Ab in den Süden!

Oder: Warum wir nach Weihnachten keinen Winter mehr sehen können

Weihnachten ist vorbei, Silvester ist gefeiert. Der Weihnachtsbaumschmuck ist wieder sicher im Keller verstaut und das Raclette-Set wartet in der Speisekammer auf seinen nächsten großen Auftritt in etwa 330 Tagen.

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Statt dickem Pulverschnee findet sich vor unseren Türen nicht mal Schneematsch, denn weiße Weihnachten gab es dieses Jahr wieder einmal höchstens im tiefsten Schwarzwald oder im Allgäu. Und unter einem klaren Himmel an Silvester stellt man sich für gewöhnlich auch etwas anderes vor. Seien wir doch mal ehrlich: Selbst wenn es jetzt noch schneien sollte, hat der Schnee doch längst nicht mehr den gleichen Charme, den er an Weihnachten oder in der Neujahrsnacht gehabt hätte. Natürlich kann man nicht jedes Jahr weiße Weihnachten erwarten, dazu reichen einfach unsere Breitengrade nicht aus. Und trotzdem träumt man jeden Winter aufs Neue den schneeweißen Wintermärchentraum, der seinen flockig weichen Höhepunkt bitteschön an Weihnachten finden soll. Und jedesmal wird man wieder von der Realität eingeholt. Zurück bleibt also nichts als ein langer, kalter Winter, der sich endlos hinzieht und an unseren Nerven zerrt.

Die Sehnsucht nach dem Süden

Und wie jedes Jahr um diese Zeit fängt es an. Eine gewisse Unruhe packt mich, ich bin unausgeglichen, ausgepowert, schlecht gelaunt und mein Schlafbedürfnis gleicht dem eines müden Koalas. Ich will weg von hier, weg von der Kälte, weg vom Matsch und den Pfützen, weg von den dicken Mänteln und weg vom langen Winter.
Kurz gesagt: Mich packt die Sehnsucht nach dem Süden. Aber woher kommt diese Sonnensehnsucht, die jeden Winter so viele Menschen befällt?

Die Hormone spielen verrückt

Eigentlich ist es ganz einfach: Durch die kurzen Wintertage leiden wir unter einem Mangel an natürlichem Tageslicht. Wenn durch viel zu kurze Tage, die wir in viel zu dunklen Hörsälen verbringen, ungenügend Tageslicht auf unsere Netzhaut fällt, reagiert die Zirbeldrüse im Gehirn mit der Ausschüttung einer Überdosis Melatonin. Dieses Hormon reguliert eigentlich den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers. Durch zuviel Melatonin im Gehirn gerät unsere innere Uhr allerdings aus dem Gleichgewicht, und wir werden zu den übelgelaunten Faultieren, die man im Winter überall antrifft. Aber was kann man tun, um den Winter ohne größere Schäden zu überstehen?
Sich der schlechten Laune, dem hohen Schlafbedürfnis und den Heiß- hungerattacken kampflos zu ergeben, ist nur eine Möglichkeit.
Die wesentlich effektivere und gleichzeitig schönere Alternative ist es aber, der „Ab-in-den-Süden-Lust“ einfach nachzugehen! Denn es gibt keine bessere Art, Urlaub zu machen, als im Winter in den Süden zu fliehen. Ein paar Tage Sonne und vergessen sind die winterlichen Sorgen. Die Energie, die man dabei tankt, reicht locker, um den restlichen Winter fern von aller Müdigkeit und Depression mit guter Laune zu überstehen.
Viele Wege führen in den Süden, auch wenn es nicht immer Rom sein muss.

Der südlichste Süden

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Wenn man die letzten Semesterferien bei diversen, gut zahlenden Großkonzernen am Fließband stand, ist der Süden dank des dicken Geldbeutels keine ungefähre Ausrichtung mehr, sondern wirklich wörtlich gemeint: Es locken Südafrika, Südamerika und natürlich Australien. Allerdings droht bei Temperaturen von über 30°C nicht nur der völlige Zusammenbruch bei der Rückkehr in den Winter; dank des teuren Fluges kommt man um ein tiefes Loch im Geldbeutel kaum herum. Und dieses in den nächsten Semesterferien wieder zu flicken, bedeutet wiederum Fließbandarbeit ohne Ende.

