“Wählt alles, nur nicht die Freien Wähler! Das könnt ihr auch drucken!”

Titelbild Michael Fischer

Als Student im Kommunalwahlkampf – Michael Fischer (SPD) im Interview

Mit der Kandidatur hat sich für ihn vor allem die Außenwahrnehmung verändert. “Wenn man kandidiert”, so erklärt er, “wird man automatisch zu Herrn Fischer. Man selbst sieht sich aber als absoluten Hobbypolitiker.” Dennoch gibt er sich engagiert und optimistisch: „Man kann Dinge oft einfacher verändern, als man glaubt.“

Michael war als studentischer Vertreter im UStA und im Studentenparlament. Er studiert ‘Neuere und Neuste Deutsche Geschichte’ an der Uni Karlsruhe (TH) und ‘Governance’ an der Fernuni Hagen, beides im Masterstudiengang. Wir treffen ihn drei Wochen vor der Kommunalwahl am 7. Juni 2009  zum Interview im Studentenzentrum z10, wo er auch regelmäßig am Mittwochabend anzutreffen ist.

Wir sprechen mit dem Kandidaten über seine politische Entwicklung, Gestaltungsspielräume auf kommunaler Ebene, universitäre Bildung und die unangenehmen Seiten des Wahlkampfes.

Michael Fischer

”’Michael, du kandidierst für das Karlsruher Stadtparlament, bist aber kein gebürtiger Karlsruher, richtig?”’

Das ist richtig, geboren bin ich in München. München Ost.

”’Trotzdem bist du nicht in die CSU eingetreten, obwohl das erst einmal nahe liegt…”’

Nee, Nee, die Frage stellte sich nie. Obwohl die Verwandtschaft teilweise schon „schwarz“ ist, bin ich in einem grün-liberalen Elternhaus aufgewachsen.

”’Waren deine Eltern denn politisch aktiv?”’

Nein, wirklich aktiv nicht, aber Politik war daheim am Küchentisch schon immer ein Gesprächsthema. Meine Eltern sind zwar im weitesten Sinne politisch interessiert, politisch aktiv sind sie aber nicht. Wenn man mal davon absieht, dass meine Mutter mich auf die Friedensdemonstrationen mitgenommen hat.

”’Was hat dein politisches Interesse geweckt?”’

Mit dreizehn habe ich die alten Rudi Dutschke1-Bücher im Schrank meines Vaters gefunden. Das war eine ganz frühe Prägung. Mir war dann klar, dass ich mich politisch links sehe. Irgendwann bin ich dann, auf Ermunterung meiner Mutter, die das immer sehr gefördert hat, in der „globalisierungskritischen Ecke“ gelandet.

”’Was muss man sich unter „globalisierungskritischer Ecke“ vorstellen?”’

Es war keine feste Gruppe, sondern dezentrale globalisierungskritische Netzwerke. Die meisten Leute von damals haben sich dann später bei der Attac engagiert, einige auch bei der WASG. Aber da war ich schon weg aus München.

”’Wo oder wie hast du dich da eingesetzt?”’

Es gab damals, dort wo ich herkomme, extreme Probleme mit Ausländerfeindlichkeit, dagegen habe ich mich eingesetzt. Ich habe aber auch, mehr im globalisierungskritischen Zusammenhang, an den Protesten auf dem G-8 Gipfel 2001 in Genua teilgenommen.

”’Für Dich eine einschneidende Erfahrung?”’

Von den Auseinandersetzungen habe ich, ehrlich gesagt, nicht viel mitbekommen. Wir haben die Stadt frühzeitig genug verlassen, bevor die Situation eskalierte. Da hatte ich sicher auch Glück. Aber durch die Ereignisse in Genua ist mir bewusst geworden, dass sämtliche radikalen Wege für mich ausgeschlossen sind. Radikale politische Spektren haben für mich keine wirkliche politische Zukunft. Nach zwei Jahren, in denen ich viel reflektiert habe und politisch weniger aktiv war, habe ich mich ganz bewusst entschieden in die SPD einzutreten. In der Hochschulpolitik bin ich dann bei den Jusos aktiv geworden.

”’Die Ereignisse in Genua waren für viele in der Antiglobalisierungsbewegung aktiven Menschen ein trauriges Fanal, für einige erst recht ein Grund sich zu radikalisieren. Bei dir haben sie also genau das Gegenteil bewirkt. Warum lehnst du alle radikalen politischen Bewegungen ab und bist „bewusst“, wie du sagst, in die SPD eingetreten?”’

