China vs. Tibet

Unabhängigkeit unerwünscht – seit über 60 Jahren

Kaum ein Land hat sich in den letzten 60 Jahren so gravierend verändert wie China. Der Weg vom Agrarstaat hin zum Global Player hatte aber auch viele negative Auswirkungen. Die Unterdrückung und die Missachtung religiöser wie kultureller Traditionen von Minderheiten rücken durch den aktuellen Tibet-Konfllikt wieder in den Vordergrund.



Die Gründung der Volksrepublik China 1949 markierte das Ende des „Jahrhunderts der Demütigungen“, die die Chinesen durch die Engländer und die Japaner erleiden mussten. Der Bürgerkrieg um die politische Vorherrschaft fand sein Ende, ausgefochten zwischen den Nationalisten und den Kommunisten, namentlich vertreten durch Chiang Kai-Shek und Mao Zedong. Während die siegreichen Kommunisten das Land gemäß ihrer Ideologie und Weltanschauung ausrichteten, flohen die unterlegenen Nationalisten nach Taiwan, um dort ebenfalls eine Republik auszurufen. Bis 1958 erfreute sich China an einem bescheidenen Wirtschaftswachstum, das im Anschluss aufgrund von strengen Modernisierungsvorgaben („Großer Sprung nach vorn“) seitens der Kommunistischen Partei unterminiert wurde Das Land wurde in den Abgrund gerissen und kostete ca. 20-30 Millionen Chinesen das Leben. Die 1966 als Reaktion auf kritische Geister durch Mao Zedong ins Leben gerufene „Kulturrevolution“ krempelte die geistige Elite des Landes um und kostete wiederum Millionen Chinesen das Leben. Zehn Jahre lang litt China unter den „Roten Garden“, die das Land in Chaos und Anarchie stürzten. Alles, was gemäß der maoistischen Ideologie nicht ins proletarische Schema passte, wurde angegriffen: vor allem Literatur, Musik und Malerei wurde unterdrückt, verboten und auch zerstört.

Sozialistische Modernisierung

Erst nach Maos Tod und unter der Leitung Deng Xiaoping öffnete sich China im Jahre 1978 unter dem Motto „sozialistische Modernisierung“. Zentrale Elemente des Maoismus, wie der Klassenkampf wurden in ihrer Bedeutung herabgestuft und das Recht auf Privateigentum eingeräumt. Die damit einhergehenden tiefen Strukturveränderungen, zunächst auf dem landwirtschaftlichen Sektor, später auch in der Industrie und im Dienstleistungssektor, waren die Ursachen für das seit nunmehr 30 Jahren anhaltende chinesische Wirtschaftswachstum. Geprägt durch die kollektive Erfahrung der westlichen wie japanischen Überlegenheit auf militärischem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet bis 1945 kam es zu einer Neuausrichtung der Außenpolitik: Ziel der Modernisierung Chinas war die Herstellung und Mehrung der „nationalen Stärke“. Darüber hinaus war China bestrebt, sich als führende Nation in Weltpolitik und Weltwirtschaft zu etablieren.

