Studentenleben – Die fetten Jahre sind vorbei

Das Chaos der neuen Studienreform

Seit der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen hat sich in Deutschlands Universitäten so einiges verändert. Denn die Zeit der Bummelstudenten und der ewigen Partynächte ist schon lange vorbei. Alles begann 1999 mit dem Bologna-Prozess, bei dem sich 29 Staaten darauf einigten, ihre Hochschulen, inklusive deren Punktesysteme, einander anzugleichen. Das den Studenten bekannte “ECTS-System” wurde eingeführt, dafür sollen Diplom und Magister abgeschafft werden.


Neue Studienreform gleich neues Glück?

Was die neue Studienreform mit sich gebracht hat, lässt sich schon jetzt unschwer erkennen: gestresste Studenten, angespannte Stimmung und vor allem so einige Fragezeichen in manchen Augen. Viele enttäuschte Gesichter machen sich bei der Stundenplanzusammenstellung erkennbar und pure Verwirrung kommt beim vielfach fehlgeschlagenen Anmeldeversuch für die Vorlesungen und Seminare auf der ILIAS-Plattform auf. Hat es dann mal funktioniert mit Anmeldungen & Co. muss man Glück haben, um überhaupt die gewünschten Seminare besuchen zu dürfen. Denn wer nicht pünktlich um 24 Uhr am Rechner saß, um sich einen Platz zu ergattern oder den Schein nicht absolut dringend braucht, muss eigentlich erst gar nicht aufkreuzen. Wer kennt diese Situation nicht? Student sein, heißt heutzutage nicht mehr einfach zur Uni zu gehen und fleißig zu sein. Es gehört einiges mehr dazu. Wer sich nicht vom Passwort- und TAN Listen-Wirrwarr der Uni Webseiten durcheinander bringen lässt, kann sich glücklich schätzen. Nun ja, es ist nun mal nicht jeder ein Internetprofi, aber ein gewisses Organisationstalent sollte man, um den Faden nicht zu verlieren, besitzen.

Aus der Traum?

Geträumt haben wir immer von Mamas und Papas Zeiten; als man noch frei Denken und kritisch sein durfte. als das Leben noch aus Freizeit, durchzechten Nächten und abenteuerlichen Auslandstrips bestand. Früher war man hier und da, probierte aus und ließ sich einfach treiben. Doch jetzt ist Studieren zu einem Wettlauf mit der Zeit geworden. Wer ist mit dem besten Ergebnis am schnellsten fertig und hat während seines Sprints durch Klausuren und Scheinstempeln die meisten Extrapunkte und Praktika gesammelt. Geschuftet wird für den Lebenslauf, denn wenn der am Ende nicht stimmt, war die ganze Arbeit umsonst. Eigene Ideen und kritisches Hinterfragen sind heute nicht mehr wichtig. Gewünscht werden flexible und standhafte Stehaufmännchen, die sich nicht beschweren und einfach nur tun, was gefordert wird. In einem Spiegelbericht bestätigt auch die Psychologin Sigi Oesterreich vom Studentenwerk Berlin, dass einige Studenten den hohen Leistungsforderungen nicht stand halten. Früher seien die Probleme eher in der Selbstorganisation gelegen, jetzt sei der vorgegebene Stundenplan zum Stressfaktor geworden. Der Druck auf den Student wächst von Tag zu Tag. Bemerkbar macht sich dies auch durch die steigende Nachfrage bei psychologischen Beratungsstellen. Laut Spiegel sind die Zahlen der Neuanmeldungen erheblich gestiegen. Durchschnittlich lagen diese bei 1000 Studenten im Jahr; 2007 allerdings erreichte die Anzahl der Nachfrage bereits über 1400. Vor ein paar Jahren standen eher persönliche Probleme im Vordergrund, heute seien es Studien- und Leistungsprobleme. Sigi Oesterreich betonte auch, dass seit neuestem schon Studierende aus den ersten beiden Semestern zu den Beratungsstellen kämen und der Leistungsdruck bei manchen sogar bis hin zu Angstzuständen und Schlafstörungen führe.