In meinem Heimatort gab es eine SPD-Bürgermeisterkandidatin, chancenlos natürlich, aber die hat super gute Sachen gemacht. Sie hat sich beispielsweise um die sozialen Härtefälle in der Stadt gekümmert. Dagegen haben die Leute die mit in Genua waren, einfach weniger gute Sachen gemacht. Überflüssige Sachen, gar nicht destruktiv gemeint, die hatten schon den Anspruch etwas zu verändern. Aber was wir dann tatsächlich gemacht haben, war in Kneipen rumzuhängen und zu diskutieren, versucht Leute zu überzeugen, Zeitungen zu verkaufen, aber daraus irgend etwas Politisches, Praktisches abzuleiten, das haben wir dann auch organisatorisch gar nicht hin bekommen. Das schien mir dann nur sinnvoll in Gruppen wie der SPD.

Michael Fischer

”’Der politische Alltag erscheint von außen betrachtet auf eine gewisse Weise abschreckend oder zäh. Wie stark geht es um Eitelkeiten, Macht und Listenplätze?”’

Das kann ich verstehen. Klar geht es um Macht, darum Inhalte durchsetzen zu können. Auf der anderen Seite ist es ein schönes Gefühl, wenn man sich selbst gut positioniert, sich durchgesetzt hat.

”’Wie stark ist das Gefühl, dass man wirklich etwas bewegen kann?”’

Der Gestaltungsspielraum auf der kommunalen Ebene ist gering, gar keine Frage, vor allem, wenn man sich den Aufwand anschaut, mit dem man das Ganze betreibt. Auch wenn der Entscheidungsspielraum leider klein ist, schön ist, wenn sich Dinge durchsetzen lassen, die sinnvoll sind. So wie das Sozialticket des KVV, das ja von den Jusos beantragt wurde und den Menschen geholfen hat. Für mich Sinn gemacht hat als Landessprecher der Jusos-Hochschulgruppen in Baden-Württemberg auch die Zusammenarbeit mit Abgeordneten im Landtag.

”’Gibt es neben geringen Spielraum auf kommunaler Ebene auch widerstreitende Interessen zwischen Bundes-/Landes- und Kommunalebene, wie beispielsweise die Entscheidung zur Nordtangente?”’

Es ist natürlich immer von Vorteil, wenn die Ansprechpartner auf der Ebene weiter oben der eigenen Partei angehören. An diesem Punkt sehe ich nicht einmal die Gefahr. Auf der kommunalen Ebene sehe ich die Lobbyisten als gefährlicher an. Als Ehrenamtlicher kann man sich eben nicht fulltime der Politik und den Inhalten widmen. An der Stelle ist Johannes Stober ein Vorbild für mich, der sich für politische Entscheidungen wirklich durch Aktenberge quält. Wenn man selbst entscheiden will, muss man das machen, da man damit eine gewisse Verantwortung trägt.

”’Du hast gesagt, der Aufwand ist ziemlich hoch. Was bedeutet das für Dich konkret?”’

In Stunden?

”’Ja, wenn Du das sagen kannst…”’

Etwa 60 Stunden im Monat.

”’Und jetzt im Wahlkampf?”’

Fulltime. Das ist klar. Das ist auch eine besondere Situation.

”’Kommt da nicht einiges zu kurz?”’

Klar, meine Freundin sehe ich selten, die Privatkontakte sind eingeschränkt und sechs Wochen lang nichts für die Uni tun… Ich merke schon auch, wie mich das stresst. Man erlebt auch Anfeindungen, das bleibt nicht aus.

”’Du bist auf dem Listenplatz 19 der SPD. Die Wahrscheinlichkeit, in vier Wochen im Gemeinderat zu sitzen, ist nicht sehr hoch. Ist das nicht teilweise entmutigend?”’

Natürlich ist die Chance nicht die größte, aber es gibt auch Dinge die Spaß machen, vor allem wenn man Zuspruch und Unterstützung bekommt. Ich habe letztens am Infostand einen Familienvater getroffen. Er war mit einem Eintrag in meinem Blog nicht einverstanden…

”’Vermutlich zum Thema Stadion(neu/um)bau in Karlsruhe?”’