Der mittelweite Süden

Verbringt man seine wenigen freien Stunden während des Semesters als Kellner, Zeitungsausträger oder als flyerverteilende Karotte in der Fußgängerzone, ist immerhin ein zehntägiger Urlaub auf den Kanaren drin. Bei angenehmen 20°C Luft- und 18°C Wassertemperatur kann nichts mehr schief gehen! Viele Last-Minute-Anbieter haben für alle Spontanen wirkliche Schnäppchen zu bieten. Um bei den Gesprächen über überflüssige Pfunde trotz schlechten Essens mitreden zu können, sollte man einmal im Leben einen All-inclusive-Urlaub gemacht haben.

Der nahe Süden

Konnte man durch Verzicht auf allerlei Vergnügungen wie Unifeste, Kino und Theater immerhin etwas zur Seite legen, bieten sich Südfrankreich, Spanien und Portugal an. Sicherlich gibt es Schöneres, als auf dem Weg in den Süden zwölf Stunden im Auto zu sitzen, aber dafür sind um diese Jahreszeit viele der Ferienhäuschen wesentlich günstiger zu haben. Die vielen Billig-Airlines sind zwar eine gute Alternative zum Fahrstress, fragt man aber einmal im Freundeskreis nach, wer ebenfalls Fernweh hat, so finden sich mit Sicherheit nicht nur genügend Leute für das bis zu 8 Personen fassende, schnuckelige Häuschen an der Costa Brava mit Blick aufs Meer, sondern auch viele Unterhaltungs- möglichkeiten für die Fahrt.

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Der Süden daheim

Und falls durch Studiticket, Studiengebühren und Miete kein Cent übrig geblieben ist, bleibt nur noch eins: eine Runde Fußmarsch bei Tageslicht. So kommt die Netzhaut zu genügend Tageslicht, die Zirbeldrüse ist glücklich und der Melatonin-Haushalt gerettet. Um allerdings durch Spaziergänge deutliche Erfolge zu erzielen, müsste man sich mindestens dreimal pro Woche dazu aufraffen. Und genau da liegt das Problem. Woher den Antrieb zum Spazierengehen nehmen, wenn man durch Spazieren versucht, wieder neuen Antrieb zu finden? Einziger Ausweg: in den fünf Minuten, in denen man auf die „sofort“ kommende Bahn wartet, die Augen ins Sonnenlicht halten. Blöd nur, wenn man morgens im Dunkeln das Haus verlässt und abends erst nach Sonnenuntergang nach Hause kommt, weil die Uni mal wieder von acht bis 19 Uhr gegangen ist.

Raus aus dem Matsch

Gerade als ich die letzten Zeilen des Artikels schreibe, beginnen vor meinem Fenster leise die heißersehnten Schneeflocken zu tanzen. Ganz Karlsruhe wird unter einer dicken Schicht weißen Pulverschnees begraben. „So leicht werdet ihr mich nicht rumkriegen!“, denke ich und mache mich auf den Weg zum Reisebüro.
Meine Lieblingsreisebürodame grinst mich an und fragt: „Same procedure as last year?“. „Wenigstens auf eine Tradition kann man sich noch verlassen“, denke ich und antworte zufrieden: „Same procedure as every year, einmal ab in den Süden bitte!“. Und während ich mir im Reisebüro die schönsten Nationalparks in Südafrika, die längsten Strände auf Gran Canaria und die schnuckeligsten Ferienhäuschen an der Côte d’Azur zeigen lasse, ist aus dem schönen weißen Schnee brauner, klebriger Matsch geworden…

Isabell Schneider

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2 Reaktionen zu “Ab in den Süden!”

  1. Sil

    Mensch, das macht richtig Lust die Koffer zu packen und ab dafür. Vllt wirds ja noch was in den Semesterferien

  2. Timo

    Jaja, sehr wahr der Artikel. Seh’ ich fast genauso. Liebe Gr??e und eine sch?ne Vorweihnachtszeit!

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