Narri Narro! Alaaf! Helau!

Ein Streifzug durch das närrische Brauchtum

Egal ob Fastnacht, Fasching oder Karneval: zwischen Winterende und Frühlingsanfang steht sie im Kalender, die „fünfte Jahreszeit“. Im Süden wird wild, im Westen aristokratisch geschunkelt. Trotz regionaler Unterschiede immer bunt, immer laut und immer fröhlich. Eine kleine Einführung in die Welt des kostümierten Frohsinns.


Selten ist die närrische Zeit so kurz und der Rosenmontag so früh wie in diesem Jahr. Das Datum 4. Februar ergibt sich aus der Berechnung des beweglichen Ostersonntags. Diese erfolgt nach den Mondphasen und schwankt bis zu vier Wochen, was sich auf das Datum des Rosenmontags auswirkt. Mehr Planungssicherheit bietet dagegen der jährliche Start der Narretei, der mit dem fixen Datum des 11. 11. und der Uhrzeit 11:11 Uhr genauestens festgelegt ist. Die 11 gilt als teuflische Zahl, da sie die 10 Gebote überschreitet und die 12 Apostel nicht erreicht. In der Advents- und Weihnachtszeit ebbt das närrische Treiben wieder ab, bis es im neuen Jahr seinen Höhepunkt mit „schmotzigem Donnschtig“ und Rosenmontag findet. Doch woher kommen diese Bräuche?

4-viele_haensele.jpg

Fleisch lebe wohl!

Die Ausdrücke „Fasching“, „Fastnacht“ oder auch „Fas(e)net“, entstanden aus dem Wort „vastschanc“, das den letzten Ausschank vor Fastenbeginn bezeichnet. Ursprünglich handelte es sich dabei um ein großes Gelage, bei dem man die verderblichen Lebensmittel „vernichtete“, die während der Fastenzeit nicht verzehrt werden durften. Daraus entstand auch der Begriff „Karneval“, der als scherzhafter Abschied „Fleisch lebe wohl!“ (carne vale!) dieses Ereignis beschreibt. Über die Jahrhunderte entwickelte sich dieses Fest zu einem gesellschaftlichen Ereignis mit Spiel, Tanz und Spaß. Die Verkleidungen stellten oft Kritiken an den Obrigkeiten dar. So könnten sich Teufels- und Dämonenfiguren daraus entwickelt haben, dass die Kirchen die Fastnacht mit dem Teufelsstaat gleichsetzte. Der Narr als zentrale Figur der Fastnacht steht für Vergänglichkeit, Gottesferne und Tod. Die schwäbisch-alemannische Fastnacht, wie sie im südlichen Baden-Württemberg gefeiert wird, hat ihre eigenen Traditionen bis heute beibehalten. Nach einem Abflauen der Fastnacht im 19. Jahrhundert erlebte sie um 1920 durch Gründung neuer Narrenzünfte eine Wiederbelebung. Die Bezeichnung „Zunft“ sollte das Ganze seriöser wirken lassen. Die alteingesessenen Gemeinschaften haben begrenzte Mitgliederzahlen und strenge Regeln: Einige lassen beispielsweise keine Frauen zu. So gründen sich bis heute neue Narrenvereine. Ein Großteil der Zünfte entstand in den 1990er Jahren. Diese können zwar nicht auf eine lange Tradition zurückblicken, orientieren sich aber an den schon bestehenden. Heute gibt es rund 200 000 aktive Narren die sich auf ca. 1 700 Narrenvereine verteilen.

Köln, Kohle, Karneval

Der rheinische Karneval entwickelte sich anders. Hier wurde der „Held Karneval“ in den Mittelpunkt des närrischen Treibens gestellt. Aus ihm entwickelte sich der Karnevalsprinz wie man ihn heute kennt. Jedes größere Dorf hat seine eigene „Tollität“, die abwechselnd von einer der Karnevalsgesellschaft für eine Saison – im Rheinland Session genannt – gewählt wird. Oft findet man aber auch ein Prinzenpaar und als Verkörperung des Karnevals sind Prinz und Prinzessin die Stars der närrischen Zeit. Das Ganze ist aber nicht nur Spaß und Freude für die beiden: Rund um die Uhr haben sie Termine, verbreiten Frohsinn auf Kostümbällen aber auch in Krankenhäusern, Schulen und anderen karitativen Einrichtungen. Hoch oben auf der Terminliste stehen örtliche Betriebe und Unternehmen, die als Sponsoren das nötige Kleingeld beisteuern. Denn professioneller Karneval ist ein teurer Spaß, der auch kleine Gesellschaften schnell mehrere zehntausend Euro kosten kann. Kostüme, Wurfmaterial, Wagenbau, Herren-, Weiber- und Kindersitzung sind nur einige Punkte, deren Finanzierung zum Gelingen der Session auf die Beine gestellt werden wollen. Die Stadt Köln ist die größte Karnevalshochburg im Rheinland. Hier regiert nicht nur ein Prinzenpaar, sondern sogar ein Dreigestirn bestehend aus Prinz, Bauer und Jungfrau. In Anspielung auf das Mittelalter symbolisiert der Bauer die Wehrhaftigkeit der Stadt, verdeutlicht durch sein Kettenhemd und den Dreschflegel. Die Prinzessin steht für die Schönheit der Stadt. Zusammen mit der Bezeichnung „Jungfrau“ symbolisiert ihre Krone die Uneinnehmbarkeit Kölns. Allerdings steckt auch im Kostüm der Jungfrau traditionell ein Mann. Das Dreigestirn wird von einer der gut 100 Karnevalsgesellschaften gestellt, die sich zum „Festkomitee Kölner Karneval e.V.“ zusammengeschlossen haben.