Ja, zum Stadion. Dann konnte ich aber mit ihm reden und danach hat er dann gesagt, er verstehe es eigentlich. Wenn man Zuspruch und Unterstützung bekommt, macht das natürlich wahnsinnig Spaß.

”’Die Frage nach der neuen Heimstätte des (noch nicht ganz abgestiegenen KSC) polarisiert die Karlsruher wie kaum ein anderes Thema…”’

Die Stadionfrage ist natürlich eine oft gestellte, wichtige und spannende Frage. Die Argumentation ist ja immer folgende: Wir brauchen ein modernes Stadion, um zukunftsfähig zu bleiben. Und oft wird das Ganze mit Bayern München verglichen. Dabei hat Bayern München das Stadion selbst gestemmt und keinen privaten Investor mit im Boot, die haben die ganze Arena selber gebaut. Grundsätzlich geht es erst mal um die Frage: Wer finanziert das Stadion? Der KSC alleine kann es nicht stemmen, die Kommune, das wäre die ‘Wildparklösung’, oder eben mit Hilfe eines privaten Investors. Das wäre das Modell ‘Neubau am Gleisdreieck’. Aber ein privater Investor will natürlich Profit machen, damit sich die Investition lohnt. Deswegen hat Newport, weil sie gesehen haben, dass sich der KSC in den unteren Tabellenreihen bewegt, von der Stadt tatsächlich eine Mietausfallbürgschaft verlangt. Das heißt, solange der KSC die Miete zahlen kann, so lange wie die Leute kommen und die Einnahmen stimmen, streicht Newport den Gewinn ein. Sollte das aber nicht mehr der Fall sein, zahlt die Stadt bis zu einer gewissen Grenze drauf. Das ist unglaublich, da würden dann wirklich Steuergelder dafür draufgehen und die Stadt hätte nichts davon. Denn das Stadion gehört dann dem Privatinvestor Newport, der die Miete erhöhen darf, wie er lustig ist, der für Versorgung und Verpflegung des Stadions zuständig ist. Auch bei anderen Veranstaltungen, etwa bei Länderspielen, würden die Einnahmen in die Taschen dieses Investors fließen.

”’Was verdient man eigentlich als Gemeindevertreter auf kommunaler Ebene?”’

Angegeben werden 60 Stunden extra pro Monat, es sind aber eher mehr. Ich glaube, es gibt 600 Euro Vergütung, von denen aber auch die Angestellten der Fraktion bezahlt werden müssen. Was am Ende übrig bleibt, deckt mehr oder weniger Fahrt- und Aufwandsentschädigungskosten. Ohne viel Spucke und Ehrenamt ist das nicht zu meistern.

”’Du hast im B.A. ja im Nebenfach Multimedia studiert und du bloggst auch. Sind die so genannten neuen Medien für dich ein Mittel, Kontakt zum Wähler aufzunehmen, oder allgemein deine Präsenz zu erhöhen?”’

Nein, eigentlich nicht. Auch wenn ich Multimedia studiert habe, bin ich da nicht so affin. Ich halte so etwas natürlich für sinnvoll, um zeitnah meine Meinung publik zu machen. Zudem ist es günstig, es kostet mich fast nichts. Aber zum einen ersetzt nichts das persönliche Gespräch. Mit Menschen direkt in Kontakt zu treten und sie zu überzeugen ist mehr wert als sie über irgendwelche tollen Kanäle anzusprechen. Das persönliche Gespräch, der persönliche Auftritt, auch außerhalb von Wahlkampfzeiten kann wirklich nichts ersetzen.
Zum zweiten glaube ich, dass dieser Dialog auch etwas Gefährliches für Parteien hat, die Form mit den Wählern in den letzten zehn, zwanzig Jahren durch Wahlkampagnen und  Marketing zu kommunizieren. Der beträchtliche Mittelbau von engagierten und aktiven Menschen wird immer unwichtiger. Das halte ich für sehr gefährlich.

”’Ist Politiker als Beruf eigentlich ein Thema für dich?”’

Ich glaube wenn man darauf baut, baut man auf Sand. Alle Leute die ich kenne, die direkt in die Politik gegangen sind und nie was anderes gemacht haben, als politisch zu arbeiten, und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen, haben es in anderen Tätigkeitsfeldern ganz schwer. Wenn da mal das Mandat weg ist, ist man dann auch weg. Man braucht eine berufliche Absicherung, wenn es die nicht gibt, kann man in die Situation geraten, Dinge so zu entscheiden und mitzutragen, nur um das Mandat zu behalten. Ich halte das für sehr problematisch.

