Studieren in Yale

Über Blaskapellen, Fristen und Fleiß

Yale. Spätestens seit der US-amerikanischen Fernsehserie „Gilmore Girls“ kennt fast jeder diese Kaderschmiede. Viele unter euch haben sich vielleicht schon mal gefragt, wie es ist dort zu studieren. Wie sehr es sich von der Karlsruher Elite-Uni unterscheidet. Hier einige Einblicke.

Gerade zwei Monate ist es her, dass ich Good Old Germany hinter mir gelassen habe und in die große weite Welt aufgebrochen bin, um letztlich doch in einem kleinen Ort namens New Haven im Bundesstaat Connecticut zu landen. Das Besondere an dieser amerikanischen Kleinstadt ist nicht nur die enorme Dichte an Pizzerien, sondern auch, dass sich hier die Yale University befindet, an der ich für ein akademisches Jahr in der Graduate School of Art and Science als Studentin der ‚European Studies’ immatrikuliert bin. Seitdem ich hier bin, habe ich – und 2000 andere Studenten – bereits Toni Blair in einer Diskussion erlebt, zwei Vorlesungen von Jürgen Habermas gehört und Bill Clinton verpasst. Geboten wird hier viel. Von eigenen Kunstgalerien, zu Workshops bis hinzu privat Tutorien zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Oder auch – sehr beliebt bei Studenten – First Friday at Five, wo die Graduate Studenten jeden ersten Freitag im Monat mit Nahrung und Freibier versorgt werden. Motto im Oktober: Oktoberfest mit Blaskapelle.

Deutsche – nicht nur auf Mallorca

Yale wurde 1701 gegründet und erhielt ihren heutigen Namen 1718 nach einer Spende Elihu Yales. Sie ist die drittälteste amerikanische Hochschule und gehört heutzutage nicht nur zu den besten, sondern vor allem zu den reichsten Universitäten der Welt mit einem Gesamtvermögen von 22,5 Milliarden US-Dollar. Es gibt etwa 11358 Studenten (2007), wovon etwa 1800 aus 102 verschiedenen Nationen kommen. Zunächst war ich doch sehr verwundert, warum ich ständig nur auf Deutsche getroffen bin. Allerdings habe ich dann in Erfahrung gebracht, dass die Deutschen die größte vertretene europäische Nation ist.

Welcome to Ya(i)le ?

Neben den ganzen Privilegien, die man hier als Student genießt, wie dem enormen Lehrangebot, den kleinen, intensiven Seminaren und Gastvorträgen renommierter Geistesgrößen aller Fachgebieten, wird auch einiges erwartet. Zwar denkt man, dass einem jetzt viele Türen offen stehen, doch ist es nicht unüblich, dass die Professoren einen Motivations-Essays verfassen lassen bevor sie die Studenten zu ihrem Seminar zulassen.

Das ist der größte Unterschied: Als deutscher Student fragt man sich ständig, was man die letzten Jahre eigentlich gemacht hat, bis man letztlich erkennt, dass man nicht faul war, sondern hier alles strikter gehandhabt wird. Um Fristverlängerungen zu diskutieren – völlig sinnlos! Auch die Professoren haben Vorgaben bis wann die Noten eingetragen werden müssen. Alles – nicht zu wenig – wird im Semester erledigt. Natürlich ist es schön, wenn man in den Semesterferien frei hat. Aber doch sehnt man sich manchmal an einen gemütlichen Mittwochabend ins Carambolage – fernab von Hausarbeiten – zurück.

The Cathedral of Sweat

Für ein ‚fernab von Hausarbeiten’ kann man seine Zeit auch produktiv – nicht unüblich für amerikanische Studenten – im Fitnessstudio verbringen. Dazu abschließend eine Anekdote, von denen Yale, als eine Uni deren Reichtum zum größten Teil aus großzügigen Spenden der Alumni oder sonstigen Gönnern besteht, die ein Gebäude nach sich benannt sehen wollen, viele zu bieten hat: Im Jahre 1932 spendete eine nette alte Dame eine enorme Geldsumme um eine Kirche im Namen ihres Sohnes Payne Whitney auf dem Campus errichten zu lassen. Aber wenn es ohnehin eines gibt, dass weder New Haven noch Yale brauchen, ist es eine weitere religiöse Stätte. Was jedoch in den 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts dringend benötigt wurde, war eine Sportanlage. Daher wurde der Architekt John Russel Pope instruiert ein derart pompöses Fitnessstudio zu entwerfen, dass man es für eine Kathedrale hält. Gesagt, getan. Es entstand ein 9,5 Stockwerke hohe Kathedrale bestückt mit Olympia-Schwimmbecken, diversen Sportfeldern, indoor running track, Ruderanlage und allem sonst was das Herz begehren kann. Nach Vollendung dieser architektonischen Leistung fuhr der damalige Yale-President die alte Dame in seinem Auto an ihrer Kathedrale vorbei. Kurze Zeit später verstarb sie in der Genugtuung eine Mäzenatin einer heiligen Glaubensstätte zu sein und nicht einer sogenannten „Cathedral of Sweat“.

Julia Knifka

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