Die vielen Gesichter Asiens

5000 Jahre Geschichte, 3,4 Milliarden Menschen und dazu neue Welt- und Wirtschaftsmacht

Im Zuge des aktuellen China-Hype wird gern vernachlässigt, dass auch Indien, Tibet oder Korea vermittlungswürdige Kunst hervorbringen. Asien beeindruckt, macht aber auch Angst. Der Westen schätzt insbesondere Kunst aus China, die sich mit den kapitalistischen Entwicklungen im Reich der Mitte kritisch auseinandersetzen.



Asien bietet durch den genuinen Sozialisationsmix eine Projektionsfläche für künstlerische Arbeiten aller Art und ermöglicht uns die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur. Da Länder wie China angesichts der Menschenrechtsverletzungen, Plagiaten und Umweltverschmutzung gerade in den Medien stark vertreten sind – ohne dies hier zu bewerten – wird insbesondere die Kunst aus China in Europa geschätzt. Die Wirtschaft hat diese Entwicklung längst erkannt. Der Asien-Boom der letzten Jahre liegt vor allem am Wirtschaftswunder in den Ländern Süd- und Südostasiens. Die New York Times sprach im Juli 2004 vom neuen „chinesischen Jahrhundert“ und stellte fest: „Das Land hat sich verändert, nun verändert es die Welt.“ Im Westen kennt man Chinas Kunstschaffende praktisch nicht. Das liegt daran, dass Menschen sich Stars erschaffen. Der rasche und tief greifende Wandlungsprozess brachte in China eine Menge sozialer Probleme mit sich. Dies stellt die politische Führung vor eine Herausforderung, bietet aber gleichzeitig den Künstlern eine Plattform für ihre Kreativität.

Ein Künstler Chinas

Einer dieser Künstler ist Ai Wei Wei, der seit Mitte der 90er Jahre – zumindest in Kunstkreisen – bekannt ist. Seine Kunst steht für eine Generation des Aufbruchs. Als Sohn des großen kommunistischen Poeten Ai Qing studierte er in New York. Dada und Konzeptkunst prägten ihn in diesen Jahren. Die Zerbrechlichkeit, die Auslöschung der antiken Kultur Asiens ist ein Grundmotiv seiner Arbeit. Im Jahr 2007 war Wei Wei sehr präsent in den Medien. Da er 1001 Chinesen zum Besuch auf die documenta 12 nach Kassel einlud. Als Architekt entwarf er mit Jacques Herzog und Pierre de Meuron das Nationalstadion „Vogelnest“ in Peking für die olympischen Spiele 2008. Für ihn ist China eine Art Labor, da er, wie er selbst sagt, Experimente liebt. Neben Wei Wei suchen viele chinesische Künstler Anschluss an den Westen. Die chinesische Kulturpolitik unterstützt diesen Weg. Die Kultur wird im modernen China ausdrücklich gefördert, um den nationalen Zusammenhalt zu festigen und gesellschaftlich erwünschte Werte zu vermitteln. Obwohl China seit 1990 kein klassisches kommunistisches Land mehr ist, wird die Kunst ebenso wie die Wissenschaft und die Wirtschaft entweder politisch-staatlich gefördert oder von Privatinteressenten und Investitionen gesteuert. Häufig führt dies zu einer verzerrten Wahrnehmung von Kunst und Wissenschaft als Markenzeichen und Imagefaktor. Dies zeigt, dass der Kunstmarkt in einem kommunistischen Land wie China anders funktioniert.

Kunst und ihre Einflüsse

Was die zeitgenössische Kunst in China betrifft, wurde erst in den letzten Jahren das Augenmerk der breiten Öffentlichkeit auf das Schaffen der einheimischen Künstler gelenkt. Eine Reihe inoffizieller Ausstellungen, wie zum Beispiel „Fuck Off“ im Jahr 2000 spielten dabei eine wichtige Rolle. Sie veränderten nach und nach die Arbeitsbedingungen der Künstler und ermöglichten die alten Fesseln des sozialistischen Realismus abzustreifen. Ausschlaggebend dafür war jedoch die politische Neuorientierung hin zu einer Politik der Reform und der Öffnung, die den Lebensstil und die Kultur des Westens in China durchsetzte bzw. ermöglichte. Dies spiegelt sich auch in den Werken zahlreicher chinesischer Künstler, die sich mit der Frage der kulturellen Identität befassen sowie dem Kampf zwischen alten und neuen Werten, der zurzeit in der chinesischen Gesellschaft ausgetragen wird. Da sich das Land seit der Kulturrevolution stetig verändert, sind viele Künstler auf der Suche.

