz”

Das Unitheater Karlsruhe (e.V.) ist unter dem Vorstand von Michael Quednau ein gemeinnütziger Verein mit derzeit 80 Mitgliedern. Gegründet wurde es als Dachverband für verschiedene Theatergruppen, die zu dieser Zeit auf dem Campus aktiv waren. Das Festival „Theater oder so…!“ ist seit elf Jahren eine Plattform für den Austausch zwischen Amateurtheatergruppen in ganz Deutschland. Künstlerische Erfahrungen werden ausgetauscht, neue Impulse gegeben und Freundschaften geknüpft. Neben der einheimischen Theatergruppe „Die Physiker“ und dem Improvisationstheater „Schmitz’katze“ wurden beim diesjährigem Festival die auswärtigen Theatergruppen „WIR BONI“ aus Tübingen und „NICHTS ALS THEATER“ aus Koblenz eingeladen.

Getreu dem Motto ihrer Theaterkollegen aus Tübingen „Was lange wärt, wird endlich gut“ hat das Unitheater Karlsruhe „Theater oder so“ vom 07.05 bis 10.05.09 für ein abwechslungsreiches und berauschendes Theaterfestival im Festsaal gesorgt.

Die ganze Planung des 11. Theaterfestivals lief schon bereits im November letzten Jahres an. Die Organisation und der Aufbau des Events waren für das sechsköpfige Organisationsteam ein nicht zu unterschätzender Kraftakt: Angefangen von der Versorgung, Unterkunft und Verpflegung der ganzen Theaterkollegen aus Tübingen und Koblenz bis zum Sponsoring und intensiver Öffentlichkeitsarbeit. Denn die breite Masse sollte von dem Festival schließlich auch was mitbekommen. So wurden Broschüren, Flyer und Plakate der farbenprächtigen Regina von Kresswitz aus dem vergangenen Theaterstück“ Gefecht in fünf Gängen“ als Eyecatcher an jeder Ecke des Campus ausgelegt und ausgestellt.
In der Tat berichteten zu Beginn des ersten Premierestücks viele Theaterfans, dass sie von den Broschüren, den Plakaten und natürlich von dem reichlichen Angebot so visuell angetan waren, dass sie sich das Festival nicht entgehen lassen wollten.

Hexenjagd 4

Szene aus dem Stück “Hexenjagd”

Bereits das Premierenstück „Hexenjagd“, durfte sich gleich am ersten Festivalabend eines regen Besucherandrangs erfreuen. Jung und Alt drängelten sich in einer langen Warteschlange vor dem Einlasstor, in der Hoffnung einen der besseren Plätze zu ergattern. Eröffnet wurde das Stück mit einer wilden Tanzszene junger Mädchen im Wald aus dem Stück “Hexenjagd” von Arthur Miller, ein im 17. Jahrhundert angesiedeltes Drama, das auf wahren Begebenheiten basiert. Mit reichlichem Szenenwechsel und drastischen Schlüsselszenen wurde veranschaulicht, wie eine scheinbar demokratische Gemeinschaft mit den Mitteln ihrer eigenen Ordnungs- und Rechtsprinzipien zerstört wird und wie die Verteufelung einer anderen Weltanschauung den eigenen Fundamentalismus mit Intrigen und Machtspielen freilegen kann.
Nach der Vorstellung erläuterte die Darstellerin Sylvia Schreiber (alias Mary Warren), dass sie nach anfänglichen wöchentlichen Treffen unmittelbar vor den letzten Tagen des Festivalbeginns die komplexen Schlüsselszenen bis zu 10 Stunden intensiv geprobt hatten. Auch die Theaterzuschauer waren im Nachhinein sehr beeindruckt. „Sie haben eine vorzügliche Auswahl getroffen, da vieles was sie darstellen mit unserer gegenwärtigen und politischen Situation völlig übereinstimmt“, so die Statements von den Theaterzuschauern Julia und Felix.

Auch das Partnerteam „Die Physiker“ traf mit dem Stück „Kasimir und Karoline“ von dem namhaften ungarischen Schriftsteller Ödon von Horvath den Nerv der Zeit. Es stellte dar, welch immensen Einfluss eine globale Finanzkrise auf die Lebenssituationen und die Emotionen einfacher Menschen hat und sich negativ auf ihren weiteren Lebensverlauf auswirken kann.
In dem Stück verlieren die Figuren, die Angestellte Karoline und der entlassene Chauffeur Kasimir, auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben alles, was sie noch besitzen – ihre Liebe zueinander und ihre persönliche Würde. „Ich fand das Stück gut und lebhaft dargestellt, vor allem die aktuelle ökonomische Dramatik und die tiefgreifenden emotionalen Beziehungs- und Kommunikationsprobleme von Mann und Frau wurden sehr gut veranschaulicht“, so die begeisterte Zuschauerin Sabine. “Wer weiß, ob wir in Zukunft nicht auch so da stehen werden“, meint sie ein wenig nachdenklich.
Bunte Oktoberfestszenen mit reichlichen Schlagereinlagen, lebensphilosophisch angehauchte Sätze wie „Träume sind Schäume“ und “Nur der Mensch hat alleinig einen einzigen Mai” regten die Zuschauer sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken und letztendlich zum regen Applaus an.

