Lust auf Spielchen?

Neuer Leckerbissen am Unitheater

Amateurtheater – oft hat dieser Begriff den bitteren Nachgeschmack langweilig-zäher Inszenierungen von Sophokles oder Shakespeare, bei denen mehr oder minder Begabte ihr verkanntes Bühnenpotential zur Schau stellen. Das Unitheater Karlsruhe jedoch hat in den letzten Jahren mit diesem Vorurteil gründlich aufgeräumt und zeigt vor allem eins: gutes Theater von und mit Studenten.



Es ist der 5. Januar 2008. Die erste Probe des neuen Stücks „Gefecht in fünf Gängen“ am Karlsruher Unitheater. Nach dreimonatiger Vorbereitung der Konzeption und Suche nach der richtigen Besetzung stehe ich im Festsaal des Studentenhauses, umringt von einer 11-köpfigen Truppe. Acht Schauspieler werden in den nächsten vier Monaten unter meiner Leitung auf der Bühne lachen, weinen und ihr Herzblut opfern. Im Idealfall. Angst? Ja. Vorfreude? Ja! Denn wie Friedrich Schiller einst sagte: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.

Theater spielend leicht gemacht

Das Unitheater bietet dafür die passende Plattform für jedermann. Egal ob blutiger Anfänger oder schon semi-professionell – jeder kann spielen, inszenieren, gestalten, und revolutionieren, wie es ihm gefällt. Neue Ideen sind stets willkommen und eine überzeugende Konzeption die Eintrittskarte ins Reich der Dramatik. Tragödie, Komödie oder Satire, die Spiellust kennt keine Grenzen und findet immer wieder neue Wege der Umsetzung. Zu Beginn diesen Jahres konnte man Teil eines Live-Rollenspiels werden, bei dem jeder Gast einen Abend lang seine vorher ausgesuchte und abgestimmte Rolle spielte. Das ist Improvisation in Reinform und fand besonders bei Schauspielern von außerhalb großen Anklang. Neben diesen Höhepunkten gibt es zwei ständige Projekte am Unitheater. Der offene Theatertreff (OT) bietet Interessierten die Möglichkeit, Bühnenluft zu schnuppern und sich von der Spielfreude anstecken zu lassen. Für bereits Infizierte fungiert er auch als Trittbrett, um in neue Produktionen einzusteigen. Einmal pro Woche wird im OT unter wechselnder Leitung Improvisationstraining, Stimmbildung, Pantomime oder Tanz angeboten. Das zweite eigenständige Projekt des Unitheaters ist die Improvisationsgruppe „Schmitz‘ Katze“ mit regelmäßigen Auftritten im Studentenhaus, Jubez oder der Stadtmitte. Besonderes Highlight ist das Improtheatermatch mit befreundeten Spielern aus ganz Deutschland. Einmal jährlich findet das Theaterfestival „Theater oder so“ statt, das sowohl Eigenproduktionen wie auch Gastspiele vereint. Workshops zu verschiedenen Feldern der Theaterarbeit runden das Angebot ab. Das nächste Festival befindet sich momentan in der Planung und wird voraussichtlich 2009 stattfinden.

Die wollen doch nur spielen

Ende Februar laufen die „Gefecht“-Proben auf Hochtouren. Woche um Woche entsteht aus einem 48-seitigen Textbuch ein Gebilde, das in wenigen Wochen zu einem bühnenreifen Stück heranwachsen wird. Soll. Muss. Die Ideen überschlagen sich geradezu; Unterhaltungen werden mit einem „Warte mal kurz“ unterbrochen, Notizbücher gezückt und eilig ein neuer Gedanke eingetragen. Es wird gestrichen, ergänzt und alles wieder verworfen. Die sozialen Kontakte beginnen allmählich unter dem einseitigen Gesprächsthema zu leiden. Anzeichen von Suchtverhalten werden erkennbar. Da die Bühne oft für andere Projekte reserviert ist, wird sogar zwischen Bademänteln und Schaukelstuhl im kleinen, überfüllten Fundus geprobt.