5-karneval_dreigestirn.jpg

Zuckerbrot und Karbatsche

Eine Hauptfigur wie den Prinzen gibt es im süddeutschen Raum nicht. Hier stehen die Narrenzünfte selbst im Mittelpunkt. Zur Einstimmung auf die Höhepunkte der Fastnacht wird am Dreikönigstag das „Häs“, das zunfttypische Kostüm, „abgestaubt“. Ein anderer Brauch ist das „Einschnellen“, aber nur dort, wo die Narren als Utensil eine „Karbatsche“ tragen. Dabei handelt es sich um eine Hanfpeitsche, die mit viel Übung und einer guten Technik zum Knallen gebracht wird. Die „hohe Zeit der Narretei“ beginnt für die meisten am „schmotzige Donnschtig“. Der Ausdruck leitet sich vom süddeutschen „Schmutz“ für Fett oder Schmalz ab, in dem die Fastnachtsküchle gebacken wurden. Die Bräuche variieren: Vormittags gibt es je nach Gebiet Schulbefreiung, Rathaussturm, Schlüsselübergabe oder Fastnachtsausrufen. Nachmittags wird der Narrenbaum gesetzt: Eine ca. 30 Meter hohe, bis auf die Spitze entastete und geschmückte Tanne. Die Umzüge finden meist zwischen Fastnachtssamstag und -dienstag statt. Begleitet werden diese von Musikkapellen, die den jeweiligen zunfteigenen „Narrenmarsch“ zum Besten geben. Mit dem Narrenruf „Narri Narro“ können sich Zuschauer Gaben wie Brezeln, Süßigkeiten oder Orangen ergattern. Beschlossen wird die Fastnacht mit dem „Kehraus“. Dabei wird am Fastnachtsdienstag um Mitternacht unter viel Trauer die Fastnacht, meist in Form einer Hexenpuppe, begraben oder verbrannt.

D’r Zoch kütt!

Auch im Rheinland sind die Umzüge der Höhepunkt des Karnevals. Hier sticht Köln ebenfalls hervor, denn der Kölner Rosenmontagszug ist der größte seiner Art in Deutschland. Ihn gibt es seit 1823, allerdings fiel er einige Jahre aufgrund von Kriegen oder Verboten aus. Zuletzt war dies 1991 der Fall, Grund war damals der zweite Golfkrieg. Doch dieses Jahr werden wieder mehr als eine Million Menschen an der 6,5 Kilometer lange Zugstrecke erwartet und den traditionellen Ruf „Kölle – Alaaf!“ erklingen lassen. Dieser geht zurück auf den alten Trinkspruch „Kölle al aff!“ der so viel heißt wie „Köln über alles“. Nicht zu verwechseln mit dem im Mainzer Raum verbreiteten „Helau!“, das im Rheinland nicht gern gehört wird. Allerdings müssen die Zuschauer des Rosenmontagszuges viel Ausdauer haben: Die 99 Festwagen und Kutschen, die 124 Musikkapellen und unzählige Fußgruppen haben eine Vorbeimarschzeit von mehr als vier Stunden. Die gut 10 200 Zugmitglieder werfen mehr als 150 Tonnen Süßigkeiten unter das närrische Volk. Beschlossen wird der rheinische Karneval ähnlich wie die schwäbisch-alemannische Fastnacht. Auch hier wird vielerorts eine Strohpuppe verbrannt. Dem „Nubbel“ wird dabei die Schuld an allen begangenen Missetaten während der Karnevalszeit gegeben, die mit ihm in Flammen aufgehen. Doch kaum ist der letzte Strohhalm verglommen laufen schon die Vorbereitungen für die nächste Session, wenn es wieder heißt: „Narri Narro! Alaaf! Helau!“

Cora Sessler und Sebastian Felske
5-comic_k.jpg

Bookmark Tools
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Google Bookmarks
  • MisterWong
  • Digg
  • Netvibes
  • StumbleUpon
  • Add to favorites

Einen Kommentar schreiben