IMG_2440

Szene aus dem Stück “Warten auf Godot”

Nicht vergessen sollte man natürlich auch das Gastschauspielerteam „Wir Boni“ aus Tübingen mit ihren Stücken „Warten auf Godot“ und „Winzige Alice“, die trotz geringer Zuschauerpräsenz versucht haben, witzige und vor allem außergewöhnliche Szenen zu präsentieren, so dass es sich doch gelohnt hat auf Godot zu warten. In welcher Inszenierung bekommt man sonst einen dicken und bärtigen Mann in einem bauchfreien Top und in einem sexy Blümchenrock zu sehen?

Für einen weiteren überraschend spektakulären Auftritt hat am Folgetag die Unitheatergruppe „NICHTS ALS THEATER“ aus Koblenz gesorgt. Das Stück „Le Grand Macabre“ vom ungarisch-jüdischen Komponisten György Ligeti, das eigentlich ein Opernstück ist, wurde vom Regisseur Michael Eisenhart zu einer Komödie umgeschrieben und sorgte mit zahlreichen grotesken und abstrusen Szenen für reichlich Gelächter.
Schon vor dem Einlass wurden die Zuschauer auf unterschwellige Art und Weise in das Geschehen miteinbezogen, indem die Hauptdarsteller Proprenaz und Nekrozotar mit Bierflaschen in der Hand theatralisch grölend das Publikum empfingen. „Der Einsatz von Diaprojektion am Anfang der Szene war phänomenal,“ meint Torsten, ein junger theaterbegeisteter Student, „die haben für eine richtige intermediale Abwechslung zwischen Leinwanddarstellung und Theater gesorgt“, bemerkte er beeindruckt.
Gegen Ende der ersten Pause war man vom Stück so hingerissen, dass niemand mehr wusste, ob die polternden Geräusche Teil der Inszenierung waren oder vom Hagel auf dem Theaterdach kamen. Letztendlich war es dem Publikum wohl egal, die Begeisterung und die positive Resonanz waren grenzenlos.

Auffällig war, dass man auch als Außenstehender merken konnte, dass die Kollegialität und Integration der verschiedenen Theatergruppen vor und während dem Festival erfolgreich verlaufen ist. Erkennbar war dies vor allem am Bezug zwischen den einzelnen Theaterstücken, wie es bei „Warten auf Godot“ und bei „Le Grand Macabre“ der Fall gewesen ist. So konnte der große Nekrozotar in einer Szene von „Warten auf Godot“ eine Erwähnung finden, während auch mal bei den „Le Grand Macabre“ auf Godot gewartet wurde.
Die Vernetzungen wurden zuvor auch vom Organisationsteam räumlich vorgenommen, indem alle Gastspieler vor dem Festival in der universitären Turnhalle untergebracht wurden. „So spiegeln sich diese spitzfindigen Einfälle als Ergebnis dieser Vernetzung in den Stücken wieder“, meinte Sabine Reißer von Festivalteam.

IMG_2584

Szene aus dem Stück „Le Grand Macabre“

Für musikalische Abwechslung und einen aufregenden Partyabend sorgten die Bands „THE PATRICKS“ und „QUICK TO THE MONSTERCAR“. Bis spät in die Nacht wurde in der Halle des Festsaals wild getanzt und Bier getrunken. Trotz einer lang durchzechten Partynacht fand auch das Matinee am nächsten Sonntagmorgen regen Zulauf.

Auch die zwei Werkstattworkshops, die bisher unverzichtbarer Bestandteil in jedem stattfindenden Theaterfestival waren, waren gut besucht. “Vor allem die Sprechwerkstatt war bereits eine Woche vor Festivalbeginn völlig ausgebucht“, erzählt Sina Flubacher vom Organisationsteam. Für alle Neugierigen ergab sich durch die Workshops die Gelegenheit, ins Theaterleben reinzuschnuppern. Dazu hatte Sabine Reißer aus dem Festivalteam für den ersten Workshop einen reichlichen Programminhalt aus dem Physikerchor und aus den vergangenen Workshop-Ergebnissen zusammengestellt.

