“Um die Architekturstudenten müssen Sie nicht besorgt sein, da ihrem Wohl die ganze Aufmerksamkeit der Fakultät gilt.”

Aber was ist mit den Studenten der Kunstgeschichte?
Eine dunkle Wolke scheint sich über dem kleinen Institut der Kunstgeschichte zusammen zubrauen, denn mit der Emeritierung des Institutsleiters Herr Prof. Dr. Norbert Schneider im Jahr 2010 wird auch der Privatdozent Herr Dr. Martin Papenbrock das Institut verlassen. Im Wintersemester 2009/10 wird Herr Prof. Ulrich Schulze als weitere Lehrkraft ausfallen. Müssen die Studenten vielleicht in eine andere Stadt ziehen, um ihr Studium mit dem Hauptfach Kunstgeschichte abschließen zu können?

Norbert-Schneider-foto

Der Institutsleiter Prof. Dr. Norbert Schneider im Interview

Wir haben darüber mit Herrn Prof. Dr. Norbert Schneider in einem Interview gesprochen und ihn unter anderem zur kritischen Lage des Instituts und der Verteilung der Studiengebühren befragt, damit die Gerüchteküche nicht weiter brodeln kann.

Am 27.04.2009 fand die Vollversammlung der Kunstgeschichtsstudenten statt. Auf der Sitzung wurden nicht nur die alltäglichen Probleme des Instituts besprochen, sondern ein Thema stand besonders im Vordergrund: Die eventuelle Schließung des Instituts. Seitdem herrscht unter den Kunstgeschichtlern die Angst, dass sie bald nicht mehr in Karlsruhe studieren können.

Ist die Angst der Studenten berechtigt oder wurde die Problematik vielleicht übertrieben hervorgebracht?

Die Studierenden müssen sowohl im Hinblick auf die Sicherstellung des Lehrangebots der nächsten Semester als auch im Hinblick auf die Betreuung ihrer Prüfungsprojekte nicht besorgt sein. Von Seiten des Instituts wie auch der Fakultät wird darauf geachtet werden, dass keine Defizite entstehen. Was die Schließung des Instituts betrifft, ist dies ein Gerücht, das offenbar von interessierter Seite gestreut wird, natürlich in der Absicht einer self fulfilling prophecy. Es wäre grotesk und geradezu sträflich, ein Institut, das für Hauptfachstudierende über gut funktionierende grundständige Studiengänge verfügt, die bundesweit hohe Anerkennung finden, schließen zu wollen. Lange bevor andere kunsthistorische Institute in der Bundesrepublik sich unter Druck dazu bequemten, Bachelor- und Masterstudiengänge zu entwickeln, waren wir die ersten – und zwar vor fast zehn Jahren –, die solche Curricula entwickelt haben, welche sogar als modellhaft gelten.

Wie konkret sieht die Situation momentan aus? Und wie wird die zu erwartende Situation in den nächsten Semestern sein?

Im kommenden Wintersemester wird Herr Professor Schulze ein ihm zustehendes Forschungssemester wahrnehmen. Das ist nichts Außergewöhnliches und wir haben solche Situationen intern immer komplikationslos überbrückt, und zwar durch eine geringfügige Mehrbelastung der Kollegen; eventuell aber auch durch einen weiteren Lehrauftrag. Als Problem wird gewiss gesehen, dass ich in Kürze emeritiert werde. Aber es wird sofort für eine Vertretung gesorgt werden, so dass keine Vakanz entsteht. Die PrüfungskandidatInnen, denen ich eine Betreuung zugesagt habe, werde ich auch nach der Emeritierung bis zu ihren Examina begleiten.

Gab es schon einmal so eine Situation, in der es so aussah, als würde das Institut geschlossen werden müssen?

Solche apokalyptischen Schreckensbilder wurden auch schon einmal vor zehn Jahren gemalt. Es hängt damit zusammen, dass die ehemals Technische Hochschule, die der Geisteswissenschaften zur Erlangung des Universitätsstatus bedurfte, sich ihrer wieder gern entledigen möchte. Jedenfalls gab und gibt es eine große Fraktion innerhalb der technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen, die so denkt. Sie übersieht aber die eminent wichtige Funktion der Geisteswissenschaften, die zu großen Teilen das historisch-kulturelle Erbe bewahren, auch das von technisch-naturwissenschaftlichen Errungenschaften, z.B. in der Wissenschaftsgeschichte, an der unter anderem auch die Kunstgeschichte maßgeblich beteiligt ist. Darüber hinaus halten die Geisteswissenschaften institutionell auch eine Reflexion über die Selbstverständigung der Gesellschaft lebendig in Gang, die über reines Effizienzdenken hinausgeht.

Auf der Vollversammlung wurde auch angesprochen, dass eine Lehrstelle verloren ging, weil sich die Professoren nicht um die Neueinstellung einer Lehrkraft gekümmert haben. Entspricht das den Tatsachen?