Zeitgenössische Kunst auf dem Vormarsch

Der momentane Trend auf dem zeitgenössischen Kunstmarkt besteht in ideologischen Werken, welche die individuellen Ideen der Künstler repräsentieren. Einer von ihnen ist der Shootingstar der chinesischen Kunstszene Yue Minjun. Sein Markenzeichen ist sein Ebenbild. Mit seinem Selbstporträt, das ihn mit einem nervösen Lachen und einem fratzenartigen Gesicht zeigt, schaffte er es als einziger chinesischer Maler auf das Titelblatt der Time. Die Versteigerung eines seiner Bilder („Der Papst“) brachte seinem Besitzer bei Sotheby’s in London mehr als 3 Millionen Euro. Ein weiteres Bild („Execution“), das die Niederschlagung der Demokratiebewegung im Jahr 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens thematisiert, kostete um einiges mehr. Diese schwindelerregend hohen Preise sind auf das Interesse für asiatische Kunst der internationalen Kunstszene zurückzuführen. Als Beispiel dafür ist die Art Basel in Shanghai mit namhaften internationalen Galerien im Jahr 2007 zu nennen. Was den Kunstmarkt in China betrifft waren bis vor einigen Jahren die westlichen Länder unter sich. Der Wirtschaftsboom brachte jedoch auch in China Neureiche empor, die bereit sind, in Kunst zu investieren. So finden alle paar Tage Kunstauktionen, in den Metropolen entlang der reichen Ostküste, von Peking über Shanghai bis Kanton statt. Bei der Vermarktung von Kunst darf man Kunstmessen nicht vergessen. Sie spielen eine wichtige Rolle. Die KIAF (Korean International Art Fair) in Seoul zum Beispiel, ist eine der wichtigsten Kunstmessen Asiens. Knapp 150 der weltweit renommiertesten Aussteller sind auf der Messe für zeitgenössische Kunst vertreten.

Das Gesicht Pekings


Aber auch die Umgebung der Menschen verändert sich. Derzeit sind Duzende Wolkenkratzer im Bau oder im Planungsstudium. Die Silhouette der Metropole Peking verändert sich mit jedem neuen Tag. Villensiedlungen für Millionäre schießen in ganz China wie Pilze aus dem Boden während in der Hauptstadt an den olympischen Großbauprojekten eifrig gearbeitet wird. Eines der wichtigsten Bauwerke – und neues Symbol Pekings – ist wohl das neue Gebäude des chinesischen Staatsfernsehens CCTV. Architekt dieses Bauwerks ist kein geringerer als der Holländer Rem Koolhaas. Er ist Autor vieler Bücher und Schöpfer bedeutender Bauwerke auf verschiedenen Kontinenten. Unter anderem ist er Träger der wichtigsten Architekturpreise weltweit, Urbanist, früherer Journalist und Drehbuchautor. Sein Gebäude wird als eines der größten Bauwerke der Welt gepriesen. Da auch dieser Bau bis zu den Spielen im August fertig sein soll wird rund um die Uhr gearbeitet. Das heutige Kunstviertel „798“ mit seinen großen Schornsteinen im Osten Pekings war einst ein Industriegelände. Mittlerweile eröffnen dort immer mehr Galerien, Museen und Ausstellungshallen, die den Kunstmarkt antreiben. Die renommierte New Yorker „Pace Wildenstein Gallery“ eröffnet zum Beispiel am 8. August, also zur gleichen Zeit wie die Olympischen Spiele, in diesem Viertel eine großräumige Dependance. Auch sie hat erkannt, dass man Peking als Tor zum Kunstmarkt in Taiwan, Hongkong und ganz Asien nutzen kann. Und während die Auktionshäuser noch realistische Kunst zu Rekordpreisen versteigern, macht die Szene – wie könnte es im Land des Aufbruchs auch anders sein – bereits den nächsten Schritt. Denn die neue Künstlergeneration, die im Zeitalter von Internet, E-Mail und SMS aufgewachsen ist, verarbeitet ihre Eindrücke in neuen Formen. Festzuhalten ist, dass ohne ein tieferes Verständnis für die Geschichte, die Umstände und Hintergründe sowie die Beziehung des Landes zum Westen, die heutige chinesische Kunst und Kultur kaum angemessen zu verstehen ist. Dies macht eine inhaltliche Erforschung der zeitgenössischen asiatischen Kunst erforderlich. Denn nur wer sich diese Zusammenhänge verdeutlicht, erhält ein angemessenes und würdiges Bild einer Kultur, bei der es sich in der Tat um eine ganz andere Welt handelt.

Wanda Wirth und Laura Göckeler

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Eine Reaktion zu “Die vielen Gesichter Asiens”

  1. Reisenews

    Erlebnis Hongkong Art Festival…

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