Studiengebühren

Allerdings sind nicht nur der Leistungsdruck und die Jagd nach herausragenden Qualifikationen am Stress der Studenten schuld. Oftmals bereitet einem auch das Fehlen des nötigen Kleingelds Sorgen. Die Finanzierung des Studiums ist in vielen Familien ein riesengroßes Problem. Nächtelanges kalkulieren und diskutieren, ob das Geld auch reicht. Dabei müssen aber leider meist nicht nur die in jedem Semester anfallenden Studiengebühren, sondern auch Lebenshaltungskosten oder auch Fahrgelder berücksichtigt werden. Für viele stellt sich das Studium, aufgrund der finanziellen Lage, als große Herausforderung dar und ein Start ins Berufsleben mit einem großen Schuldenberg im Nacken ist nicht gerade erstrebenswert. Der gute Durchschnitt lässt sich sein Studium von den Eltern finanzieren. Nur wenige müssen ganz allein für alles aufkommen. Doch wie diese Wenigen das schaffen, ist fraglich. Außerdem bleiben der Genuss und die Freude am Studieren aus, immerhin muss man sich beeilen. Zeit ist schließlich Geld. Böse Zungen behaupten sogar, es scheine oftmals so, dass an einigen Universitäten Studiengebühren, durch vermehrte Aufnahme von weniger qualifizierten Studenten, geradezu abkassiert werden. Wer im Hauptstudium nicht zurecht kommt und die Anforderungen nicht erfüllt, wird sozusagen „aussortiert”. Eine Möglichkeit gegen solche Ungerechtigkeiten anzukämpfen scheint aussichtslos zu sein. Dass durch die im Jahr 2007 eingeführten Studiengebühren eine Rückkehr zur Zweiklassengesellschaft erfolgt, war wohl leider vorprogrammiert. Der kleine Bürger wird immer weniger Chancen erhalten, sich durch sein Können zu beweisen und die Großen werden wohl nicht aufhören zu wachsen.

Arbeit, Arbeit, Arbeit…

Glücklicherweise heißt die Devise in diesem riesigen Chaos zwischen Prüfungsordnung und Studiengebühren, nicht aufgeben, sondern weiterkämpfen. Und eigentlich bleibt einem in dieser Situation nur eines übrig, Arbeit, Arbeit, Arbeit. Auch Susann Mills kennt das Problem. Durchhalten und fleißig sein steht an der Tagesordnung. Und das tut sie. Im Magazin Spiegel erzählt Susann, dass sie zusätzlich zu den 30 Stunden Uni pro Woche, 20 Stunden in einem Café jobbe und sich damit eine kleine Budgetaufbesserung ermögliche. Semester- und Nebenjobs sind unter Studenten schon lange keine Seltenheit mehr. Ob nun eine Nachtschicht im Club kellnern, Klamotten in der Edelboutique zusammenlegen oder ein Wochenende in Papas Firma zu rackern; selbst verdientes Geld macht stolz. Da sind sich alle einig. Trotz allem weiß Ulrich Heublein vom Hochschul-Informations-System (HIS) in der NEON, dass die heutigen Studiengänge sehr zeitintensiv und eng strukturiert seien und deshalb nur wenig Zeit für jegliche Nebenjobs bleibe. Doch viele Kinder aus bildungsfernen Schichten haben leider keine Wahl. Arbeiten ist für sie ein Muss, auch wenn es hart ist. Allerdings zeigt auch ein Spot im Radio, dass die Grenzen zur Beschaffung von Studiengebühren weitaus höher gesetzt sind, als gedacht. Eine Radiowerbung, die in den letzten Monaten gesendet wurde, zeigt, dass es auch schlimmer geht. Sie kritisiert die Studiengebühren und macht auf ihre Problematiken aufmerksam. Im Radiospot wird ein Mädchen zur Prostitution aufgefordert und soll als Gegenleistung Studiengeld erhalten. Ziel ist es, Aufmerksamkeit zu erlangen und jegliche Art von Studenten vor einer solchen aussichtlosen Lage zu beschützen. Glücklicherweise lässt sich sagen, dass in Deutschland Jobs dieser Art eher selten vorkommen. Britannien hingegen liegt ganz weit vorn. Seit 2000 stieg die Beschäftigung der Studentinnen in der Sex-Industrie um 50 Prozent an.

Der Preis ist heiß

Nun ja, Aussicht auf Besserung scheint es vorerst nicht zu geben. Politiker sollten sich aufgrund der momentanen Zustände bemühen weniger vermögende Hauhalte zu entlasten, um sozialer Ungerechtigkeit entgegen zu wirken. Und vielleicht wird ihnen auch erst klar, wie ernst die Lage ist, wenn man in Betracht zieht, das selbst die Diskothek Unterhaus in Karlsruhe bei einer Verlosungsaktion eine Runde Studiengebühren ausgab. Die Freude am Studieren sollte zurückkehren und auch die Lust gute Leistung zu erbringen. Schließlich erwartet man in den Unternehmen motivierte und ideenreiche Absolventen, die nicht von unnötigen Reformen und Uni- stress geprägt sind. Also, lasst sie leben, die Studenten!

Kerstin Makei

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