Der Mythos WG

„Hast du dich schon eingelebt?“ Nach einigen Tagen in der neuen WG trifft man sich zufällig mit einem Mitbewohner in der Küche.


„Sicher, hier ists fantastisch. Hab mich ganz gut eingelebt und mein Zimmer ist auch endlich fertig eingerichtet…“ Nach ein paar Minuten Konversation kommt es dann, wozu es kommen muss: „Es ist gut, dass du jetzt hier bist, weil dein Vormieter war irgendwie schrecklich.“ Dann beginnen meist peinliche Geschichten über Verfehlungen, obskure Angewohnheiten und nicht eingehaltene Putzpläne. Erstaunlich ist, dass solche Gespräche immer dazu führen, dass der berühmte und zurecht vielgeschmähte Satz in gerade zu religiöser Verehrung rezitiert wird: „Aber jetzt wird alles anders!“ Und es gleitet ein betörendes Glücksgefühl wie Nebel durch die Türen und Hallen des gemeinsamen Refugiums vor den Unzulänglichkeiten der Welt.

Einige Wochen später ist der Nebel verzogen. Langsam aber stetig verliert sich die Faszination für die Anderen. Die Marotten und Gewohnheiten der Mitbewohner werden erst amüsant, dann mühsam und am Ende unerträglich. Genüsslich werden dann Zettel aufgehängt, mit mal mehr mal weniger offensichtlichen Botschaften. Im Kühlschrank stünden verschimmelte Sachen, im Bad sei dieses nicht in Ordnung, die Toilette sei überhaupt putzbedürftig. Der Putzplan – ursprünglich ein stabilisierendes Fundament der Freundschaft und des Wohlwollens – ist leer und sinnlos geworden.

Zettelkommunikation wird zur einzigen und die lässt sich bekanntlich immer so nehmen wie man will: Jeder interpretiert in die nett gemeinten Worte diejenigen des Teufels persönlich hinein und eine Spirale des Hasses beginnt – auch Smilies helfen da nicht.

Manchmal kommen dazu noch vorlaute Mitbewohner, die – meist ein paar Jahre älter – alles besser wissen und dem WG-Anfänger zeigen müssen, wer hier denn nun der Herr im Hause sei. Selbst sind sie meist geschundene, die jetzt sich selbst und ihr Studium zu ernst nehmen und sich und ihr Studienfach auch bei der Wahl des Klopapiers bedacht wissen wollen. Oder sich ständig streitende Pärchen, die die Atmosphäre auf den Nullpunkt sinken lassen. Knarzende Betten sind schließlich dann der Todesstoß, den selbst frisch gegründete Nicht-Zweck-WGs nicht überstehen. Die Hölle? Das sind dann die Anderen. Aus Verzweiflung wird deswegen zurückgeschossen. Beste Mittel sind dann knarzende Betten, Streit mit dem Partner (gerne am nicht verbundenen Telefon) und über stets besseres Wissen zu jedem Thema verfügen. Oder auch ein wenig Schikane: Da wird der Müll stehen gelassen und dreckiges Geschirr kunstvoll in der Küche verteilt, so dass niemand wagt, daran irgendetwas zu bewegen, solange er nicht die richtige Reihenfolge kennt, in der dieses Meisterwerk gefahrlos demontiert werden kann.

Die ungeschriebene Regel lautet daher in WGs: Redet nicht, solange ihr es noch könnt. Streitet auch erst dann, wenn es um alles geht. Und wenn danach das letzte Wort gesprochen ist und das letzte Porzellan der früheren Freundschaft zerstört ist, dann müssen wir uns WG-Bewohner als glückliche Menschen vorstellen.

Hans-Georg Kluge

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