KIT – Segen oder Fluch für die Geistes- und Sozialwissenschaften?

kit bildSeit dem 8. Juli ist es offiziell. Der baden-württembergische Landtag hat das KIT-Gesetz verabschiedet und somit die Fusion zwischen der Technischen Universität Karlsruhe und dem Forschungszentrum Karlsruhe GmbH zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT) besiegelt.

Der Name KIT begleitet uns nun schon eine geraume Weile, doch immer noch stellt sich die Frage, was es damit eigentlich genau auf sich hat.
Zunächst einmal präsentiert sich das KIT als Institution, die in sich den Dreiklang Forschung, Lehre und Innovation vereint und als Europas größtes Forschungszentrum zu Ruhm gelangen möchte. Hierbei vertritt sie den Anspruch die Belange aller Studierenden zu berücksichtigen.
Organisatorisch gliedert sich das KIT in unterschiedliche Schwerpunkte (COMMputation, Mensch und Technik, Mobilitätssysteme, Optik und Phonetik), Kompetenzfelder und Kompetenzbereiche.
Die Kompetenzfelder stellen fachübergreifende Foren thematisch zusammengehöriger Kompetenzen dar und sollen in diesem Zusammenhang sowohl den transdisziplinären wissenschaftlichen Austausch fördern als auch die Ideenbildung durch kommunikative und koordinatorische Prozesse unterstützen.
Hinzu kommen ebenfalls die Konzeption neuer Projekte sowie die Erschließung der hierfür notwendigen neuen Finanzquellen.
Die Kompetenzbereiche hingegen fassen thematisch miteinander verwandte Kompetenzfelder zusammen und sind somit die Struktur stiftenden Elemente, die für die Profilierung des KIT in der Wissenschaft notwendig sind.

Auch unterhält das KIT die zentrale Einrichtung des HoC (House of Competence), mit dem Anspruch, durch die Verknüpfung von interdisziplinären Forschungsgruppen mit neuen wissenschaftlichen Ansätzen einen entscheidenden Beitrag zur Kompetenzentwicklung zu leisten. Als oberste Zielsetzung steht die Verbesserung der sozialen und kulturellen Kompetenzen und der Leistungsfähigkeit von Studierenden, Wissenschaftlern und Mitarbeitern des KIT.

Das KHYS (Karlsruher House of Young Scientists) des KIT hat einen ähnlichen Auftrag, richtet sich damit aber eher an Doktoranden und Postdoktoranden.  In dem es als zentrale Anlaufstelle alle Doktoranden vom Beginn ihrer Doktorarbeit bis zum erfolgreichen Abschluss unterstützt und auch bei der weiteren Karriereplanung berät, dient es der Nachwuchsförderung.
Diese  zweite  zentrale Einrichtung des KIT befindet sich allerdings noch im Aufbau und wird mit öffentlichen Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Hiermit unterstützen die Bundes- und Landesregierungen  im Rahmen der Exzellenzinitiative die Förderung junger Wissenschaftler am KIT. Man darf gespannt sein, welche Innovationen auf diese Weise noch zu Tage gefördert werden können.

Bei alledem liegt die Betonung besonders stark auf einer Berücksichtigung aller studentischen Belange. Betrachtet man jedoch die nachfolgende Grafik, so fällt auf, dass es sich hierbei hauptsächlich um die Anliegen der technischen und naturwissenschaftlichen Studiengänge zu handeln scheint.

graphik für kit

Die “alten” Geistes- und Sozialwissenshaften finden sich lediglich in dem kleinen Kompetenzbereich “Technik, Kultur und Gesellschaft” wieder. In welcher Form ist allerdings fraglich. Allem Anschein nach bezweckt das KIT eine Durchmischung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Dies wird vor allem an Entwicklungen wie der Schließung des Instituts für Geschichte und der in der Diskussion stehenden Schließung des Instituts für Kunstgeschichte deutlich.
Zwar kann man Geschichte immer noch studieren, aber nur als Wahlschwerpunkt im Studiengang EUKLID (Europäische Kultur- und Ideengeschichte), indem sich ja auch schon die Disziplin der Philosophie seit einigen Jahren wieder findet.
Es scheint früher oder später alles auf eine Zusammenfassung der Geistes- und Sozialwissenschaften zu einem einzigen Kompetenzbereich hinaus zu laufen. Ob dieser dann den Namen “Technik, Kultur und Gesellschaft” oder EUKLID mit den Schwerpunkten Geschichte, Germanistik, Pädagogik usw. tragen wird, sei einmal so dahingestellt.

