Die Südstadt

Serie: Karlsruhe, deine Stadtviertel

Lebhaft, multikulturell und das Herz am richtigen Fleck – das ist die Südstadt. Früher oder später erliegt jeder dem Charme dieses Karlsruher Stadtteils, der der erste von vieren ist, den wir euch vorstellen.


Das Stadtviertel hat sich rund um den alten Bahnhof entwickelt, der auf dem Areal des heutigen Staatstheaters gebaut war. 1843 öffnete der Betrieb mit der ersten Fahrt der Bahnlinie von Karlsruhe nach Heidelberg. Eine Theorie, weshalb die Südstadt- Bewohner auch Südstadtindianer genannt wurden liegt im Bau des Bahnhofes begründet: Im Prozess der Industrialisierung lockten die großen Städte, darunter auch die sich entwickelnde Residenzstadt Karlsruhe, viele Gastarbeiter. Hauptentwicklungszweig war die Eisen- und Stahlindustrie, deren Wachstum maßgeblich mit dem Bau und der daraus entstandenen verbesserten Infrastruktur der Eisenbahn zusammen hing. Durch den Bau des ersten Bahnhofes siedelten sich in diesem Gebiet auch eben diese Gastarbeiter an, die, nach der schweren Arbeit am heißen Eisen, mit hochroten Köpfen und Ruß beschmierten Gesichtern nach Hause kamen. Rothäute gab es also hauptsächlich in der Südstadt, vielleicht kommt daher der Name.
Geographisch ist die Südstadt nach Westen hin durch die Ettlinger Straße, die direkt auf den Marktplatz zugeht und die mittlere Achse der Fächerstadt bildet begrenzt. Nach Süden und Osten läuft sie in Richtung der Südtangente und dem Bahnhof aus und im Norden beendet sie die Kriegstraße, die frühere Prachtstraße Karlsruhes.

Beginnt man seinen Streifzug im Herzen dieses Stadtteils, dann steht man auf dem Werderplatz. Ihn teilt eine kleine Allee aus Kastanienbäumen, die im Sommer wohligen Schatten für die zahlreichen Besucher der am Rande angesiedelten Cafés (die Bento-Bar, die Gloria-Bar und das Wolfbräu müssen hier genannt werden) und Kneipen spenden. Hier empfiehlt es sich einfach Rast zu machen und zu beobachten: Viele kleine bunte Läden verkaufen ihre Waren, aus den Wohnungen hört man Musiker und Alltagsgeräusche, der Duft von Essen aus aller Herren Länder vermischt sich auf den Straßen und das Laufpublikum bieten Unterhaltung und Anregung. Der Platz vor der Johanniskirche und der Bereich rund um den Indianerbrunnen (dazu gleich) gehören den Gestalten, die ebenso das Gesicht der Südstadt prägen und hier zu jeder Tages- und Jahreszeit ihr Revier markieren.

Und nun zum Indianerbrunnen, der das östliche Ende des Werderplatzes ziert: Wie der Name schwer verschweigt, stellt der Brunnen einen Indianer dar, genauer einen Indianerkopf, einen ziemlich großen sogar, der, selbst wenn er für das Südstadtfest bunt geschmückt wird, seinen würdevollen Blick nicht entgleisen lässt, egal was um ihn herum passiert (und da passiert so einiges…). Er wurde 1927 erbaut und beruft sich auf eine andere Indianergeschichte, nach der die Südstadtbewohner benannt sein sollen: Vom 23. bis zum 26. April 1891 gastierten die Schausteller einer Wild West Show in der Südstadt. In der „Buffalo Bill Show“ traten echte Büffeljäger und Indianer auf, die ihr Können auf dem Pferderücken und andere Kunststücke präsentierten. Offensichtlich beeindruckte diese Art Wanderzirkus die Karlsruher so sehr, dass sie den Namen der Bewohner eines Stadtviertels an dieser Kuriosität anlehnten. (Was man dem stolzen Indianermann nicht ansieht ist, dass der Brunnen vom Stadtbaumeister Friedrich Beichel in Auftrag gegeben wurde, um die darunter befindliche Toilettenanlage ästhetisch in Szene zu setzen.)

