“Das Mittelalter ist keine Epoche, sondern der Name der menschlichen Natur.” Juli Zeh: Corpus delicti. Ein Prozess

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In der Gesundheitsdiktatur des 21. Jahrhunderts hat “eine zur Ruhe gekommene Menschheit aufgehört, die Natur und damit sich selbst zu bekämpfen.” Das zumindest reklamiert das System, genannt “Methode”, für sich. Glaube, Religion, Schmerz und Krankheit gelten als historische Phänomene, der “Werteverfall” des 20. Jahrhunderts scheint überwunden.

Das Menschenbild der “Methode” knüpft an den Körper an, Gesundheit wird zur “Normalität” erhoben. Krankheit gilt als das Ergebnis fehlender (individueller und kollektiver) Überzeugung und fehlender (staatlicher) Kontrolle. Den Alltag bestimmen die Abgabe von Schlaf- und Ernährungsberichten und das Absolvieren von Trainingseinheiten. Liebe ist auf die Verträglichkeit bestimmter Immunsysteme festgelegt und wird von einer zentralen Partnerschaftsvermittlung reglementiert.

Der “Fall Moritz Holl” erregt Aufsehen. Als eigenwilliger Freidenker erhebt Moritz das Recht auf eine eigene Wirklichkeit jenseits der aufgezwungenen “Normalität”. Durch seinen Selbstmord entzieht sich der Staatsfeind auf unerhörte Weise dem System. Zuvor wird er des Mordes und der Vergewaltigung angeklagt und beteuert bis zum Schluss seine Unschuld. Seine Schwester Mia, treue Methodenanhängerin und Naturwissenschaftlerin, will die ungeklärten Umstände seiner Verhaftung aufklären und wird damit schnell selbst der “methodenfeindlichen Umtriebe” bezichtigt. Sie geht noch weiter und beansprucht das Recht auf eigenes Denken, Handeln und Fühlen. Den Schmerz über den Tod des Bruder erklärt sie zur “Privatangelegenheit”. Undenkbar, denn die “gelegentliche Kollision der eigenen Wünsche mit der allgemeinen Übereinkunft gilt es zu vermeiden, zu unterdrücken.”

Juli Zeh entwirft mit Mia Holl eine moderne Antigone-Figur nach Sophokles, die sich zwischen der Loyalität ihrem Bruder gegenüber, Werten außerhalb des Systems und der “Methode”, die ihn als Staatsfeind verurteilt, entscheiden muss. So liest sich ”Corpus delicti” weniger als Kriminalroman, sondern vielmehr als philosophisches, analytisches Stück mit verteilten Rollen. In episodischen Rückblenden stehen sich der Philosophiestudent Moritz und seine rational denkende Schwester Mia gegenüber. Gewissermaßen das Gegenstück bilden die Diskussionen zwischen Mia und dem Berichterstatter Kramer, Vertreter der “Methode”, in denen Mias Zweifel an der metaphysikfreien selbsternannten Post-Krisenzeit immer größer werden. Bei aller Tragik beherrscht eine seltsam rationale Kühle die Erzählung. Genauso wie die “Methode” seziert der Erzähler seine Hauptfigur Mia Holl, kommentiert und spekuliert über all ihre Regungen. Dennoch oder gerade deshalb bleibt an der Figur etwas Ungreifbares das sich nicht bezwingen lässt. Die Geschwister werden im Roman zum ”Corpus delicti”, zum juristischen Beweisstück und gesellschaftlichen Symptom, je nach Blickwinkel für oder gegen die “Methode”. Ob die Repräsentanten der Staatsmacht wie bei Sophokles am Ende Läuterung erfahren, wird sich im Laufe der Geschichte zeigen.

Juli Zehs neuer Roman wirft Grundfragen nach der Einschränkung individueller Rechte und dem Recht des Einzelnen Widerstand zu leisten auf. 2007 legt das Bundesgesundheitsministerium einen Gesetzesentwurf vor, nach dem Ärzte gegenüber Krankenkassen Patienten melden sollen, die ihr Leiden “selbst verschuldet” haben. Dies würde zumindest eine teilweise legitimierte Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht bedeuten. Doch was heißt eigentlich “selbst verschuldet”? Die Autorin erinnert in einem Kommentar zum Gesetzesentwurf in der ZEIT an Huxleys ”Brave New World”: Krankheit würde potentiell mit “Schuld” identifiziert. Wird Selbstbestimmtheit bereits in der Gegenwart zum “untragbaren Kostenfaktor” wie im Roman ”Corpus delicti” und ist dieser damit keineswegs eine Zukunftsvision? Juli Zeh selbst erhebt für sich den Anspruch auf die Privatheit ihrer körperlichen Daten: beim Verfassungsgericht legt sie Klage gegen die Erfassung biometrischer Angaben in ihrem Reisepass ein – die Entscheidung steht noch aus.

In Zehs Romanen geht es immer um grundlegende Fragen von Ordnung und Zusammenhalt, Sinn und Moral einer individualisierten und globalisierten Welt. Nicht zuletzt deshalb wird der Autorin wiederholt der Vorwurf gemacht, sie schreibe für eine intellektuelle Elite, die sich selbst rezipiere. Ganz zu entbinden ist Juli Zeh von diesem Vorwurf auch mit ihrem neuen Roman nicht. ”Corpus delicti” ist keine ausgeschmückte Geschichte einer zukünftigen Welt, sondern vor allem ein philosophischer Roman, der das Einlassen auf die aufgeworfenen hochaktuellen Grundfragen nahezu zwingend macht.

”’Annegret Scheibe”’

Photo: David Finck

Juli Zeh: ”Corpus delicti. Ein Prozess”, Schöffling&Co. Verlag, Frankfurt/Main 2009, 272 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-89561-434-7.

Lesung: 16.06.09, 20 Uhr, Prinz-Max-Palais Karlsruhe, Karlstr. 10, Eintritt für Studenten: 6 Euro

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