Lernen in Second Life

Prof. Dr. Peter A. Henning, Informatikprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Karlsruhe, dortiger Studiendekan des Masterstudiengangs Informatik, Initiator des Europäischen E-Learning Awards eureleA und Professor des Jahres 2007 (Unicum) berichtet über das Lehren und Lernen in Second Life.


Erklären Sie uns bitte was Second Life eigentlich ist!

Second Life ist eine Kommunikationsplattform, ein Computersystem, das irgendwo in der Welt steht und eine virtuelle Welt aufbaut, die von einzelnen Benutzern des Second Life auf ihren Bildschirm geholt werden kann. Die Benutzer dieser virtuellen Welt sind dort nicht einfach präsent indem sie von außen draufschauen, sondern durch sogenannte Avatare. Jeder Benutzer hat eine eigene menschenähnliche Figur, die dort herumlaufen, sich bewegen und mit anderen interagieren können.

Wie nutzen Sie Second Life konkret für Ihre Lehrveranstaltungen?

Ich exportiere die Vorlesung „Computergrafik und Multimedia“ regelmäßig in Second Life hinein. Zu diesem Zweck haben wir mit Studierenden einen virtuellen Hörsaal gebaut. Das ist nicht etwa ein Glaspalast, sondern unterscheidet sich von vielen anderen Auftritten in Second Life durch seine Offenheit. Wir haben ein Amphitheater in die virtuelle Welt gestellt in dem sich die Studierenden mit ihren Avataren niederlassen können und dann auf einem Bildschirm die Vorlesung mitverfolgen können.

Wie sind Sie denn ursprünglich zu diesem Thema gekommen?

Also ganz ursprünglich kommt man zu solch einem Thema, indem man Artikel in Fachzeitschriften liest. In meinem Fall war es ein Artikel in der Zeit über den Zulauf den Second Life momentan findet. Aus Spieltrieb heraus habe ich mir Second Life dann mal angeschaut und die Idee entwickelt dort tatsächlich auch Lehrveranstaltungen abzuhalten.

Sind Sie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft der einzige, der Second Life nutzt oder haben sich auch andere Professoren angeschlossen?

Das Lehren in Second Life ist eine ganz neue Angelegenheit. Der Vorreiter ist erstaunlicherweise eine Volkshochschule, nämlich die Volkshochschule Goslar, die wir in diesem Jahr mit dem European ELearning Award ausgezeichnet haben, weil sie dort eben wirklich ein Vorreiter ist. Im Hochschulbereich ist es eher selten bis gar nicht vertreten, weil die Professoren dort im Wesentlichen Forschungsinteressen und keine Lehrinteressen haben. Ich selber bin meines Wissens hier an der Hochschule, in Karlsruhe und auch darüber hinaus einer der ganz wenigen Hochschullehrer, die Second Life wirklich für die Lehre nutzen und einsetzen.

Was fasziniert Sie am Lernen und Lehren in Second Life?

Es gibt ja schon ganz lange Versuche Vorlesungen über das Internet zu übertragen, live oder als Konserven. Die Studierenden akzeptieren dies erstaunlich wenig. Das kann ich nachvollziehen, weil sich die Studierenden nicht regelrecht mit dem Professor verbunden fühlen oder mit denjenigen, die dort diskutieren, sondern eher das Gefühl haben abgekoppelt vor einer Maschine zu sitzen und nicht richtig mitzubekommen um was es wirklich geht. Was mich an Second Life fasziniert und dabei steht Second Life natürlich nur synonym für andere Plattformen, die demnächst ähnliche Funktionalitäten bieten werden ist, dass dort diese Distanz, die durch die Übertragung der Vorlesung zustande kommt wieder aufgehoben wird. Die Studierenden sind im Stande zu interagieren und tatsächlich miteinander zu sprechen, Aufmerksamkeit etwa durch Nähe zu signalisieren oder auch einfach wegzugehen, wenn sie keine Lust mehr haben. Das hebt tatsächlich die Distanz durch Technik wieder auf, indem eine Nähe in der virtuellen Welt entsteht. Das zeigt bei den Studierenden zumindest zum Teil schon eine gute Akzeptanz. Der Ein oder Andere findet es toll von zu Hause an der Vorlesung teilnehmen zu können und würde es am liebsten immer machen. Die Meinungen über das Streamen von Vorlesungen in Second Life sind unter den Studenten noch sehr gemischt.

Sehen Sie in den nächsten Jahren ein klare Entwicklung für Second Life und die Lehre in virtuellen Welten?
Ich sehe da eine ganz große Entwicklung, weil das Lehren über die Entfernung hinweg etwas ist, dass es uns ermöglicht Bildung in ganz andere Schichten der Bevölkerung hineinzubringen. Wenn wir diese Ideen von lebenslangen Lernen ernst nehmen, dann sind Second Life oder ähnliche Plattformen genau das, wonach wir suchen müssen. Ich sehe das auch bestätigt durch den großen Zulauf die die Volkshochschule Goslar in diesem Bereich hat. Sie sind im Stande ihre Reichweite durch das Anbieten von Kursen in Second Life deutlich zu erweitern.

Weitere Informationen:

www.secondlife.com www.eurelea.org www.ice-karlsruhe.de

Annekatrin Schnur

Bookmark Tools
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Google Bookmarks
  • MisterWong
  • Digg
  • Netvibes
  • StumbleUpon
  • Add to favorites

Einen Kommentar schreiben