Sprache nicht mehr zu retten

Aus dem Alltag einer WG

Ich höre immer nur Sprachverlust. Wenn man sich aber der Sprachpflege widmen will, ist es auch wieder nicht recht. Zu Beispiel letztens in der WG. Ich war dran mit Kochen, es sollte Spaghetti geben. Ich stellte einen großen Topf mit Wasser auf den Herd, die Soße hatte ich schon zubereitet. Die nächsten Minuten nutzte ich, um mit meiner Freundin schon einmal den Tisch zu decken. Dabei entwickelte sich folgender Dialog: Meine Freundin Anna sagte: „Schatz, das Wasser kocht!“. Darauf ich: „Der Koch kocht, Wasser aber siedet. Wenn der Siedepunkt des Wassers, der bei einhundert Grad Celsius liegt, erreicht ist, dann gerät das Wasser in Wallung, die Wassermoleküle rasen, dass einzelne sich von der Restmenge lösen, und als Dampf sich scheinbar in nichts auflösen.“ „Und genau das nennt man seit alters her kochen, mein lieber Oberlehrer.“ „Oh, es ist mir bekannt, dass das Wort schon seit einigen Generationen so gebraucht wird, falsch ist es dennoch. Kochen ist ein sogenanntes Lehnwort, es stammt vom lateinischen coquere ab. Die Römer haben uns das Kochen beigebracht. Unsere germanischen Vorfahren kochten nicht, sie brauten, brieten und sotten. Leider ziemlich gewöhnlich und fade. Was die Römer da in ihren Töpfen und Pfannen hatten, war weit raffinierter. Und jeder Alemannenhäuptling, der jemals wegen diplomatischer Geschäfte vom Chef einer römischen Kohorte empfangen worden war, wird anschließend wehmütig geseufzt haben: Ach, könnte meine Zugehfrau doch nur, was des Römers coqua kann – kochen nämlich. So fing alles an.“ „Was du nicht sagst,“ (da war er, der leicht gereizte Unterton) „und was steht hier auf der Verpackung? Spaghetti in kochendes Wasser geben, na, was sagste jetzt?“ An dieser Stelle hätte ich besser den Mund gehalten. „Zugegeben, der Irrtum ist weit verbreitet. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass es immer noch ein Irrtum bleibt, den die Engländer übrigens nicht begehen. Die Angelsachsen haben den Römern zwar nicht in die Töpfe geguckt, ihnen aber dafür besser aufs Maul geschaut. Das hat ihnen bekanntlich einen Sprachschatz beschert, in dem manches doppelt vorhanden ist, denn sie können aus einem germanischen und einem lateinischen Fundus schöpfen. Bring the water to the boil, than add the pasta. Englisch to boil, italienisch bollire, lateinisch bullire, sieden, immer ist sieden gemeint. Übrigens, Wasserblase heißt im Lateinischen bulla. Klingelt bei dir da was? Schatz! Schatz? Aber wo willst du denn hin?“ „Du sagst, du willst kochen, statt dessen hältst du Vorträge. Jetzt koche ich! Vor Wut, du alter Rechthaber! Mir ist siedendheiß und mein Blut vor Aufregung in Wallung geraten. Bevor ich gänzlich überschäume, gehe ich. Ich hau‘ ab, zum Italiener um die Ecke. Ciao!“ Rumms, die Tür ist zu. Wen interessiert schon Sprachverlust, wenn Liebesverlust droht?

Friedrich Trenkle

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