China und Tibet

Die seit etlichen Jahren andauernden Unruhen zwischen China und Tibet haben eine lange Geschichte, die nun in die Schlagzeilen geraten. Was genau hat es auf sich mit dem Tibet-China-Konflikt? Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts nahm der chinesische Einfluss in die inneren Angelegenheiten Tibets zu. China mischte sich immer mehr in die inneren Verhältnisse seines Nachbarn ein und gewann zunehmend an politischer und militärischer Macht über das Land. Bis zur Erklärung der Unabhängigkeit 1912 durch das geistige wie politische Oberhaupt Tibets, dem Dalai Lama, war das Land mit China assoziiert: Tibet verwaltete sich selbstständig, während Peking für das Militär und die Außenpolitik verantwortlich war. Die Unabhängigkeit wurde seitens China nie akzeptiert, Tibet hingegen versäumte es sich diese allgemein international anerkennen zu lassen. Im Jahre 1950 marschierte China unter dem Kommando des Generals Liu Po-tscheng mit 80.000 Mann in Tibet ein und beendete endgültig die tibetischen Bestrebungen nach Unabhängigkeit: Ein Jahr nach der Gründung der Volksrepublik China wurde Tibet gewaltsam in seinen Staatsverband eingegliedert. Seit dem Einmarsch herrschten Willkür, sowie politische und religiöse Unterdrückung. Die Machthaber der Volksrepublik zerstörten einen Großteil der Lebensgrundlagen der tibetischen Bevölkerung. 1951 legte China in einem Abkommen unter anderem fest, dass der Dalai-Lama weiterhin als politisches Oberhaupt der Tibeter fungieren dürfe, forcierte aber gleichzeitig auch die weitere Eingliederung Tibets in die Volksrepublik China. Anfänglich zugebilligte Freiheiten, wie zum Beispiel Religionsfreiheit, Zusicherung der politischen Autonomie, die Respektierung der Sitten und Gebräuche, sowie die Ausübung der tibetischen Sprache und Schrift wurden im Zuge der Radikalisierung der chinesischen Innenpolitik während der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wieder eingeschränkt und stark behindert. Die ursprüngliche tibetische Bevölkerung, ein Volk nomadischer Struktur, wurde nach kommunistischem Vorbild in Volkskommunen gezwängt. Dabei verpflichtete man unter militärischer Bewachung Tausende von Tibetern zu Zwangsarbeit und enteignete lamaistische Klöster.

Flucht ins Exil

In Folge dieser Maßnahmen kam es 1959 zu einem Volksaufstand, der von der chinesischen Armee brutal niedergeschlagen wurde. Der Dalai Lama floh mit etwa 100.000 Tibetern ins indische Exil und bildete dort eine Exilregierung. China übernahm nun unmittelbar die Verwaltung Tibets. Zwar erhielt Tibet faktisch den Status eines autonomen Gebietes, die Machtfrage wurde aber eindeutig zu Gunsten Chinas geklärt. Die von Mao initiierte „Kulturrevolution“ versuchte die kulturelle Identität der Tibeter auszulöschen. Die Gesellschaftsordnung strukturierte man im kommunistischen Sinne weiter um, entmachtete den Panchen Lama und zerstörte lamaistische Klöster, Tempel und historische Bauten. Bei diesem Versuch der Vernichtung tibetischer Kultur und Religion kamen infolge der chinesischen Militärherrschaft viele Tibeter durch Hunger, Hinrichtung, Folter und Terror ums Leben.

Liberalisierung nach 1976


Nach dem Tod des chinesischen Politikers Mao Zedong im Jahre 1976 setzte eine Politik der Liberalisierung ein. Peking erlaubte sogar die Wiedereröffnung einiger einzelnen Klöster und bot dem Dalai Lama die Rückkehr an, unter der Bedingung, dass er auf die Unabhängigkeit Tibets verzichten würde. Im Jahre 1987 kam es erneut zu blutigen Unruhen, als lamaistische Mönche für die Trennung Tibets von China demonstrierten. Die chinesische Volksrepublik verhängte das Kriegsrecht über die tibetische Hauptstadt Lhasa. 1995 wurde ein neuer Panchen-Lama vom kommunistischen Regime berufen. Auch in der Folgezeit negierte man die Autonomieforderungen des Dalai-Lamas und seiner Exilregierung. Repressionskurs und intensive Ressourcenausbeutung wurden beibehalten. Im März diesen Jahres führten tibetische Demonstrationen gegen die chinesischen Machthaber erneut zu gewaltsamen Reaktionen seitens der Besatzer, wobei Peking den Militäreinsatz noch verstärkte. Diese restriktive Politik Chinas macht die Tibeter zu einer Minderheit im eigenen Land und könnte in naher Zukunft zum Verlust ihrer eignen Identität und Kultur führen. Die chinsesische Bevölkerungsentwicklung und die staatlich forcierte Einwanderungspolitik verstärken diesen Effekt. Mittlerweile ist der Dalai Lama von seiner Maximalforderung, der Unabhängigkeit Tibets abgerückt, fordert im Gegenzug aber einen friedvollen Dialog und mehr kulturelle und religiöse Freiheit für das tibetische Volk.

Clemens Bauer und Yvonne Czarnasiak

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