…da kamst du her…

Jeder hat eine Vergangenheit – diese Stadt auch!

Karlsruhe wird mit dem Slogan „Viel vor – viel dahinter“ eine bodenständige Gegenwart und eine sichere Zukunft nach- und vorhergesagt. Aber was die Stadt tatsächlich ist, erklärt sich bei der Betrachtung ihrer 293 Jahre alten Vergangenheit: Eine Einführung…


„Ich werde nicht aufhören, von meinem Aufenthalt in Karlsruhe zu sprechen! Karlsruhe ist das Paradies. Man geht dort unter den Alleen von Zimtbäumen und Levkojen und man atmet dort eine solche aromatische Luft ein, dass ich sagen muss, es gibt nirgends seinesgleichen.“ Dieses löbliche Urteil fällt der Führer der französischen Aufklärung, Voltaire (1694 – 1778) 1758, als er die junge Residenzstadt Karlsruhe besucht. Auch Heinrich von Kleist (1777 – 1811) urteilt 1801 zugunsten der Fächerstadt: „Sie ist klar und lichtvoll wie eine Regel, und wenn man in sie hinein tritt, so ist es, als ob einem ein geordneter Verstand anspräche.“ Am 17. Juni 1715 gründet der Markgraf Karl–Wilhelm von Baden–Durlach (1679 – 1738) seine neue Residenz nach dem Vorbild von Versailles. Dies geschieht nicht weit von seinem Schloss in Durlach, das in Folge des Pfälzischen Erbfolgekrieges zerstört wurde. Bis heute ist die alte Karlsburg mit Bruchstücken der alten Durlacher Stadtmauer noch in Teilen erhalten. Neben der Verbindungsstraße zwischen Mühlburg und Durlach im Hartwald, baut der Markgraf sein Jagdschloss mit ausgedehnten Gärten und Wildgehegen. Zweiunddreißig durch den Wald geschlagene Schneisen, die in alle Richtungen aussprengen, bilden bis heute die Grundlage der Städteplanung Karlsruhes und verkörpern auch das absolutistische Herrschaftsbild dieser Zeit: In der Mitte steht der den Staat verkörpernde Monarch, nach dem sich der Einzelne in allen Lebensbereichen zu richten hat. Die Stadt ist als Kunstwerk zu gestalten und politische Strukturen sind formell erkenntlich gemacht. Gefördert von politischen Entwicklungen, die dem Markgräflichen Geschlecht neue Machtansprüche ermöglichen und der Verlagerung der Handelswege zwischen Norden und Süden, steht dieser Residenz eine viel versprechende Zukunft bevor. Ganz im Kontrast dazu entspringt im Südosten, außerhalb der damaligen Stadtgrenze „Klein-Karlsruhe“ oder auch „Dörfle“ genannt, mit seinen wirren, ungeordneten Straßenzügen. Denn wo ein Schloss entsteht, siedeln sich auch Bauarbeiter, Hofbedienstete mit ihren Familien, Tagelöhner und mit ihnen allerei Gesindel an. Diesen Menschen gebührt kein Stadtrecht. Umso ironischer scheint es, dass sich eben dieses „Dörfle“ bei der Stadterweiterung im 19. Jahrhundert dem glorreichen Stadtplaner und Architekten Friedrich Weinbrenner in den Weg stellt. Bis heute ist dieser kleine Stadtteil vom Geist der kleinen Leute dieser Zeit geprägt. 1778 beschreibt Anselm Rabiosus die Mentalität der Stadtbewohner: “Die griesgrämige spießbürgerliche Art des übrigen Schwaben wurde hier durch die Nähe Straßburgs zu einer ungezwungenen, verbindlichen, fast atheniensischen Urbanität, und die Stutzer sind erträglich. Der vortreffliche Äther, der die Stadt umfließt, hat den Geist und die Herzen der Einwohner mitgereinigt.“ Durch die vom zweiten Markgraf Karl-Friedrich geförderten handwerklichen Betriebe, die sich nicht zuletzt wegen der vielen baulichen Umbauten am Schloss in Karlsruhe ansiedelten, entstehen zwischen 1761 und 1770 zahlreiche gewerbliche Anlagen und Manufakturen. Infolge der Eingliederung des Großherzogtums Badens in den Rheinbund im Jahre 1806 kommt es zu einem weiteren Bevölkerungsgewinn und neuem Auftrieb in baulichen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Diese Expansion festigt auch Karlsruhes politische Bedeutung. Der zusätzliche Flächengewinn durch Bebauungen und Trockenlegungen erlaubt in südlicher Richtung schließlich den Bau des Ettlinger Tores und der Kriegsstraße.

