Live Hardcore or die Indie

Zwei Musikstile und ihre Freiheiten

0804_plattenspieler.jpgTechno, House, New Wave, Elektro, Indietronic, Emo, Screamo, Heavy Metall: Dies ist nur eine kleine Auswahl der zur Zeit bestehenden Musikstile. Und es werden immer mehr. Sie alle zu kennen, ihre Besonderheiten unterscheiden zu können ist nahezu unmöglich. KA.mpus versucht zwei der großen Genres Hardcore und Indie in ihrer Entwicklung sowie ihre Gemeinsamkeiten und ihre Eigenheiten vorzustellen.

1981 in den USA: Ronald Reagan wird zum Präsidenten gewählt und die Gesellschaft entwickelt sich zurück zur bieder-spießigen Haltung der 50er Jahre. Eine Ausnahme bilden nur die Liebe liebenden Hippies. Aus dieser Situation und musikalischen Not heraus bildet sich eine neue Form des britischen Punks aus. Denn weder dieser noch der pompöse 70er Jahre-Glamrock konnten den Gefühlen vieler Musikhungriger Ausdruck verleihen. So zeugten sie den bösen kleinen Bruder – den Hardcore. Dieser radikalisierte die beiden Genres sowohl geschwindigkeitstechnisch als auch textlich. Als Väter des American Hardcore gelten Bands wie die Bad Brains, Black Flag und Minor Threat. Ab etwa 1984 entwickelte der Hardcore sich weiter. Einige der maßgebenden Bands lösten sich auf und es entstand eine neue Generation. Diese ließ sich von anderen Stilen wie dem Metall beeinflussen. Neben dieser Ausprägung – „New-School“ genannt – beeinflusste der Hardcore weitere Szenen. So etwa die Grunge-Bewegung sowie den Post-Hardcore und separierte sich damit endgültig vom Punk. Diese Entwicklung wird mit dem Ende der ersten Hardcore Hochphase in der Mitte der 80er Jahre gleichgesetzt. Doch lebte er weiter in all den Szenen und Bands, die er beeinflusste und auch viele Old School Hardcore-Bands sind heute wieder oder immer noch aktiv. In Deutschland stand die Bezeichnung Hardcore zu Beginn für härteren Punk. Beeinflusst von den britischen und amerikanischen Vorbildern ließ man sich zu einem schnelleren, härteren Spiel hinreißen. Eine auch über die Grenzen Deutschlands bekannt gewordene Band war z.B. Inferno. Die Weiterentwicklung des Hardcore und die Emanzipierung vom Punk fand auch hier Mitte der 80er Jahre statt.

Straight Edge

Hardcore grenzte sich aber nicht nur musikalisch von anderen Musikbewegungen ab. Eine wichtige Methode des Hardcore ist das „Do-It-Yourself-Prinzip“. Dieses strebt die vollkommene Unabhängigkeit von der Musikindustrie und der Gesellschaft an. Es unterstreicht den Glauben an sich selbst und an die Stärke Dinge aus eigener Kraft zu erreichen. Dieser Gedanke zeigt sich insbesondere darin, dass die Bands ihre Musik selber produzieren und aufnehmen. Sie vertreiben ihre Tonträger eigenständig und organisieren ihre Konzerte persönlich. Dies ist heutzutage wegen der Übermacht der Musikindustrie bedeutend schwieriger geworden. Doch das Internet brachte die Wende. Dank Plattformen wie MySpace können Bands ihre Musik promoten und sich eine Fanbase schaffen. Ein anderer wichtiger Aspekt des Hardcore ist die Politik. Dieser reicht von einfacher Anti-Haltung bis hin zu konstruktiver Gesellschaftskritik. Einige Hardcoreler verleihen ihrer Ideologie auch durch Straight-Edge Ausdruck. Zentral dabei ist der Verzicht auf Alkohol, Zigaretten, alle weiteren Drogen und wechselnde Geschlechtspartner, einhergehend mit veganer oder zumindest vegetarischer Ernährung. Entstanden ist Straight Edge vor allem in der Szene von Washington, D.C. rund um Bands wie Minor Threat. Der Veganismus kam vor allem durch den Krishnacore zum Hardcore. Äußerst bedenklich ist die Ausbildung von Nazi-Hardcore in den späten 90er Jahren. Nazis machten sich die Ausprägung des linksradikalen „Hatecore“ zunutzen. Sie setzten auf den extremen Hass-Gedanken, dem sie mit ihrer eigenen Gewaltbereitschaft Authentizität verliehen. Diese Entwicklung ist bedenklich und spiegelt leider die Taktik der neuen Rechten wieder in ehemals linke Gefilde vorzudringen und sich deren Symbolik anzueignen.