”’Das heißt, du baust nicht darauf, aber du hältst dir die Möglichkeit offen?”’

Geleugnet wäre, wenn ich behaupten würde, ich wollte das nicht, ich bin nur nicht sicher ob ich das könnte – ich würde es nie bewusst anstreben. Es gibt ja auch Leute die das schon mit 18 bewusst anstreben, die werden aber in der Regel nichts. Denn um in der Politik etwas zu erreichen, musst du auch mal anecken. Politik sollte man aus Überzeugung und nicht aus Karrieregründen machen.

”’Wo würdest du dich denn in zehn Jahren sehen, wenn du jetzt wählen könntest?”’

Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gerne an der Hochschule arbeiten, direkt für die SPD oder einer parteinahen Institution als Historiker. Gerne auch bei einer Gewerkschaft.

”’Das klingt nicht nach einem Politiker in der ersten Reihe, sondern eher nach zweiter Reihe…”’

Ist es vielleicht auch zum Teil. Es ist so, dass man es mögen muss.

”’Matthias Platzecks Rückzug aus der ersten Reihe der Politik ist ein prominentes Beispiel für einen Politiker, der dem enormen öffentlichen Druck nicht standgehalten hat. Weckt so eine Geschichte Ängste oder Zweifel?”’

Es gibt eine Menge Leute, die daran kaputt gehen. Man muss versuchen, sich selbst gegenüber sehr ehrlich zu sein. Es ist ein immenser Druck, in den ersten Reihen der Politik, das muss man ganz klar sagen. Das wäre zwar etwas, was man gerne machen würde, weil man da etwas bewegen kann, aber ich weiß nicht, ob mich das glücklich machen würde. Ich glaube nicht.
Mich kratzt ja schon, wenn mich jemand per E-Mail beschimpft. Da denke ich mir, „ja, schon übel“.

”’Was ist denn das fieseste, was dir passiert ist bis jetzt?”’

(lacht) Es ist ja so, ich bin natürlich auch einer, der in Diskussionen die Dinge gerne zuspitzt. Da muss ich mir natürlich auch Kritik gefallen lassen. Die vertrage ich, muss ich auch vertragen, wenn ich selber raus gehe mit solchen Äußerungen.

”’Was war denn das Unangenehmste?”’

Da hat jemand geschrieben, dass ich mich quasi wieder auf die Schulbank drücken soll. Also nicht etwas wirklich fieses, aber natürlich hört man so etwas nicht so gerne. Es ist aber auch ganz interessant zu beobachten, wie man von den Menschen wahrgenommen wird. Wenn man kandidiert, wird man gleich automatisch zu Herrn Fischer, Zugehöriger der politischen Klasse. Die Leute meinen auch, das ist ein Politiker, den könne man so einfach beschimpfen. Das ist manchmal nicht besonders angenehm. Man selbst gerät dabei in eine Diskrepanz, nimmt sich ganz anders wahr, als einen absoluten Hobbypolitiker. Das ist eine ganz interessante Erfahrung.

Michael Fischer

”’In deinem Blog beziehst Du Dich auf Joachim Fests Autobiographie seiner Kinder- und Jugendjahre mit dem Titel „Ich nicht“. Das geflügelte lateinische Wort dazu heißt sinngemäß „Auch wenn alle mitmachen, ich nicht.“ Unabhängig vom Handeln anderer soll man seiner Überzeugung folgen. Was bedeutet der Satz für Dein (politisches) Handeln?”’

Die Frage nach den Vorbildern ist immer schwierig. Ich glaube das rückt einen immer in die Nähe von diesem Menschen. Das würde ich mir gar nicht zutrauen oder nicht anmaßen wollen, genauso zu handeln. Ich glaube, dass es eine gewisse Reihe von starken Figuren gibt, wenn man sich über seine eigenen politischen Tätigkeiten klar wird. Ich habe zwei Figuren aus der Geschichte: das ist einmal der Herbert Wehner, der mich wahnsinnig als Figur, als Sozialdemokrat fasziniert, weil er das eigene Ich immer zurückgestellt hat im Dienste der Partei und für die Schicht aus der er kam. Die zweite Figur die mich sehr beeindruckt, ist auch ein Sozialdemokrat, Erich Zeigner und wahrscheinlich nicht so bekannt wie Herber Wehner. Er hat 1923 als sächsischer Ministerpräsident gegen großen Widerstand, auch gegen Widerstand aus der eigenen Partei, die Demokratisierung in Sachsen vorangetrieben.

