frei Schnabel: Die fünfte Jahreszeit

Wir können es kaum erwarten, dass der Winter endlich zu Ende geht und der Frühling mit seinem Versprechen von mehr Sonne und Wärme vor der Tür steht.


Doch bevor wir uns über den Frühlingsanfang freuen können, müssen wir noch eine harte Zeit durchstehen: die fünfte Jahreszeit geht ihrem Höhepunkt entgegen. Und bald haben wir die Wiederholung von Silvester in Lautstärke, Alkoholkonsum und hinterlassenem Dreck, nur dieses mal nicht nur eine Nacht, sondern eine ganze Woche lang! Dann wird vergessen, was uns Krankenkassen, Gesundheitsministerium und Ärzte über die Gesundheitsgefährdung des Alkohol in hohen Mengen erklärt haben und wir werfen fast alle moralischen Vorbehalte, die wir uns als zivilisierte Gesellschaft selbst gesetzt haben, über Bord. Da wird einem überall ein aufforderndes „Narri…“ an den Kopf geschmissen, wanken einem laut Lieder grölend Vampire und Cowboys entgegen und an jeder Ecke pisst oder kotzt jemand. Wenn man nicht gerade kriminelle Absichten hat, so stellt einem die Gesellschaft für diese Zeit quasi einen Freifahrtschein aus, der einen von allen sozialen Pflichten entbindet, aber wirklich nur, wenn und weil alle mitziehen. Die Fasnachtszeit ist eine mit der Obrigkeit abgeklärte Revolte, in der die Bürger mal ihren Frust abbauen dürfen, aber danach sofort wieder in vorgegebenen Bahnen denken soll. Was für ein Zufall, dass direkt danach die Fastenzeit kommt. Während Fasnacht immer mehr zu einer Orgie wird, wird der dazu gehörige Teil, sich in den folgenden 40 Tagen in Verzicht zu üben, geflissentlich übersehen. Doch ist dies einer der Hauptgründe für die fünfte Jahreszeit, wenn man bedenkt, dass das Wort Fasnacht etymologisch die „Nacht vor dem Fasten“ bedeutet. Sollte man als ein Argument für Fasnacht die langjährige Tradition dieses Festes anbringen, dann sollte man auf all die Feiertage verweisen, die nicht mit so viel Motivation zelebriert werden. In absoluter Konsequenz bedeutet dies, dass man den Rest des Jahres nichts feiern dürfte, eben nur die traditionellen Festtage in ihrer christlichen Bedeutung. Hier sind wir in unserer globalisierten Welt erstaunlicherweise konsequent genug, leider nur negativ: wir reduzieren mittlerweile alle Festtage auf den Spaßfaktor. Es gibt über das Jahr hinweg genügend andere Möglichkeiten, sich ganz offiziell zu betrinken: Von Geburtstagen und Weihnachtsmärkten bis hin zu eingekauften Festen wie Halloween. Hier verkleidet man sich auch und für Kinder ist es die bessere Alternative eines Kostümfestes. Auch hier können sie Süßigkeiten abgreifen, doch müssen sie nicht erleben wie sich ihre Eltern von Autoritätspersonen in Idioten verwandeln. Zum Schluss noch eine kleine Bitte: Liebe Narren, lasst doch die Leute, die ihre normale Maske tragen, in Ruhe. Wenn Sie so viel Spaß dran hätten, dann würden Sie sich doch auch so expressiv verkleiden, sinnlos besaufen und „die Karawane zieht weiter…“ schmettern wie ihr es macht. In diesem Sinne: Helau!?

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