The Undying Truth

In und um Karlsruhe gab es Mitte/Ende der 90er Jahre einige mehr als akzeptable Hardcore-Bands. Die Baffdecks, Radical Development, Beatdown oder Pole* haben hier die Fahne der Szene hochgehalten. Karlsruhe galt sogar dank der Shows im Jubez als eine Art Vorort der Hardcore-Hochburgen New York und Boston. Dann flauten die Aktivitäten in diesem Bereich bis auf vereinzelte Shows im Substage wieder ab. Frischer Wind kam Anfang der 2000er mit dem Organisationsduo „Mount Caldera“ Sie begannen neue Shows in der etwas eingeschlafenen Szene zu organisieren. Offensichtlich schlummerte im Karlsruher Publikum Potential, denn die Konzerte wurden dankbar angenommen. So kommen nicht nur international angesagte Hardcore- und Metal-Bands wie Caliban, Heaven Shall Burn, Comeback Kid, Darkest Hour, Parkway Drive oder As I Lay Dying nach Karlsruhe, es wird auch immer wieder heimischen Bands die Chance gegeben, diese zu supporten. Dadurch erlangen diese ein neues Selbstvertrauen um an Newcomer-Wettbewerben teilzunehmen und auf Festivals zu spielen. Von Bands wie My Elegy, For A Day Of Sorrow, Storm The Shore, u.v.m. dürfen wir noch einiges erwarten. Karlsruhe hat den Hardcore wiederentdeckt.

Off the rails

Der Name Indie wird abgeleitet aus Independent. Bands, die nicht bei globalisierten Konzernen (Major Labels) unter Vertrag kommen, sondern bei kleinen unabhängigen Labels, heißen Independent. So gesehen ist Indie gar keine Musikrichtung, sondern beschreibt die unabhängig von den Major Labels produzierenden Bands. Gemeinsamkeiten dieser Gruppen sind Musik abseits des Mainstreams, Musik der Musik und nicht des Geldes wegen und sie sind wie auch der Hardcore Verfechter einer Do-it-yourself-Ideologie. Die Indie-Tonwelt in eine Kategorie einzuordnen ist fast unmöglich. Subgenres, Vermischungen und Überschneidungen erschweren eine ausgeklügelte Definition. Es darf sich nahezu alles Indie schimpfen, was irgendwie mit Rock, Alternative, Punk, Grunge, New Wave, Industrial und Elektro zu tun hat. Schön war noch die Zeit, in der Indie-Bands anhand des „The“ vor dem Bandnamen identifiziert werden konnten. Man denke an The Strokes, The Hives, The Kooks, The Smiths, The Libertines … Britischer Indie (Britpop) ist ein Subgenre des Indie-Rock und wird unter anderem durch Bands wie Oasis, Blur, Arctic Monkeys und Franz Ferdinand vertreten. Indietronic ist eine Kombination von Indie-Pop und elektronischer Musik, sehr schön umgesetzt von The Notwist.

