„Ich war in meinem Studium von Anfang an Bibliotheksgänger.“

Dr. Rüdiger Schmidt, kommissarischer Direktor der Badischen Landesbibliothek und weiß Bescheid über den Umgang mit Literatur und was es heißt, sich darin zu verlieren…

Die Badische Landesbibliothek ist eine wissenschaftliche Universal- und Archivbibliothek. Sie ergänzt und unterstützt somit die Universitätsbibliothek in ihrem Bestand. Als solche besitzt sie auch für Studenten nicht nur in der Vergabe von Medien einen hohen Komfort, sie kann auch als Lern- und Arbeitsplatz dienen, wenn die eigenen vier Wände zur Last werden. 2007 existiert ein Bestand von insgesamt 2.316.505 Büchern, Zeitschriften, Zeitungen, Handschriften, Karten, Noten, digitalen Einzelbeständen und vielem mehr, was während der wissenschaftlichen Arbeit von Relevanz sein kann. Dr. Rüdiger Schmidt, kommissarischer Direktor der Badischen Landesbibliothek, gibt Einblicke in sein Haus und ein bisschen mehr:

Sie haben in Bonn Theologie studiert und wahrscheinlich schon während ihres Studiums auf Bibliotheken zurückgegriffen. Wie wichtig war es für Sie in Ihrem Studium diese Möglichkeit zu haben?

Ich war in meinem Studium von Anfang an ein Bibliotheksgänger. Es gibt ja Studenten, die arbeiten zu Hause. Für mich war klar, ich gehe in das Institut, dahin, wo die Lehrveranstaltungen sind. Man trifft dort auch die anderen Studenten, die mit im Seminar sind. Also hat man einmal die Bücher beisammen und die anderen Mitstudenten und dann kann man gut arbeiten.

Das ist ein gutes Stichwort: Studentisches Arbeiten. Es nutzen in Ihrem Haus viele Studenten nicht nur die Möglichkeit, Bücher auszuleihen, sondern auch den sehr ruhigen und angenehmen Arbeitsplatz selbst. Was raten sie, nach über dreißig Jahren Berufserfahrung über das richtige, effektive Lernen?

Das Lernen im Studium sind zweierlei Sachen: Das Eine ist, den Lehrstoff auswendig zu lernen, den man sich eintrichtern muss. Da war ich zum Beispiel ein ganz schlechter Student, das heißt, ich musste für mich erst einmal herausfinden, wie ich für mich am besten lernen kann. Ich habe zum Beispiel bei mir festgestellt, dass meine Mitschriften aus den Vorlesungen in den ersten Semestern sehr schlecht waren, und es hat sich als Glück herausgestellt. Denn um am Ende des Semesters die Semesterprüfung zu machen, musste ich dann zu Handbüchern greifen und mich mit dem Stoff auseinander setzen – und auf einmal habe ich den Stoff beherrscht. Also das war meine Methode, Dinge auswendig zu lernen, ich habe immer Kommilitonen bewundert, die es geschafft haben, sich hinzusetzen, drei Stunden zu lernen und den Stoff anschließend zu beherrschen. In dem Sinne muss jeder den Weg für sich finden. Das andere ist eher das Studieren im Sinne von Forschen, also: Wie schreibe ich ein Referat? Und da kann ich eigentlich immer nur sagen: Bitte erst einmal ganz allgemein einsteigen, denn meistens hat man ja gar nicht so viel Ahnung von dem Thema, über das man schreiben soll. Und da kann manchmal der Brockhaus oder Wikipedia der beste Einstieg sein und nicht gleich die Spezialliteratur – da sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

Wie hoch schätzen Sie den Benutzerkomfort in der BLB ein, vielleicht auch im Gegensatz zu anderen Bibliotheken?

Selbstverständlich gut! (lacht) Aber fangen wir vielleicht mit einer Schwäche an: Eine Schwäche ist sicherlich bei uns die Öffnungszeit. Diese geht bis 18 Uhr, damit liegen wir ziemlich weit hinten, schließlich gibt es ja eine UB mit Vierundzwanzig-Stunden-Öffnung, da wollen wir besser werden. Dazu brauchen wir aber auch Personalmittel, wir haben im Augenblick Stellenabbau, dennoch: Das ist ein Ziel, bis in die späten Abendstunden zu öffnen. Wir wollen keine Vierundzwanzig-Stunden-Bibliothek, da kann man geteilter Meinung sein, auch bei einer Landesbibliothek. Was sicher bei uns ein Vorteil ist: Man kommt an einen Großteil der Literatur unmittelbar heran, sie steht hier im offenen Magazin, damit ist die meist gefragte Literatur zugänglich, das ist ein großer Vorteil. Und die Arbeitsqualität in den Lesesälen wird von den Studenten immer wieder gerühmt und da können wir uns sicherlich sehr gut mit anderen messen. Ich glaube auch, dass wir uns bei dem, was wir hier an Digitalem anbieten und wie wir es aufbereitet haben, auch nicht zu verstecken brauchen.