Die Industrielle Revolution in Karlsruhe

Bis zur industriellen Revolution in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das Ausmaß der Stadterweiterung noch maßgeblich geprägt von naturräumlichen Gegebenheiten. So war in östlicher Richtung der Ausbau wegen eines Sumpfgebietes vorerst nicht möglich. Außerdem kommt es mit der zunehmenden Industrialisierung dazu, dass sich die Stadtplanung vom Hof löst. Die Rheinbegradigung, durchgeführt 1817 vom Ingenieur Johann Gottfried Tulla (1770 – 1828), erlaubt von nun an einen regelmäßigen Schiffverkehr von Mainz bis zum Hafen Schröck, dem heutigen Leopoldshafen. Die zunehmende Industrialisierung in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts schlägt sich zunächst nur wenig im Stadtbild nieder, da noch die Mittel zum Bau großer Anlagen fehlen. Südlich des Ettlinger Tors wird 1837 die Maschinenfabrik Kessler & Martiensen errichtet, die 1841 die erste Lokomotive in Süddeutschland produziert. Der Eisenbahnbau sollte fortan die weitere wirtschaftliche Entwicklung Karlsruhes begründen, denn mit ihr erwuchs auch eine neue Form der Mobilität: 1843 wird der Bahnhof an der Kriegsstraße eröffnet, der die Strecke Karlsruhe – Heidelberg für den Personenverkehr und Güterverkehr ermöglicht. Zwei Jahre später folgt die Installation der ersten Gasbeleuchtung. 1848 ist das Großherzogtum Baden Zentrum des politischen Liberalismus in Deutschland. Die Krise des Vormärzes bremst die Entwicklung der Stadt mit mittlerweile 26.000 Einwohnern jedoch nur kurz.

Die Hochschullandschaft

Der Architekt Heinrich Hübsch (1795 – 1863), der als Nachfolger Friedrich Weinbrenners maßgeblich an der Weiterentwicklung des Stadtbildes arbeitete, errichtet 1832 das Verwaltungsgebäude des Polytechnikums, der heutigen Universität (TH). Die für 300 Schüler vorgesehene Hochschule wird 1861 von Friedrich Theodor Fischer (1803 – 1867) mit einem Anbau erweitert. Das Polytechnikum ist aus bereits bestehenden Lehranstalten zusammengesetzt, der von Heinrich Hübsch geleiteten Bauschule Weinbrenners, der Ingenieurschule Johann Gottfried Tullas und der Forstschule. Aus dieser Ansammlung geht 1885 die Technische Hochschule hervor, die neben gleichen Einrichtungen in Prag (1806) und Wien (1815) zu den ältesten der Welt gehört. 1902 erhält sie den Beinamen „Fridericiana“, 1967 wird ihr der Status einer Universität verliehen. Die 1878 gegründete „Großherzogliche Badische Baugewerkeschule“ ist heute die Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft. Den ehemaligen Sitz der Baugewerkeschule beansprucht jetzt die Pädagogische Hochschule als ihr Domizil. Johann Wilhelm Schirmer (1807 – 1863) war der erste Leiter der heutigen Kunstakademie und der damaligen Großherzoglich–Badischen Akademie der Bildenden Künste. An ihr studierten Maler wie Hans Thoma (1839 – 1924) und Anselm Feuerbach (1829 – 1880). Die Ansiedlung der Hochschulen um den erweiterten Stadtkern ermöglichte ein intellektuelles und kulturelles Leben und Treiben in der Stadt, das auch viele Gäste von auswärts anzog.

Die Weltkriege

Mit dem Stadtwachstum weicht das Fächerbild immer mehr den Formen der gründerzeitlichen Städteplanung, dem Rechteck, wird aber nie ganz verdrängt. Der wirtschaftliche Aufschwung, der sich baulich an der Peripherie der Stadt zeigt, findet mit dem Ersten Weltkrieg und dem daraus resultierenden Zusammenbruch des Deutschen Reiches ein jähes Ende. Durch die Abdankung der herrschenden Dynastien verliert das Schloss als Residenz seine Funktion. Dennoch blieb Karlsruhe Landeshauptstadt von Baden. Mit der Ausgliederung des Elsasses aus dem Deutschen Reichsverband wird die Verbindung mit dem westlichen Rheingebiet unterbrochen, was negative Folgen für die Maschinen- und Metallindustrie nach sich zog. Trotz der wirtschaftlichen Einbußen erfolgte der Ausbau des Stadtgebietes nach dem Ersten Weltkrieg stärker, als in anderen Städten in vergleichbarer Größe. Der Bahnhof wird an den Südrand der bis dahin bebauten Gemarkungsfläche verlagert. Durch die steigenden Preise für Bauflächen in der Innenstadt kommt es zu einem Ausbau der Vorstadtsiedlungen. Die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg verlief, im Vergleich zu anderen Städten, glimpflich. Viele Villen und Gebäude aus der Gründerzeit sind erhalten oder werden rekonstruiert, das Schloss jedoch brannte vollständig aus. Bis heute sind die beiden höchsten Hügel in der Stadt die zwei Schuttberge: Der Hügel in der Günther-Klotz Anlage und der Eulenberg im Stadtgarten. Karlsruhe verliert die Stellung als Landeshauptstadt, erhält jedoch, als „Ersatzfunktion“ 1951 den Sitz des Bundesverfassungsgerichtes und 1969 des Bundesgerichtshofes. Die Wiederaufbauarbeiten erstrecken sich über die zerstörte Innenstadt bis zur Errichtung neuer Wohngebiete und Siedlungseinheiten, wie die Waldstadt oder die Bergwaldsiedlung. Nach Kriegsende sind siedlungsstrukturelle Gegebenheiten ausschlaggebend für die Entwicklung des Stadtbildes. Die Nachkriegs-Moderne prägt seit den Achtziger Jahren die Bauformen der Stadt, die mit dem Umgang historischer Bauformen und experimentierfreudigem Stilpluralismus spielt.

Karlsruhe- Architektur im Blick,von Annette Ludwig, Hansgeorg Schmidt-Bergmann, Bernhard Schmitt, Karlsruhe 2005

Die Stadtentwicklung von Karlsruhe- Eine Darstellung der raumzeitlichen Entwicklung, von André Kilchenmann, Karlsruhe 1985

Sarah Wilhelm

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