Vom „Sparsam-Theater“ zur Spielwerkstatt

Das Unitheater Karlsruhe ist heute ein eingetragener Verein mit drei Vorständen und über hundert Mitgliedern. Darunter sind auch Berufstätige, die in ihrer Freizeit bei unterschiedlichen Stücken als Akteure, Regisseure, Bühnenbildner oder Techniker arbeiten. Vor der Vereinsgründung 1990 lag die studentische Theaterlandschaft jedoch keineswegs im Dornröschenschlaf. Es gab einige Gruppen mit seltsam anmutenden Namen wie das „Deutsch-römische Waschbrett“, „art de facto“ und „Sparsam Theater“, eine kreativ-fragwürdige Verballhornung aus „Spaß am Theater“. Mit der Eintragung als Verein fand sich eine Art Dachorganisation, welche als Spielwerkstatt für die einzelnen Gruppen fungierte und Dialog und Zusammenarbeit ermöglichte. Das Unitheater verfügt über relativ wenig Budget, doch in der Regel werden die Ausgaben wieder eingespielt. Bei ausgefallenen und finanziell aufwendigeren Produktionen, wie beispielsweise „Norbert“ – einem Stück, bei dem der Zuschauer direkt im Bühnen-Wohnzimmer sitzt und damit Teil der Inszenierung ist – sichert ein Antrag beim Programmausschuss die schwarze Null bei der Abrechnung. Dass Amateurtheater mit überwiegenden „low budget-Produktionen“ dennoch gute und erfolgreiche Aufführungen zeigen kann, bewiesen schon in der Vergangenheit unter anderem „8 Frauen“ oder die sehr beliebte „Entgleisung“, die Ende 2007 eine Wiederaufnahme feierte. Einen regelrechten Höhenflug startete dieses Jahr „Macbeth“, das am 28. April Premiere hatte. Regisseur Markus Sutmöller arbeitete mit einer 16-köpfigen Gruppe, wechselnder Hexen-Besetzung und einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln. Die Badischen Neuesten Nachrichten honorierten die Inszenierung mit einer sehr guten Kritik, die für mehrere ausverkaufte Vorstellungen sorgte.

Vorhang auf – das Spiel beginnt

Es ist Ende April. Die Premiere rückt näher, gleichzeitig sinkt die Energie. Regie bedeutet, Pädagoge, Psychologe und Projektmanager in einem zu sein. Terminkoordination, Teambuilding und Motivationstraining stehen ganz oben auf der Liste. Theater „nebenher“ entpuppt sich als wahrer Stressfaktor. In diversen koffeingetränkten Nachtschichten fertige ich Essays und Hausarbeiten an, um nicht exmatrikuliert zu werden. Der Rest der universitären Verpflichtungen bleibt in derselben staubigen Ecke des Zimmers wie zu Beginn der Semesterferien. Schwächere Proben rücken bei gemeinsamen Treffen mit Rotwein und „Germany‘s next topmodel“ kurzzeitig in den Hintergrund. Plakate und Flyer gehen in den Druck, Pressemitteilungen werden herausgeschickt, die mündliche Werbung läuft schon seit Wochen auf Hochtouren. Ab und an ergreift mich Wehmut angesichts des baldigen Probenendes und die Vorahnung eines tiefen Falls in ein sehr dunkles Loch. Doch es sind nur noch drei Wochen und für Sentimentalitäten bleibt keine Zeit. Und so renne ich, bepackt mit Requisiten und einem „Alles wird gut“ im Hinterkopf, zur nächsten Probe; mitten hinein ins Gefecht.

Sina Flubacher
„Gefecht in fünf Gängen“

Eine Inszenierung des Unitheaters Karlsruhe

Regie: Sina Flubacher

Premiere: 16.05.2008 20 Uhr im Studentenhaus

Weitere Vorstellungen und Infos unter www.unitheater.de/gefecht

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