Die Stelle ging tatsächlich verloren, aber das lag nicht an den Dozenten. Wir hatten die Situation, dass der Bewerber, den wir für die Stelle auserkoren hatten, im letzten Moment „absprang“. Anschließend entzog uns die Fakultät die Stelle und ordnete sie der neu eingerichteten Professur für Bautechnologie zu. Dies bedeutet die nicht hinnehmbare Wegnahme einer Stelle, auf die Sie, die Studierenden der Kunstgeschichte, nicht nur im Hinblick auf eine Verbesserung der Studienbedingungen einen objektiv begründeten Anspruch haben. Sie wäre auch aus Ihren Studiengebühren bezahlt worden. Nun finanzieren Sie die Ausstattung einer anderen, nicht zum Fach gehörenden Professur!

Inwiefern hat die Verteilung der Studiengebühren etwas mit der eventuellen Schließung unseres Instituts zu tun?

Das Gespenst der Schließung geistert immer dann herum, wenn von außen kommende Strategien darauf hinauslaufen, das Institut in personeller und etativer Hinsicht möglichst klein zu halten. Dabei könnte es über die Studiengebühren bestens stabilisiert dastehen. Im Zeitraum von Sommersemester 2007 bis Wintersemester 2008/09 haben unsere Studierenden 282.000 EUR eingezahlt. An die Fakultät wurden davon anfangs 67, später 57 % weitergeleitet, für den genannten Zeitraum waren das insgesamt 174.455 EUR. Für die Verbesserung der Lehre im Studiengang Kunstgeschichte wurden de facto lediglich 39.125 EUR eingesetzt. Es gibt also einen Fehlbetrag von 135.330 EUR. Ein Großteil der von den Kunstgeschichtsstudenten eingezahlten Studiengebühren wurde für den Ausbau der Werkstätten und andere Projekte und Maßnahmen des Studiengangs Architektur ausgegeben.

Gibt es noch weitere Geldquellen als die Studiengebühren?

Selbstverständlich gibt es noch den Institutsetat, der freilich immer schon chronisch unterfinanziert war und in den letzten Jahren noch weiter reduziert wurde. Gegen diese auch an anderen Instituten feststellbare defizitäre Situation sollten ja gerade die Studiengebühren Abhilfe schaffen.

Wofür wird das Geld genau verwendet?

Die „Verwendungsberichterstattung für 2008/09“ liegt noch nicht vor. Aus der Berichterstattung für 2007/08 lässt sich ersehen, dass lediglich seit dem WS 2007/08 eine halbe Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters aus Studiengebühren finanziert wird; auch wurden zuletzt die Mittel für Lehraufträge etwas angehoben. Die Exkursionsmittel wurden jedoch nicht erhöht, die Tutorenmittel wurden sogar gesenkt.

Wer entscheidet, wie viel Prozent der Studiengebühren an das Institut für Kunstgeschichte geht?

Die oberen Gremien der Universität (Rektorat, Senat, Fakultätsrat und –vorstand). Die Institutsleitung wird nicht einmal kontaktiert.

Wie zu hören war, hat sich Herr Schulze als Mitglied des Fakultätsvorstandes immens für die Erhaltung unseres Instituts eingesetzt und konnte so die Schließung abwenden. Der Fakultätsrat habe daraufhin beschlossen, Erneuerungen durchzusetzen. Wie sehen diese Erneuerungen konkret aus?

Ich freue mich sehr, wenn Herr Schulze sich dafür eingesetzt hat. Da derlei hinter den geschlossenen Türen des Fakultätsvorstandes geschieht, dem ich nicht angehöre, ist mir weder davon noch von den „Erneuerungs“-Konzepten Verläßliches bekannt. Es gehört indessen zu guten akademischen Gepflogenheiten, dass in solchen Fragen auch der Leiter des betroffenen Instituts an den Beratungen beteiligt und nicht erst nach deren Abschluss mit den Ergebnissen konfrontiert wird.

Mal angenommen, das Institut für Kunstgeschichte muss schließen, was für Folgen hätte das für die Kunstgeschichtsstudenten? Was passiert dann mit den Architekturstudenten?

Ich neige nicht dazu, mich mit der ersten Frage auch nur hypothetisch auseinander zusetzen, da es nicht den geringsten Grund für eine Schließung gibt. Wenn die Studiengebühren in ihrer Verwendung tatsächlich bei denen ankommen, die sie eingezahlt haben, ist die Existenzsicherung des Instituts bestens gewährleistet. Im Übrigen hat die Fakultät für Architektur erst noch jüngst eine Perspektive für seine dauerhafte Weiterexistenz in einem der vier Großinstitute – nämlich in einer Zusammenführung von Kunst- und Baugeschichte – verpflichtend beschlossen. Um die Architekturstudenten müssen Sie nicht besorgt sein, da ihrem Wohl die ganze Aufmerksamkeit der Fakultät gilt.

Was können wir als Studenten dagegen tun, damit wir hier in Karlsruhe weiter Kunstgeschichte studieren können, bzw. um die momentane Lage des Instituts zu verbessern oder zumindest zu festigen?

