Jim Jarmusch: The Limits of Control

The Limits of Control

Zwischen Bilderpuzzle und Anti-Botschaft

Alles ist anti-erzählerisch in dem neuen Film ‘The Limits of Control’ von Ausnahmeregisseur Jim Jarmusch: Anti-Thriller, Anti-Roadmovie und überhaupt verweigert dieser Film jegliche Art der Entwicklung von Handlung und Charakteren. Stattdessen feiert Jarmusch die Bildlichkeit.

Der schweigsame, namenlose Protagonist ‘Lone Man’ im Maßanzug erhält einen rätselhaften Auftrag, von dem wir als Zuschauer erahnen können, dass es sich um keine ganz legale Angelegenheit handelt. Im Folgenden reist er durch Zentralspanien und trifft an mehreren Stationen exzentrische Kontaktpersonen, mit denen er mysteriöse Botschaften in Streichholzschachteln austauscht.

Bereits nach den ersten zwanzig Minuten des Films wird die Geduld des Kinozuschauers auf die Probe gestellt, denn ab diesem Zeitpunkt ist klar: es gibt keine verwertbaren Hinweise, denen er mit kriminalistischem Spürsinn nachgehen kann. Jarmusch inszeniert eine Reihe von Indizien und Spuren, ohne deren Bedeutung jemals aufzulösen oder sie zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen.

Die Stationen, die der fremde Protagonist bereist, sind nicht mehr als die Variation der immer gleichen Szene: der Kaffee trinkende ‘Lone Man’ trifft mit einer Kontaktperson zusammen und Botschaften werden ausgetauscht. Die Zusammentreffen erinnern an die Dialoge in Jarmuschs ”Coffee and Cigarettes (2003)”, nur dass im neuen Film die Personen nicht miteinander sprechen, sondern die Botschaften-Überbringer lediglich monologisieren: über Filme, Kunst, Moleküle und Sex.

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Auch wenn der Filmheld wie in ”Broken Flowers (2005)” von Ort zu Ort reist, eine Entwicklung erfährt er nicht. Der schweigsame Fremde bleibt hochkonzentriert, wirkt jedoch immer etwas deplatziert und statisch auf den Zuschauer.

Immerhin eines muss man Jarmusch lassen. Er verfolgt die Nicht-Botschaft seines Films mit aller Konsequenz und bis zum Schluss. Dies schlägt sich auch in den Filmzitaten wie: „Das Universum hat kein Zentrum.“ und „Das Leben ist nichts wert.“ nieder. Und was fängt der Zuschauer an mit so viel Nihilismus?

Er beginnt trotzdem zu fragen: Was hat es mit dem mysteriösen Auftrag auf sich? Wer ist der weiße amerikanische Tote? Wie passt die nackte Frau im Hotelzimmer ins Bilderpuzzle? Woher kommt der kreisende Hubschrauber? Und worin bestehen die seltsamen Botschaften? Zu guter Letzt fühlt sich der Zuschauer womöglich vom Regisseur an der Nase herumgeführt.
Was bleibt also am Ende ohne Personen- und Handlungsentwicklung, Sinn und Logik? Mit einem gemächlichen Erzähltempo hat Jarmusch seinen Filmen mehr als einmal etwas Malerisches verliehen und rückt damit zwangsläufig bildhafte Elemente in den Vordergrund.

In ”The Limits of Control” hat er, zum Leidwesen seiner im Verlauf des Films immer ungeduldiger werdenden Zuschauer, die Verlangsamung allerdings eindeutig zu weit getrieben. Zumal er dieser Form des Erzähltempos nicht wirklich etwas entgegenzusetzen hat. Die pseudo-philosophischen Dialoge der Kontaktpersonen wirken gewollt intellektualisiert. Und die Bilder Spaniens sind recht einfallslos dem Klischee-Portfolio entnommen: Hügel des Hinterlandes, Picasso und Dalí, nicht zu vergessen die obligatorische Flamenco-Tänzerin.

Dieser Film ist nur etwas für eingefleischte Jarmusch-Fans und Liebhaber Zentralspaniens. Und letztere können genauso gut einen Bildband zur Hand nehmen.

Hier geht’s zur offiziellen Website des Films:
The Limits of Control

Annegret Scheibe

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Eine Reaktion zu “Jim Jarmusch: The Limits of Control”

  1. Patrick

    Ich hab den Film gerne gesehen.

    Natürlich eine Zerreißprobe. Wer eine Storyline sucht wird sich mit dem Film nicht anfreunden können. Vielmehr wird man ständig mit Mustern konfrontiert, denen man ständig versucht auf die Schliche zu kommen meist natürlich ohne Erfolg. Trotzdem sehr anregend und gespickt mit einigen saucoolen Zeilen.

    Gefällt dir mein Regenmantel? Ja!

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