Das absolute Highlight des Theaterfestivals kam natürlich am Schluss: die Karlsruher Improvisationsshow „Schmitz‘ Katze“, die sich mit regelmäßigen Auftritten im Studentenhaus, im Jubez und in der Stadtmitte schon bewährt und auch über die karlsruher Stadtgrenzen hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt hatte. An diesem Abend hatten die Zuschauer Probleme überhaupt einen Sitzplatz zu finden. Die Art der Handlungssequenzen wurde meist von den Moderatoren vorgegeben und die kuriosesten Szenen von den Zuschauern vorgeschlagen. Für jeden Szenenvorschlag bekam man von den Moderatoren als Belohnung ein Schokobonbon zugeschmissen. Das war der Anlass, warum das ganze Publikum durch lautes Zurufen aktiv mitmachte.

IMG_2929

Szene aus der Improvisationsshow „Schmitz‘ Katze“

So kamen die skurilsten Szenen zustande, zum Beispiel ein Blinddate auf dem Fischmarkt oder die Therapie eines impotenten Kunden durch einen Medizinmann, wobei die Behandlung nicht den gewünschten Effekt sondern ein steifes Bein und einen steifen Hals hervorbrachte. „Es war im wahrsten Sinne des Wortes zum Kaputtlachen“, meinten Jürgen und Kerstin, zwei Studenten aus dem Publikum, „echt Klasse was hier dargeboten wird“. Viele Zuschauer hatten noch nach der Show einen roten Kopf und breite Mundwinkel als Ergebnis eines grenzenlosen Lachkrampfs.

Letztendlich ist es keine Überraschung, dass gerade diese Show und die Physiker mit ihrem Stück „Kasimir und Caroline“ als die meistbesuchten Veranstaltungen die Kassen klingeln ließen. Die Abschlussshow mit „Schmitz’ Katze“ hatte allein schon über 200 Zuschauer, was auch für die Improvisationsgruppe bisher einmalig war. Auch aus der Sicht des sechsköpfigen Organisationskomittees ist das Festival hervorragend verlaufen. Insgesamt über 800 Besucher haben sie vermerkt. Doppelt so viel wie bei den letzten Theaterfestivals.
„Der Aufwand ist tatsächlich sehr hoch gewesen“, betont Sina Flurbacher nach dem Festival. „Das wöchentliche Treffen war anfangs bei der Planung und Organisation immer angesagt und unmittelbar vor dem Festival haben wir uns sogar täglich getroffen. Die ganzen Festivaltage hindurch mussten wir uns sogar mit nur zwei Stunden Schlaf begnügen“, meint sie mit erschöpfter Stimme. „Schließlich haben wir in den letzten Wochen vor dem Festival unsere verfügbare Zeit nur für das Festival geopfert, was mit dem Studium nebenher extrem schwierig war. Aber das haben wir schon irgendwie hinbekommen“, merkt sie souverän an, „wegen des positiven und reibungslosen Verlaufs und weil es uns sehr viel Spaß gemacht hat, waren die schlaflosen Nächte auch schnell vergessen“.

IMG_2639

Sina Flubacher aus dem Organisationsteam

Ein Novum ist, dass sich das diesjährige Team erstmals bemühte, das Festival in das studentische Kulturleben in Zusammenarbeit mit studentischen Organisationen wie Z10 und AKK einzubinden, was letztendlich mit viel Erfolg geklappt hat. Wie in den vergangenen Jahren erhielt das Unitheaterteam unter der Leitung von Josef Jünger regelmäßige Unterstützung vom studentischen Kulturzentrum. Ebenso das Engagement freiwilliger Helfer, die Kooperation mit den Fachschaften, die reibungslose Zusammenarbeit mit dem Cateringteam Richard Marbach und Verena Müller, die mit gebratenen Würstchen und Crepes für die kulinarische Versorgung zuständig waren, haben für ein durchgehenden authentischen Festival-Flair gesorgt.

Damit es in Zukunft weiterhin erfolgreiche Theaterfestivals gibt, lädt das Unitheater jeden ein, egal welche Altersklasse und Erfahrungsstand. Jeder der Talent und Interesse für das Theater verspürt, kann spielen, inszenieren und je nach Lust und Laune aktiv mitgestalten. Das Angebot reicht von Komödien, Satiren, Kabarett, Improvisation bis hin zu selbstgeschriebenen Stücken und Stückentwicklungen. Mal schauen, was das nächste Unitheater uns wieder für Überraschungen bringen wird. Auf jeden Fall macht weiter so…!

Ümmü Susan

(vorherige Seite)

  1. Page 1
  2. Page 2
  3. Page 3
  4. Page 4
  5. Kompletten Artikel anzeigen
(nächste Seite)

Seiten: 1 2 3 4

Bookmark Tools
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Google Bookmarks
  • MisterWong
  • Digg
  • Netvibes
  • StumbleUpon
  • Add to favorites

Einen Kommentar schreiben