Spaziert man auf der Marienstraße, die den Werderplatz östlich begrenzt in die Richtung des Staatstheaters, das den nördlichsten Teil der Südstadt bildet, passiert man auf der linken Seite die Schauburg, ein Kino, dessen Programm sich nicht am Geschmack der großen Kinopaläste orientiert und viele interessante Angebote vorzuweisen hat – einen Blick in den Aushang sollte man immer riskieren. Nach der Überquerung der Baumeisterstraße steht man nun auf dem Platz vor dem Staatstheater und blickt in die wilden Augen des dreibeinigen Pferdes von Jürgen Goertz. Die Anlage mit dem Betonbrunnen und dem massiv gebauten Theater selbst, das 1400 Besuchern Platz bietet, ist architektonisch umstritten, dennoch drängt sich eine Ästhetik auf, spätestens wenn man das Bauwerk einmal bei Nacht betrachtet hat. Wenn man Glück hat und eine halbe Stunde vor Beginn eines Stückes, einer Oper oder eines Ballettes an der Kasse steht, kann man mit Vorlage des Studentenausweises noch nicht besetzte Plätze für einen Spottpreis (deutlich unter 10 €) ergattern, selbst Plätze aus der höchsten Kategorie – auch das lohnt sich.

Westlich grenzt die Südstadt am Stadtgarten, dem Zoo der Stadt Karlsruhe. Dort kann man nicht nur Ponys streicheln (und in alten Kindheitserinnerungen schwelgen), sondern auch einen der beiden Schuttberge (der andere befindet sich in der Günter- Klotz- Anlage), die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgehäuft wurden, besteigen und genießt von dort einen weiten Blick bis nach Durlach, auf den Bahnhof und die umliegenden Dächer der Stadt. An das Areal des Zoos angrenzend befindet sich das Vierordtbad, eine Therme mit Sauna und der Möglichkeit zur Entspannung. Wochentags, vor 17 Uhr kann man dort zu einem sehr sehr günstigen Tarif die Seele baumeln lassen und Wärme tanken. Auch architektonisch ist das 1873 vom Karlsruher Architekten Josef Durm erbaute Gebäude einen zweiten Blick wert.

Neben dem Vierordtbad erstreckt sich der Kongressplatz, auf den die Sonne in diesem Teil der Stadt am längsten scheint. Umzäumt von Springbrunnen, dem Konzerthaus und der Stadthalle liegt an ihm ein weiterer architektonischer Zeuge der Stadt: Die Schwarzwaldhalle wurde 1953 vom damaligen Bürgermeister Günter Klotz eingeweiht und ist überspannt von Europas erster selbst tragenden Spannbetonkonstruktion. Das Dach ist nur 6 cm dick und wurde vom Architekten Erich Schelling auf die Probe gestellt, indem er 200 Bauarbeiter hinauf schickte, die natürlich alle wieder gesund auf den Erdboden zurückkehrten.

Natürlich hat die Südstadt noch viele weitere schöne Ecken mit ihren eigenen Geschichten. Und spätestens wenn das Südstadtfest angekündigt ist, sollte man sich einen Eindruck von diesem wahrscheinlich charakterreichsten und atmosphärischen Stadtteil verschaffen. Die Bebauung durch die alten Stadthäuser, deren Mieten im unteren Teil der üblichen Beträge in Karlsruhe liegen, deren vielseitige Bewohner, die kleinen Grünanlagen und die Innenhöfe verbreiten ein Gefühl von Bewegung und Unbeschwertheit.

Wenn irgendwo etwas in der Luft liegt, das nur im Ansatz rebellisch ist, dann ist das wohl in der Südstadt.

Nächste Ausgabe: Das Dörfle.

Sarah Wilhelm

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Eine Reaktion zu “Die Südstadt”

  1. Ottmar Huber

    Also. das mit dem Schuttberg im Stadtgarten ist totaler Unsinn. Der Berg wurde unter Oberbürgermeister Lauter als Grundlage für einen darin verborgenen Wasserhochbehälter aufgeschüttet (nicht mehr in Betrieb). Darum auch der Name Lauterberg

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