Und wo sie gerade eine Schwäche angesprochen haben: Ab 2009 sollen Benutzergebühren eingeführt werden. Für Studenten 10 €, für Normalbenutzer 20 €. Warum muss man inzwischen für die Nutzung des Gedankengutes zahlen?

Das ist zunächst eine Entscheidung für die beiden Landesbibliotheken, wir Bibliothekare wollen das nicht. Der Rechnungshof steckt dahinter, der Finanzausschuss und der Landtag haben sich dem angeschlossen. Eine kleine Korrektur: Studierende werden weiterhin nichts zahlen. Mit der Überlegung, dass sie schon die Studiengebühren entrichten müssen und da soll die Landesbibliothek und deren Nutzung inklusive sein. Aber in der Tat gibt es so etwas wie einen Paradigmenwechsel: Bis in die neunziger Jahre war einfach die Vorstellung selbstverständlich, dass die Ausbildung in einem ressourcenarmen Land, wie wir es sind in Deutschland, ganz oben stehen muss und auch leicht ermöglicht werden soll. Das heißt keine sozialen Schwellen, und Geld führt zu einer sozialen Schwelle, es sollten da keine Hindernisse vorhanden sein. Und von diesem Verständnis gibt es langsam eine Abkehr. Nach dem Motto: Der Student verdient ja später, er verdient dann mehr als ein Facharbeiter, also soll er auch zahlen. Wir finden diese Entwicklung bedauerlich, als Bibliothekare, als Staatsbürger kann man vielleicht anderer Meinung sein, aber wir möchten, dass die Literatur bei uns entdeckt wird und nicht erst über eine Gebühr von 30 €.

Der Paradigmenwechsel vollzieht sich ja auch in der studentischen Mentalität. Welche Tendenzen erkennen Sie?

Wenn ich die Situation mit früher vergleiche, muss ich mich eher bewundernd äußern, verglichen mit der Zeit, als ich in den Beruf ging: Für mich war klar, ich wollte entweder Lehrer, Archivar oder Bibliothekar werden, einen Beamtenstatus anstreben. Ich habe nie das Problem gehabt, einem Zeitvertrag zustimmen zu müssen, es ging sofort auf eine feste Stelle. Wenn ich mir das heute anschaue: Jeder rechnet damit, dass er, wenn überhaupt erst einmal, einen Zeitvertrag bekommt, falls das nicht klappt, dann mache ich auch etwas anderes. Man schaut sich viel mehr in der Welt um. Die Reisemöglichkeiten – wir waren damals bis Griechenland gefahren und waren ganz stolz – enden heute eher in Indien oder Südamerika. Diese Offenheit ist dazu gekommen und somit bei vielen auch der Mut, manchmal auch der Zwang, mit einer größeren Flexibilität unterwegs zu sein.

Beeindruckt Sie die Masse an Informationen, die in den Regalen der Bibliothek stehen und die Tatsache, dass hinter jeder gedruckten Seite ein Mensch und seine Gedanken stehen?

Ich habe das Gefühl, ich gehe durch einen Wald. Wie Bäume etwas Gewachsenes sind, sind Bücher für mich auch etwas Lebendiges. Denn ein Buch ist ja nichts anderes als das Ergebnis eines Nachdenkprozesses oder etwas aus der Versammlung vieler Geister, wie zum Beispiel in einem Zeitschriftenband, und insofern habe ich immer das Gefühl, ich bewege mich in einem Kosmos. Ich greife etwas heraus und habe dann die Möglichkeit, durch ein Fenster zu schauen, in die Vergangenheit, in andere Länder oder zu bestimmten Fragestellungen. Das ist etwas Wunderschönes, man muss nur aufpassen, dass man sich nicht darin verliert.

Sarah Wilhelm

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