”’Was ziehst du für Dich daraus als Resümee? Gibt es eine Essenz, einen Kernsatz?”’

Dass es Menschen geben muss, die stark genug sind, in schwierigen Zeiten die richtigen Dinge zu tun. Ob man das selber macht oder unterstützt ist schwierig zu sagen, aber dass es die geben muss und dass es die auch immer gegeben hat, also, das ist schon wenn man in unsere Zukunft blickt, so ein Hoffen darauf, dass es auch besser wird.

”’Wenn man sich die Forderungen der Parteien auf den Wahlplakate im Karlsruher Kommunalwahlkampf ansieht, kann man den Eindruck gewinnen, dass die meisten Forderungen sehr allgemein formuliert sind, wie etwa „Sicherheit schaffen, Sauberkeit erhöhen, Kinderbetreuung verbessern, Jugend und Vereine fördern “. Geht zunehmende Parteipolitik auf kommunaler Ebene zu Lasten der Inhalte?”’

Das ist natürlich ein allgemeines und parteienübergreifendes Problem in der Politik. Eine Partei will natürlich gewählt werden, das ist ja ganz klar. Auch klar ist aber, dass sie nur für Inhalte gewählt werden wird. Parteien setzen ja in den Gremien, in die sie gewählt werden auch etwas um. Beispiele wie „Wir können Karlsruhe“ sind natürlich lächerlich.  Die Leute sind natürlich auch nicht an ständigen Debatten interessiert. Ich hab in der SPD und bei der Jusos-Arbeit die Erfahrung gemacht, dass wir dann Erfolg hatten, wenn wir inhaltliche Arbeit gemacht hatten, Dinge bearbeitet haben, die uns selber interessiert haben, die wir selbst ändern wollten. Sobald wir Marketingaktionen, etwa mit Flyern gemacht haben, um Mitglieder zu gewinnen, hatten wir weniger Erfolg oder es sind die falschen Leute gekommen. Das kann auch Richtschnur für größere Arbeiten der Parteien sein.

”’Sehr gut angekommen ist ja auch das Juso-Engagement für die Flexibilisierung des KVV-Studitickets.”’

Das haben wir ja nicht gemacht, weil wir gut ankommen wollten.

”’Die Stadt Karlsruhe schmückt sich ja damit, Technologie und Wissensstandort zu sein und ist stolz auf ihre Elite-Universität. Im Schlepptau der allgegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzmarktkrise kommen große Steuerausfälle auf die Kommunen zu. Dürfen die Studenten trotzdem auf zusätzliche Mittel hoffen? Etwa bei der Verbesserung der Wohnraumsituation oder höheren Zuschüssen für das Semesterticket?”’

Das sind ja alles politische Entscheidungen. Wenn man sagt, es ist kein Geld da, dann ist das eine hoch-politische Aussage. Das heißt natürlich nicht, dass überhaupt kein Geld da ist, sondern es wird eben keines zur Verfügung gestellt. Es ist ja grundsätzlich so, dass wenn man sich für Dinge einsetzt, man sie oft leichter verändern kann, als man erstmal glaubt. Ich glaube und ich weiß, dass man etwas ändern kann. Ich würde mich sonst nie zur Wahl stellen. Das ist die eine Erfahrung die ich gemacht habe.

”’In deinem Blog sprichst du auch den Bau des neuen Wohnheims in der Gottesauer Straße an. Ein Projekt, für das viel Werbung gemacht wird, letztendlich aber nur 341 Plätze bietet für einen Preis von 350 Euro pro StudentIn…”’

Zumal es ja kein öffentlicher Träger ist. Ein Beispiel dafür, wie es nicht laufen darf. Und ich fürchte wirklich, dass der Elite-Status der Universität ein anderes studentisches Personal anzieht. Die Gefahr besteht, dass dieses Vorgehen über private Träger immer mehr zum Standard wird. Das halte ich für problematisch und dem muss man durch politisches Engagement Einhalt gebieten. Man muss Wohnraum schaffen, der von der öffentlichen Hand verwaltet und finanziert wird.

”’Wie funktioniert so eine Initiative praktisch?”’

