Sprachverfall

Deutsch auf der Roten Liste für bedrohte Sprachen?

Das Jammern über den Verfall der deutschen Sprache hat Tradition. Seit Jahrhunderten wird gewarnt und gemahnt, sicherlich nicht immer ganz zu unrecht. Aber missionarischer Übereifer ist auch in diesem Falle unangebracht.

Die Seuche ist verbreitet und wohl nicht mehr aufzuhalten. Zum Glück – oder sollte man besser sagen: leider – tut sie nicht weh. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Manche Menschen verspüren tatsächlich wenn nicht körperlichen, so doch seelischen Schmerz, wenn sie den gruseligen Auswüchsen dieser Krankheit begegnen. Es ist die „Sänk ju vor träwwelling wis Deutsche Bahn“-Krankheit. Die Symptome sind unübersehbar, man stolpert allerorten über die Beulen dieser Pest. An Plakatwänden, in Telefonzellen, an Bahnhöfen, aber auch in unserer Alltagssprache: Überall machen sich Spracheigentümlichkeiten breit, die wohl suggerieren sollen, dass wir für den globalen Wettbewerb bestens aufgestellt sind. Irrigerweise Anglizismen genannt, tauchen derlei Begriffe auch und vor allem dort auf, wo sie eigentlich nicht hingehören. Manche Werbetexter sind offenbar bescheuert. Wohlgemerkt nicht alle, aber insbesondere jene, die sich von Telekom, Deutsche Bahn und Konsorten haben verdingen lassen. Scheinen sie doch allen Ernstes zu glauben, potentielle Kundschaft mit amerikanischen oder englischen, oftmals pseudo-englischen Begriffen ködern zu können. Es soll ja in Deutschland Leute geben, die des Englischen gar nicht mächtig sind. Hierbei muss es sich aber wohl um eine verschwindend geringe Minderheit halten, Quantité négligeable. Wer wird nicht von einer gewissen Verständnislosigkeit, ja Fassungslosigkeit ergriffen, wenn er oder sie in einer Anzeige von der „neuen TwinStar Riester-Rente“ liest? Twinstar? Wer hilft hier weiter? Wenn man es übersetzt, kommt nur Zwillingsstern oder vielleicht Doppelstern heraus. Was hat das mit unserer Rente zu tun, die wir aller Wahrscheinlichkeit nach doch nicht bekommen? Sprache ist immer auch ein Spiegel ihrer Zeit, und möglicherweise ist ein starker Wunsch nach internationaler Anerkennung, entstanden aus massiven Minderwertigkeitskomlexen, die eigentliche Triebfeder dieses Unsinns. Wer weiß, vielleicht heißt die Deutsche Bahn nach dem Börsengang bald German Railroad?

Freiheit vs. Beliebigkeit

Damit kein Missverständnis entsteht: Hier soll nicht den üblichen Nörgeleien Vorschub geleistet werden oder vorgeblichen Hütern und selbsternannten Schützern der Sprache eine Plattform geboten werden. Sprache ist etwas sehr lebendiges und unterliegt immerfort Veränderungen.Verhielte sich das anders, hätten wir wohl kaum Schwierigkeiten, barocke oder gar frühneuhochdeutsche Prosadichtung zu verstehen. Sprache ist durchaus ein organisches, sich bewegendes, dynamisches Wesen, das nie zur Ruhe kommt und sich fortwährend entwickelt. Soll Sprache nicht erstarren, braucht sie Freiheit der Bewegung. Sie will immer wieder neu geformt werden und verlangt nach spielerischem Umgang mit ihr. Freiheit ist allerdings etwas anderes als Beliebigkeit. Schludriger Umgang, törichter Gebrauch und schnoddrige Anwendung gefährden unseren wunderbar bunten und opulenten Sprachschatz eher, denn dass sie ihn bereichern. Da darf man dann schon mal anprangern und verreißen. Aber Vorsicht! Wenn man einmal damit anfängt, läuft man Gefahr, kein Ende mehr zu finden. Dabei ist es gleichgültig, ob man sich nun wundert, wie der englische Flyer das gute alte Flugblatt, der vermeintlich schicke Teaser den lange gebräuchlichen Vorspann verdrängen konnten, warum man erst die schwer erkämpften Raucherecken abschaffte, um danach Smoking Points einzurichten, oder ob man über Unsinnskonstruktionen wie vorprogrammieren (zu deutsch: vor-vorschreiben) lästert. Man steht von vornherein auf verlorenem Posten. Und wenn selbst schon professionelle Schreiber die Steigerung von Adjektiven und Partizipien nicht beherrschen, ist es angeraten, sich ein wenig in Gleichmut zu üben. Tatsächlich formulierte eine Moderatorin im WDR folgenden Satz: „Er ist einer der hochkarätigsten Schauspieler“. „Ja, geht‘s noch?“ möchte man verzweifelt ausrufen, aber wir bleiben gelassen.

Apropos China: Es war im letzten Sommer. Ich saß im Biergarten, mir stand der Sinn nach Alkoholfreiem. Eine hübsche Bedienung fragte nach meinen Wünschen. Ich bestellte einen Apfelsinensaft. Bald kehrte sie zurück und kredenzte mir einen Aprikosensaft. „Das ist ein Irrtum“, sagte ich. – „Aber Sie hatten doch Aprikosensaft bestellt?“ – „Nein, Apfelsinensaft.“ – Sie war sichtlich irritiert. Des Wortes unkundig, war sie durch die Alliteration verleitet worden. Ich wollte ihr helfen: „Apfelsine ist das deutsche Wort für Orange und bedeutet Apfel aus China“. „Ach so, O-Saft! Sagen Sie das doch gleich.“

Seit es die deutsche Sprache gibt, hat sie sich aus anderen Sprachen bedient, fremdsprachige Begriffe als Lehnwörter zu dem eigenen Sprachvorrat hinzugefügt, hat Latinismen, Gallizismen und anderes mehr gebildet. Dabei hat sie sich immer wieder als erfinderisch erwiesen. Ein tragbares Telefon schlicht und ergreifend Handy zu nennen, ist ein durchaus gelungener Schöpfungsakt, dem arrogantes Naserümpfen nicht gerecht wird. Das englische Wort handy bedeutet soviel wie bequem, handlich. Adjektive lassen sich substantivieren, also wird aus handy (bequem) problemlos das Handy (das Handliche). Klingt doch lustig: „Mist! Mein Akku ist leer. Kannst du mir kurz dein Bequemes leihen? Ich müsste dringend mal anrufen“. Sich statt des Rucksacks einen höchst anrüchigen Bodybag umzuschnallen, sollte man jedoch tunlichst vermeiden. Der Rucksack hat, wie die Begriffe Blitzkrieg, Brezel (pretzel) und Kindergarten, im englischen Sprachschatz eine zweite Heimat gefunden und ist ein eher gelungenes Beispiel für Sprachexport. Body bag aber heißt Leichensack.

Friedrich Trenkle

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