Der Tatort

Quotenrenner mit Kultstatus

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Sonntag für Sonntag lassen Krimifans ihre Woche mit dem Tatort ausklingen. In dutzend Städten treffen sich begeisterte Fans in den Kneipen zum gemeinsamen Fernseherlebnis- in Karlsruhe im „Kap“. Neben der Tagesschau ist der Tatort seit 1970 das Markenzeichen der ARD.

Haupttäter dieses Erfolgskonzepts ist Horst Jaedicke, der Fernsehdirektor des damaligen SDR in Stuttgart. Er war es, der die Fachredaktionen in den einzelnen Rundfunkanstalten der ARD zur Zusammenarbeit bewegte und somit den Grundstein für dieses föderative Gemeinschaftsprodukt legte. Dabei war anfangs gar keine Reihe mit festen Darstellern geplant. Der Programmplatz des Tatorts, wie wir ihn heute kennen, sollte lediglich für Krimis reserviert werden, die die beteiligten Sender in Eigenregie produzieren sollten. Die einzigen zwei Vorgaben waren damals der Verzicht auf den Studiodreh (in Abgrenzung zur ZDF-Reihe der Kommissar) und das vorhandene Lokalkolorit. Sprich, die regionalen Besonderheiten der Stadt oder Gegend, in der ermittelt wird, sollten in die Handlung eingebunden werden.

Föderatives Erfolgskonzept

Das Lokalkolorit ist nur ein Teil des Konzepts. Die einzelnen Rundfunkanstalten der ARD sind für ihr jeweiliges Sendegebiet selbst verantwortlich und verfügen alle über eigene Kommissare. Momentan sind 15 Ermittler in ganz Deutschland verteilt; der Tatort hat dem zufolge sowohl eine feste, als auch eine ständig wechselnde Besatzung. Jedes Ermittlerteam ist in seinen jeweiligen Wirkungsbereich eingebettet, hat dort seine eigene Vergangenheit, die verschiedensten sozialen Konstellationen und Insider. Der Zuschauer hat die Wahl. Gefällt einem die forsche Art der Lena Odenthal weniger, so freut man sich eben auf den nächsten Tatort mit dem süffisanten Pathologen Boerne. Für den – nicht zu unterschätzenden – Wert der Wiedererkennung ist trotz Abwechslung gesorgt. Dadurch dass die Zahl der wechselnden Teams begrenzt ist, kennt der Zuschauer in groben Zügen die Geschichte der einzelnen Ermittler und findet sich in Andeutungen oder Zankereien, die jedes Team gelegentlich beherrschen, zurecht. Die meisten Tatortfans favorisieren zwei bis vier Ermittler und haben in deren Folgen denselben Anteil an Gewohntem, wie ihn sonst lediglich Serien mit nur einer Hauptfigur bieten können. Dieses einzigartige Konzept macht den Tatort so erfolgreich und immun gegen einen unbeliebten Ermittler oder ein schlechtes Drehbuch. Das kann zwar mal die Quoten für einen Abend drücken, wirkt sich aber nur selten auf die Beliebtheit des Tatorts an sich aus.
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Über 37 Jahre Krimispannung

In derzeit knapp 700 Folgen haben über 70 Kommissare/Teams ermittelt. Die erste Episode hieß „Taxi nach Leipzig“ und wurde am 29. November 1970 ausgestrahlt. Viele bezeichnen den Tatort als Spiegel der Gesellschaft. Kein anderes deutsches Fernsehformat greift so häufig aktuell diskutierte Themen und Stimmungen der Bevölkerung auf. So arbeitete man in den ersten Folgen den Konflikt verschiedener gesellschaftlichen Schichten in das Drehbuch ein. In der Figur des Schimanski fand sich erstmals ein Kommissar, der eindeutig der Arbeiterschicht zuzuordnen war. 1978 machte sich die Emanzipation auch im Tatort bemerkbar, als Nicole Heesters die erste Kommissarin verkörperte. Zwar wurden mit ihr nur zwei Folgen ausgestrahlt, aber sie machte den Weg frei für erfolgreiche Nachfolgerinnen wie Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki). Nicht nur die Aufnahme von Frauen in die Riege der Ermittler veränderte den Tatort. Waren anfangs eher einzelne Ermittler üblich, traten im Laufe der Zeit immer mehr Teams auf die Bildfläche. Ebenso veränderte sich die Darstellungsweise der Kommissare, aus grob gezeichneten Figuren ohne Vornamen wurden komplexe Charaktere mit Vergangenheit und eigenen Problemen. Das jüngste Beispiel dafür, dass der Tatort bundesrepublikanische Realität nachstellt, war der kürzliche Verzicht auf Ausstrahlung eines Tatorts. Dieser wies pikante Parallelen zu dem Brand in einem Ludwigshafener Wohnhaus auf und die ARD verzichtete darauf, um die Situation nicht zu verschärfen. Ein Tatort von 2007, der von sexuellem Missbrauch in einer türkisch-alevitischen Familie handelte, hatte bereits für heftige Demonstrationen der Aleviten in Deutschland gesorgt.

Wusstet ihr, dass…

Es gibt viele Fakten über den Tatort, die nicht einmal eingefleischten Fans bekannt sind. Wer wusste, dass Berühmtheiten wie Bela B, Herta Däubler-Gmelin oder Dieter Bohlen bereits Gastauftritte hatten? Oder Nastassja Kinski mit ihrem ersten Fernsehauftritt 1977 durch Nacktszenen zur besten Sendezeit schockierte? Dass der Tatort „Haie vor Helgoland“ von 1984 später zur Vorlage eines realen Raubes dienen sollte, ist ebenfalls kaum bekannt. Wenige wissen, dass Udo Lindenberg bei Einspielung der Titelmusik hinter dem Schlagzeug saß oder dass der Tatort auch im Kino lief und unter anderem zweimal mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Und was für Tatortfans besonders interessant sein könnte: Tatort gibt’s jetzt auch zum Hören. Vom 5. – 9. März 2008 wird der dritte radioTATORT gesendet. (Infos: www.tatort-radio.de) Jeder kennt den Tatort und auch wenn ihn nicht alle lieben, überraschen kann er alle.

Franziska Hoffmann

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