Ein konkretes aktuelles Beispiel wäre die Verbesserung der Kinderbetreuung an der Universität. Es gibt hier auf dem Kampus die Möglichkeit, Kinderbetreuungsplätze einzurichten. Der Stadtjugendausschuss würde einen Halbtagsangestellten/eine Halbtagsangestellte bezahlen, aber die Uni weigert sich, so ist zumindest der momentane Stand der Dinge. Einen Raum gibt es auch schon, die Kinderkiste, man müsste nur noch das Gebiet einzäunen. Das ist eine Baumaßnahme da findet sich keiner, der das frei Haus bewilligt. Natürlich, wenn ich jetzt als einzelner Student komme, ist mein Einfluss nicht so groß. Und deshalb ist es auch wichtig, dem Abgeordneten seines Vertrauens die Dinge zuzutragen. Abgeordnete haben einen gewissen Einfluss, den man in dem Fall auch nutzen muss. So kann es funktionieren die Dinge zu verändern, und es hat auch schon oft so funktioniert.

Michael Fischer

”’Du hast angesprochen: der Status der Fridericiana als Eliteuniversität verändert die die Zusammensetzung des studentischen Personals. Geht es auf dem Karlsruher Kampus zunehmend unpolitischer zu, sind viele Studenten politisch desinteressiert?”’

Die politischen Einstellungen verschieben sich nach rechts. Das sehe ich eigentlich ganz klar so. Man kann aber von den Studenten auch gar nicht erwarten, dass sie sich interessieren. Wie sollten sie sich interessieren?!

”’Du denkst, mangelndes politisches Engagement in der Studentenschaft lässt sich auf den Bologna-Prozess zurückführen?”’

Sicherlich ist das eine Folge unserer Studienbedingungen. Andererseits gibt es ja auch Beispiele, dass durch Studienbedingungen Leute politisch aktiv wurden, um etwas zu verändern. Es ist vielleicht auch zu kurz ausgedrückt, wenn man sagt, dass die Studenten aufgrund der Studienbedingungen passiv werden. Darüber hinaus halte ich unser System der universitären Ausbildung für gefährlich. Die Geisteswissenschaften  setzen das bei uns besonders schlecht um, andere Studiengänge sind besser auf Bachelor-/Masterbedingungen umstellbar. Ich würde schon sagen, dass der gesellschaftliche Nutzen durch B.A./M.A. reduziert wird.

”’Du bist Historiker, zudem Mentor und Tutor an deinem Institut. Denkst du, dass sich bestimmte Zusammenhänge, gerade in den Geisteswissenschaften, durch das neue System nicht oder nur schwer vermitteln lassen?”’

Man muss vor allem einen Sinn darin sehen, was man da macht. Eine Hausarbeit zu schreiben, die für einen selbst keinen Sinn macht braucht man nicht schreiben. Die Leute müssen einen Sinn darin sehen, was sie tun. Und sie müssen Spaß daran haben. Und ich glaube durch den Sinn kommt der Spaß. Man muss wirklich etwas wollen mit Wissenschaft.

”’Wie stellst du dir denn universitäre Bildung vor, und was unterscheidet sie von reiner Wissensvermittlung?”’

Das ist auch ein sehr interessanter Punkt, weil er in meiner Partei, und ich schätze auch allen anderen Parteien, diskutiert werden müssten und nicht diskutiert wird. Die Frage nämlich, zu was Wissenschaft nutzen soll. Seit den 1980er Jahren diskutieren wir nicht mehr, was wir mit Bildung erreichen wollen. Ich meine, Wissenschaft muss einen gesellschaftlichen Mehrwert haben, sie muss der Gesellschaft nutzen. Ich glaube, dass wir durch die jetzige Entwicklung in eine ganz andere Richtung gehen. Das äußert sich auch in dem von mir angesprochenen Rechtsschwenk. Wir alle müssen irgendwann auf den Arbeitsmarkt. Nichts desto trotz glaube ich, dass Wissenschaft diesen gesellschaftlichen Zweck erfüllen muss und in den jetzigen Studiengängen in den seltensten Fällen erfüllen kann.

”’Fühlst Du Dich in Karlsruhe zu Hause?”’

Ja, das kam so im dritten Semester. Ab dann habe ich angefangen, aus München heim zu fahren nach Karlsruhe. Ansonsten würde ich auch nie für den Gemeinderat kandidieren.

Annegret Scheibe, Benjamin Breuer, Nadja Neuschl

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