Gorillas im Küstennebel

Unter der grünen Decke Karlsruhes sprießen einige wenige Indie-Bands hervor. Allerdings hat noch keine den deutschlandweiten Sprung geschafft. „Reine“ Indie-Konzerte sind seltene Ausnahmen und nur mit etwas Glück findet man Auftritte. Denn sehr verbreitet ist die Independent-Szene in Karlsruhe nicht. Die heimische Band Leu setzt sich aus drei selbsternannten Cowboys zusammen, die ein Mix aus Indie, Jazz und Surf spielen. Festlegen auf einen Stil wollen sie sich aber nicht. Was sie an Karlsruhe reizvoll finden ist höchstens die „Pyramide in der Mitte mit einem öffentlichen Klo drunter“. Hauptsächlich geht es doch ums Musik machen, egal wo. Weitere Karlsruher Indie-Bands sind Rosskopf, Neon Karma, Inez und Blinding Zoe. Bei letzteren hat die Presse damit angefangen, Blinding Zoe in die Grunge- und Indieschublade zu stecken, obwohl das ihrer Meinung nach nicht ganz ihrem Musikstil trifft. „Indie“ bedeutet für sie, dass sie keinem Trend folgen und auf irgendwelche Züge aufspringen, sondern stets ihr eigenes Ding durchziehen. Die drei Jungs finden, dass zumindest in Karlsruhe und Umgebung der Metalcore dominiert, und dass die härtere Gangart wohl eher angesagt ist als z.B. Indie. Rosskopf startet zusammen mit RIK (Rock Initiative Karlsruhe) e.V. eine Indie-Konzertreihe. Bei diesem „five in a row“ Konzept werden drei Bands aus Karlsruhe und zwei aus dem weiteren Deutschland präsentiert. Ein Versuch, Bands aus der „MySpace“-Falle auf die Bühne zu bringen. Für Neon Karma bedeutet Indie, Ideen auf die eigene Art und Weise umzusetzen. Die vier Jungs finden sich bei jedem Konzert neu, beschweren über mangelndes Publikum müssen sie sich nicht. Das Carambolage gilt wohl nach dem Ableben des K5 als der Indie-Schuppen. Hier finden regelmäßig Alternative-Partys statt und jeden Sonntag die Mutter aller Indie-Partys: Faster Forward.

Teil einer Jugendbewegung

Indie as we wanna be: Indie als Lebensgefühl, das ist mehr als in Chucks, Ringelshirts und Röhrenjeans herumzulaufen. Die Indie-Bewegung erfährt gerade einen Hype – kein Wunder in der Zeit des Kapitalismus und bedingungslosen Kommerz – denn Indie verkörpert Individualismus, Freiheit, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit vom System und produziert nebenbei noch gute Mukke. Wenn Indie allerdings zum neuen Mainstream wird, verliert es seinen Kultstatus. Der Verdacht wächst, dass Indie vielleicht nur ein weiterer erfundener, vollkommen überflüssiger Begriff der Medien ist, weil Indie praktisch alles sein kann. Aber so lässt es sich besser verkaufen. Die ganz große Masse wird Indie wohl nie ansprechen. Dafür ist es eben einfach zu Indie(pendent).

Cora Sessler und Irina Timm

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2 Reaktionen zu “Live Hardcore or die Indie”

  1. Rosskopf

    Das Internet als Publikationsmittel ermöglicht das Verlinken von Text mit anderen Texten & Seiten:::: Drum noch als Information für euch – was zum Reinhören und Entdecken

    Thema Indie:
    Rosskopf
    http://www.myspace.com/rosskopf
    LEU
    http://www.myspace.com/leuspace
    Blinding Zoe
    http://www.myspace.com/blindingzoe
    Neon Karma
    http://de.myspace.com/neonkarmamusic
    Inez
    http://www.myspace.com/inezvogel

    Gruß
    Rosskopf

  2. Alex

    hey, klar gibts indie in karlsruhe! geht nur keiner hin ;-)

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