frei Schnabel: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

Manchmal ist es schon eine Krux: Das große Nachrichtenmedium der Zukunft erstickt in beliebiger Wiederholbarkeit von Psychotests, Bildergalerien und Nonsens-Nachrichten.

Alle Jahre wieder werden alte Bildergalerien ausgepackt, die schon bei ihrer Entstehung alt und unkreativ waren und nur dazu dienen, die „page impressions“ nach oben zu schrauben, damit der Betreiber von sich selbst sagen kann, er habe so und so viele Seiten ausgeliefert – denn jedes Bild zählt in allen Statistiken genausoviel wie ein kompletter Artikel: Nämlich eins. So klickt sich der Besucher durch die Bilder und im Hintergrund zählt jemand mit: Eins. Noch eins. Noch eins. Jedes Bild steigert den Wert der Website. Daher seit langem ein großer Trend: „Mundus.de zeigt Ihnen die schönsten (Blablabla)“. Stars, Schauspielerinnen, Society-Girls und was man nicht so alles mit dem Attribut „schön“ in Verbindung bringen kann. Weil dem Betrachter dies schnell langweilig wird, sind neue Ideen gefragt. So wird dann das alte Konzept der Umfragen aufgewärmt. Voller Elan wird den Besuchern ein schweres und vielschichtiges Thema vorgelegt. Und die sollen dann mit ja oder nein auf Fragen antworten, die meist nur mit einem beherzten einerseits-andererseits diskutierbar sind. Also besser gar nicht erst die großen Themen anpacken sondern lieber ein harmloses Quiz oder einen Persönlichkeitstest anbieten. Die Klickraten sind dabei noch besser als bei Umfragen und der Sinn ist dem Besucher sofort evident: „Hätten Sie die Millionen beim Jauch abgeräumt?“ oder jene Fragen, die vorgeben, Aufschlüsse über die psychische Verfasstheit des Antwortenden zu geben sind dabei ganz besonders erfolgreiche Fragestellungen. Sehnsüchtig erklicken wir uns alle die Persönlichkeit, die wir schon immer sein wollten – gleichwohl niemals werden werden. Schlüsslich hat jeder Psychotest den einen Haken: Ehrlicherweise müssten alle drei oder vier Antworten angeklickt werden – was aber nicht möglich ist. Ein Test, ein Ergebnis: Jeder Einzelne ist eine von drei möglichen Persönlichkeiten. Nicht einmal das einfache Quiz schneidet besser ab: Gefragt sind (wie im Fernsehen) nur windige Informationen, die mit Hilfe einer bekannten Suchmaschine im Internet binnen Sekunden zu erhalten sind. Aber auch die Befriedigung, ein beliebiges Quiz binnen Sekunden fehlerfrei zu lösen hält nicht ewig. Viel besser ist doch, nicht Informationen zu finden, sondern Welten zu erschaffen. Ein etabliertes Magazin würde es nie wagen, aber: Warum denn nicht den Leser an der Gestaltung unserer Welt teilhaben lassen? Wikipedia ermöglicht uns das: Zu Wissen wird, wie wir die Welt haben wollen, und so wird aus einem Wunsch Realität und die wird Fakt. So können wir uns alle eine Wirklichkeit erschaffen, die unsere Wünsche reflektiert und nicht unsere Ängste. Mitmach-Web 2.0 ist tot, lang lebe die Mitmach-Realität 2.0 (im Internet natürlich: Das ist klar).

Hans-Georg Kluge

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