Arbeiterkind.de

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Deutschland geht der akademische Nachwuchs aus. Trotzdem hängen Zugang und Erfolg an den Hochschulen immer noch erheblich vom Bildungsstand und Einkommen der Eltern ab. Die Initiative Arbeiterkind will das nun ändern.

Vertreter aus Politik und Wirtschaft sind sich einig. Um den Wohlstand mittel- und langfristig zu erhalten, braucht Deutschland mehr hochqualifizierte Arbeitnehmer. Die Zukunft des Landes hänge davon ab, dass „junge Menschen eine ausreichende und gute Bildung bekommen“, erklärte Kanzlerin Merkel in der Februar Ausgabe des Magazins für Soziales und Bildung, einer Informationszeitschrift der Bundesregierung. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es daher die Studienanfängerquote auf 40% anzuheben. Keine „Zukunftsmusik“, verkündet das Magazin, sondern Dank von der Bundesregierung angestoßener Reformen schon bald Realität.

Tatsächlich erreichte die Zahl der Erstsemester im vergangenen Jahr mit 385.500 ein historisches Allzeithoch und die Quote lag mit über 39% nur knapp unter dem von der Bundesregierung angestrebten Ziel. Auch wenn Bildungsministerin Annette Schavan diesen Anstieg als „klaren Erfolg der aktuellen Hochschulpolitik“ deklarierte, ist der Erstsemester-Boom vor allem demographisch bedingt. Zudem sind unter den Erstsemestern erstmals Abiturienten der auf acht Jahre verkürzten gymnasialen Oberstufe, was dazu führt, dass zwei Jahrgänge zeitgleich eine Hochschulzugangsberechtigung erworben haben. Auch der Dachverband der Studentenvertretungen fzs gießt Wasser in den Wein: selbst mit einer Studienanfängerquote von 40% hinkt Deutschland damit im Vergleich zum OECD-Durchschnitt von 56% immer noch hinterher.

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Trotz Engpässen bei der Rekrutierung des akademischen Nachwuchses: im Land der Dichter und Denker zieht sich die Benachteiligung aufgrund sozialer Herkunft wie ein roter Faden durch das gesamte Bildungssystem. Zu diesem Ergebnis kommen gleich eine ganze Reihe von Studien, der OECD-Bildungsbericht etwa, die Sozialerhebung des deutschen Studentenwerkes oder der Armutsbericht der Bundesregierung. Sie alle stellen dem deutschen Bildungssystem ein Armutszeugnis aus. Nicht nur Intelligenz und Talent, sondern auch Einkommen und Ausbildungsgrad der Eltern beeinflussen die Bildungschancen erheblich. Über 80% der Kinder von Hochschulabsolventen beginnen ein Studium, aber nur 23% der Kinder aus so genannten universitätsfernen Elternhäusern schaffen den Sprung an die Hochschule.

Chancengleichheit im Bildungssystem herzustellen ist eine Notwendigkeit. Nicht allein um mehr akademischen Nachwuchs für den Arbeitsmarkt auszubilden, sondern auch um soziale Teilhabe und Selbstverwirklichungschancen für alle Menschen gleichermaßen zu ermöglichen. Rolf Dobischat, Vorsitzender des deutschen Studentenwerkes, spricht denn auch von “für eine Demokratie beschämenden Zuständen”. Tatsächlich räumt Artikel 26 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte jedem Menschen das Recht auf Bildung ein. Bildung, auch das kann man Artikel 26 entnehmen, ist von elementarer Bedeutung für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, wie sie nach Grundgesetz Artikel 2 (1) jedem Menschen in Deutschland zusteht. Offensichtlich sind diese Zustände nicht nur beschämend für eine Demokratie, sondern stehen auch im Widerspruch zu ihren Rechtsgrundsätzen.

Nun scheint auch die Bundesregierung Handlungsbedarf ausgemacht zu haben, zumindest hat sie die Qualifizierungsinitiative “Aufstieg durch Bildung” aufs Gleis gesetzt. Das Reformvorhaben verspricht eine verbesserte Förderung der frühkindlichen Bildung, die Zahl der Schulabbrecher zu verringern und bekennt sich klar zu dem Ziel, mehr Studenten, 40% eines Jahrganges, an die Universitäten zu locken. Trotz erkennbarem politischen Reformeifer und Willen: auch in Zukunft wird es für Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern schwerer sein, an den Hochschulen Erfolg zu haben. Denn im familiären Umfeld fehlen oft Ansprechpartner, die selbst Erfahrungen an Universitäten gesammelt haben und diese weiter geben könnten. Kinder „bildungsferner Schichten“ können also nicht auf das Orientierungswissen ihrer Eltern oder anderer Familienmitglieder zurückgreifen. Bei der Suche und Vergabe von Praktikumsstellen oder der Organisation eines Auslandssemesters profitieren sie seltener von sozialen Netzwerken im erweiterten familiären Umfeld.

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Katja Urbatsch weiß aus eigener Erfahrung wie wichtig solche Informationen und Kontakte für ein erfolgreiches Studium seinen können. Selbst Tochter von Nicht-Akademikern hat sie es nicht nur an die Hochschulen geschafft, sondern promoviert mittlerweile sogar. Um Kindern aus „bildungsfernen Schichten“ den Start an den Universitäten zu erleichtern, hat die Kommunikationswissenschaftlerin im Mai 2008 das Netzwerk Arbeiterkind ins Leben gerufen. Der Name Arbeiterkind klingt wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, in denen rauchende Fabrikschlote und Häusermeere rußbedeckter Mietskasernen die Stadtbilder prägten. Er ist aber durchaus mit Bedacht gewählt und soll auch Anstoß für Diskussionen sein.

Die von Spenden und privatem Engagement getragene Initiative funktioniert vor allem als Kommunikationsplattform und Informationsbörse. Ziel ist es speziell Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern dazu zu bewegen, ein Studium aufzunehmen. Neben Informationen zu Bafög und anderen Finanzierungsmöglichkeiten des Studiums finden interessierte Schüler und Studenten auf www.arbeiterkind.de auch Tipps zur Bewerbung um Praktikumsstellen, dem Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten oder möglichen Auslandsaufenthalten. Im Mittelpunkt der Initiative steht ein Mentorenprogramm, in dem „ältere Semester“ ihre Erfahrungen an Schüler und Erstsemester weitergeben. In über 100 Universitätsstädten im In- und Ausland finden regelmäßige Treffen, Stammtische und Workshops statt. Insgesamt über 1000 Mentoren helfen Schülern und Studienanfängern bei Problemen und Fragen rund um ihr Studium. Das Portal soll denen ein Netzwerk geben, die von Haus aus keines haben. Mittlerweile wurde die Initiative mit dem „Engagementpreis 2008“ des Vereins der ehemaligen Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung und im Rahmen des Wettbewerbs „Deutschland – Land der Ideen“ sowie „startsocial2008“ ausgezeichnet.

Auch in Karlsruhe gibt es eine Gruppe von Arbeiterkind. Unter dem angegebenen Link können interessierte Schüler und Studenten dem Netzwerk beitreten.

18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes

Zusammenfassung des OECD-Bildungsberichtes 2008

3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung

1. Bild (“Studentenalltag”),aufgenommen von JenaFoto24, und 3. Bild (“Black Barets”), aufgenommen von Thomas Kölsch, sind der Pixelio-Bilderdatenbank entnommen,

Benjamin Breuer

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