frei Schnabel: Hitler und sein Loch

Ein Gedicht. Sommer war mal was Gutes. Sonne, Wärme, Himmelblau. War einmal.


Liebe Lesenden: Ich möchte über Hitler schreiben. Und ein paar andere. Hitler ist tot. Das ist bekannt, das ist gut. Es geht hier aber gar nicht um den echten Hitler, sondern um das Imitat. Das ist kaputt. Kürzlich wurde eine Wachsfigur im neu eröffneten Berliner Madame Tussaud´s besprungen und zu Boden gerissen. Das Opfer war der Führer, kopflos! – der Täter ein Altenpfleger, normalerweise dafür zuständig, alte Menschen, also möglicherweise Anhänger des Originals, zu pflegen. Mit den Worten „Nie wieder Krieg“ hat er den wehrlosen Zweihunderttausendeuromann niedergemacht. Hoffen wir, dass er im Beruf nicht genauso verfährt. Die einzige sich einst wehrende Partei (SPD) bleibt heute dazu meinungslos. Hubertus Heil hält die Aufregung um die Figur für ein typisches Sommerlochthema und kritisiert sie gleichzeitig als „geschmacklos“. Statt zu sagen „Hitler 3D find ich scheiße“: Nix Heil Hubertus! Zu nicht minder prominenten Sommerlöchlern (also den Protagonisten der Sommerlöcher) wie Kaiman „Sammy“ (1994), das Rotnackenwallaby „Manni“ (1998) oder Kuno, den „Killer-Wels“ (2001) gesellt sich 2008 also das aalglatte „Adi“. Wer hätte das gedacht? Optisch passt das von Pomade glitschigglänzende Bärtchen jedenfalls ganz gut in die Reihe. Nicht selten endet es für Sommerlöchler tödlich, im letzten Jahr war Braunbär Bruno fällig und wurde alsbald ausgestopft. Man kann allerdings auch in sein ganz persönliches Sommerloch springen, siehe Möllemann. Der ist zwar nirgendwo ausgestellt, gehörte aber der Sommerlochspaßpartei (FDP) an. Sie alle gesellen sich zu jenen aus dem Klang- und Bildmatsch, den die Flimmerkiste ganzjährig als Permanentsommerlöchler verbreitet. Diesen Begriff führe ich ein für Menschen, die mich in keiner Jahreszeit interessieren, aber ständig präsent sind und doch eigentlich nichts zu sagen haben. Sie kommen in mein Wohnzimmer um mich darüber zu „infoentertainen“, wer was wem wie in welches Loch tut. Im Fernsehen ist eigentlich immer Sommer! Doch daran stört sich niemand. Warum wird nicht 365 Tage im Jahr auf den Langweilern rumgehackt, sondern nur – wenn diese im Urlaub sind – auf irgendwelchen Fischen, Bären und Hitler? Mit der Bitte um Gerechtigkeit! Man kann schließlich nicht mal mehr ins Museum gehen, ohne die (wortwörtlich) hingewichste J-Lo, das Bobbele oder dem J-Lo sein Bobbele zu sehen. In Lebensgröße! Natürlich zwingt mich niemand zu einem Besuch, wird der eine oder andere jetzt sagen. Ich will aber dahin. Um allen Sommerlöchlern dieser Welt den Kopf abzureißen! Vielleicht höre ich zur Beruhigung erstmal Musik. Mozarts Wachsfigur zum Beispiel würde ich stehen lassen…

David Paulitschek

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