Sie sollten Ihre absolut berechtigten Forderungen gegenüber allen Gremien und politischen Instanzen beherzt und nachdrücklich vortragen, in Resolutionen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen.

Wissen Sie von weiteren Instituten, die in einer ähnlichen Lage sind wie Kunstgeschichte? Stehen weitere Institute davor, geschlossen zu werden? Und wenn ja, welche sind das dann genau?

Mir ist hierzu nichts Näheres bekannt.

Auch das Institut für Geschichte wurde schon geschlossen. Der Eindruck, der sich bei uns festsetzt, ist, dass die Geisteswissenschaften nur geduldet werden. Ihre Meinung dazu?

Der Fall (im doppelten Sinne des Wortes) des Instituts für Geschichte ist besonders gelagert. Ich möchte ihn hier nicht kommentieren. Was die Situation der Geisteswissenschaften an einer Technischen Universität generell betrifft, so habe ich eben schon dazu etwas gesagt. Ich möchte noch hinzufügen, dass sich nicht nur ein rein technischer „Szientismus“ kulturell bedenklich auswirken kann, sondern auch eine neoliberalistische Ideologie, die ihn zuweilen begleitet. Es werden z.B. hochdifferenzierte technische Medien entwickelt und Strategien des Kulturmanagements um irgendwelcher Firmenprofite und Sponsoring-Erfolge willen optimiert, aber die Kultur selbst, für die die Geisteswissenschaften einstehen, bleibt dabei auf der Strecke. Die Mittel werden wichtiger als der Inhalt. Im Übrigen stellt es den Ausverkauf der Idee der Universität dar, wenn sie lediglich wie ein Wirtschaftsbetrieb gesehen und geführt wird. Der Versuch, ökonomische Prinzipien auch in die Geisteswissenschaften hineinzutragen und sie nach technizistischem Muster modeln zu wollen, läuft darauf hinaus (und soll wohl auch darauf hinauslaufen), sie ihrer Kritikfähigkeit zu berauben.

Wie sehen Sie die Zukunft für die Geisteswissenschaften?

Generell, bezogen auf ihr Niveau und ihre Leistungen an den bundesdeutschen Hochschulen – bin ich eigentlich optimistisch. Auch die Karlsruher Geisteswissenschaften können sich in ihren Repräsentanten sehen lassen. Aber, wie schon aus meinen Bemerkungen deutlich wurde: ihre materielle Situation an der Universität Karlsruhe muss – schon in deren eigenem Gesamtinteresse – erheblich verbessert werden!

Was für eine Resonanz erfährt das Institut außerhalb der Universität in den Medien und wie ist sein Ruf?

Unsere B.A.- oder M.A.- Absolventinnen finden an den Instituten anderer Universitäten, auch im Ausland, durchweg gute Aufnahme, weil sie als sehr gut qualifiziert gelten. Das hier vertretene Paradigma, der sozialgeschichtliche Ansatz, wird als distinktes Profil allseits wahrgenommen und nicht gering geschätzt. Auch die zahlreichen Publikationen aus unserem Hause werden anderwärts in den Lehrveranstaltungen als Grundlagenliteratur empfohlen. Eine besondere Resonanz haben unsere Tagungen zur Geschichte des Faches gefunden, die allesamt veröffentlicht worden sind. Auch die überregionalen Medien haben darüber berichtet wie zuletzt noch die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf einer halben Seite in der Rubrik „Geisteswissenschaften“. Es gehen also vom Karlsruher Institut, überregional und international gesehen, Impulse für eine rege Diskussion in unserer Disziplin aus. Hinweisen möchte ich noch darauf, dass das Institut über meine Person eng an der Konstituierung des renommierten, von der DFG geförderten Graduiertenkollegs „Bild – Körper – Medium. Eine anthropologische Perspektive“ beteiligt war und es bis in seine dritte Phase begleitet hat.

Wie würden Sie rückblickend die Entwicklung des Instituts für Kunstgeschichte während Ihrer Zeit dort beschreiben?

Ich denke, alle hier tätigen Kolleginnen und Kollegen haben mit großem Engagement versucht, ihren Beitrag zur Weiterentwicklung des Instituts zu leisten, das auf eine inzwischen 140-jährige Geschichte zurückblicken kann. Dass es ein kleines Institut geblieben ist, spricht nicht gegen, sondern gerade für die Notwendigkeit seiner Weiterexistenz. Man wird nicht viele andere Institute nennen können, in denen eine so intensive Betreuung und ein jederzeit möglicher Kontakt mit den Lehrenden gegeben ist wie hier.

Sarah Säubert, Julia Schwibbe
Weiterführende Links zu diesem Thema:

http://www.ikg.uni-karlsruhe.de/

http://www.portalkunstgeschichte.de/forschung/?id=2371

http://www.pkm.kit.edu/downloads/clicKIT_Sommer_2009.2.pdf

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