Zwar versucht Herr Bös, der seit Anfang 2009 Dekan der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften ist und zusätzlich Institutsleiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft, diesen sich aufdrängenden Eindruck der Durchmischung zu entkräften, in dem er anführt, es gäbe nicht zwischen allen Fächern Schnittstellen und somit bliebe das Alleinstellungsmerkmal dieser sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften erhalten, aber ein fahler Beigeschmack bleibt.

KIT Kollektion

Abgesehen von der Diskussion um Fächer und Fakultäten stellt sich ebenfalls die Frage nach dem Eindruck, den das KIT nach außen hin darstellt beziehungsweise darstellen soll. Hier fällt zunächst einmal die KIT-Kollektion in den Blickpunkt des Betrachters.
Sie verfolgt sowohl das Ziel dem KIT zu Bekanntheit zu verhelfen als auch Identität zu stiften. Neben USB-Ventilatoren, Kugelschreibern und Umhängetaschen sollen zahlreiche weitere Artikel der Marke KIT
zu Berühmtheit verhelfen und vor allem das Zugehörigkeitsgefühl der Studenten, Mitarbeiter und Alumni fördern.

Fraglich ist an dieser Stelle allerdings, ob eine Bildungsinstitution wirklich mit Hilfe solcher Merchandise-Produkte für sich werben sollte und ob die Zielgruppe dadurch auch im erhofften Maße angesprochen wird. Viel eher drängt sich hier der Eindruck auf, dass das KIT entgegen aller Behauptungen doch eine Tendenz in Richtung Wirtschaftsunternehmen einschlägt.
Eventuell zeigt sich hier aber auch einfach nur der allgemeine Trend zur Ökonomisierung der Bildung. Denn Bildung ist wertvoll und somit logischer Weise – teuer. Man denke nur an die Studiengebühren. Demnach muss Bildung auch einen Nutzen haben. Die Frage ist nur, für wen oder was? Für die Gesellschaft? Sicher!
Doch die Definition von Bildung in diesem Zusammenhang sowie der Beitrag der zunehmenden Technisierung und Ökonomisierung zur Verbesserung der Gesellschaft sind ein Streitthema für sich und stehen genauso in den Sternen wie die zukünftige Außenwahrnehmung des KIT.
Technische Universität Karlsruhe, damit wusste jeder etwas anzufangen, aber KIT? In diesem Sinne sind die Werbemaßnahmen wohl doch gerechtfertigt. Zu bezweifeln ist lediglich, ob sich eine kritische Studentenschar mit Kugelschreibern und Umhängetaschen beeindrucken und vor allem überzeugen lässt.

Ob das Konzept aufgeht und ob die Geistes- und Sozialwissenschaften in all ihren Eigenheiten am technikdominierten KIT bestehen werden, wird die Zukunft zeigen. Ebenso, wie die Annahme der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt. Immerhin, für Studenten, deren Studienbeginn noch vor der Fusion lag, besteht die Möglichkeit sich ein Universitätszeugnis ausstellen zu lassen. Für alle anderen wird im Diploma Supplement, einem Begleitschreiben zum offiziellen Zeugnis, auf die Universität Karlsruhe verwiesen.

Doch längst sind nicht alle Fragen geklärt und alle Unsicherheiten aus der Welt geschafft. Ein Interview mit Herrn Becker (Leiter des Instituts für Technik der Informationsverarbeitung (ITIV) und seit Oktober 2005 Prorektor für Studium und Lehre an der Universität Karlsruhe) wird hoffentlich mehr Licht ins Dunkel bringen.

Jennifer Korn, Marie-Luise Miczka
Das Interview mit Herr Becker erscheint demnächst in KA.mpus

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