Ein StudiVZ-Requiem

Das Netz, seine Nutzer und sein Nutzen

12-svz.jpgDas deutsche Studentennetzwerk hat ein kleines Erdbeben ausgelöst, als es ankündigte etwas zu tun, ohne zu sagen, was getan werden würde. Während die Betreiber versuchen, die Wogen zu glätten und zu erklären, was ursprünglich gemeint war, sorgen sich die Nutzer zunehmend um ihre Privatsphäre.

„Mich findet niemand mehr“, sagt Stefan (25) über die Möglichkeit, ihn im StudiVZ zu finden. Das Studentennetzwerk habe ihn enttäuscht und er habe kein Vertrauen mehr zu den Betreibern, da er sich nicht mehr darauf verlassen könne, dass seine Daten und Bilder, die er auf sein Profil gestellt hat, sicher vor Verkauf und Missbrauch sind. Doch was war passiert?

Mitte Dezember 2007 ist das Studentennetzwerk StudiVZ in die Schlagzeilen geraten, weil es in einer E-Mail angekündigt hatte, seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen, kurz AGB, zu ändern. Eine knappe Einleitung machte den Nutzer auf die Notwendigkeit der Änderung aufmerksam, verzichtete jedoch darauf, die geplanten Neuerungen zu erwähnen. Schon wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Pläne stellten verschiedene Nachrichtenseiten fest, dass die neuen AGB nicht nur personalisierte Werbung ermöglichen, sondern dem Betreiber des Netzwerkes auch das Recht gaben, Werbebotschaften via SMS, E-Mail und Instant Messenger zu verschicken. Einige Juristen sahen zudem die Möglichkeit, dass manche Formulierungen erlauben könnten, die Daten der Nutzer zu verkaufen. Auch die Regeln des Abmeldens, der sogenannten ‚Exmatrikulation‘, wurden geändert. Fortan sollten die Daten des Nutzers nicht mehr gelöscht werden, sondern nur noch unsichtbar sein. Nach einer Welle der Empörung änderte man kurzerhand einige Punkte ab. Keine Werbung mehr per SMS und Instant Messenger und die Daten der Nutzer werden tatsächlich gelöscht. Der Anwaltskanzlei, die die AGB im Auftrag der StudiVZ formulierte, wurde das Mandat entzogen. Missverständnisse seien es gewesen, die diese Unruhe ausgelöst hätten. Denn niemand hätte jemals vorgehabt, Daten der Nutzer zu verkaufen.

Missverständnisse?

Erheblich problematischer sind denn auch andere Aspekte des neuerlichen ‚Studigate-Skandals‘. Von Beginn an hatte das Unternehmen ein Kommunikationsproblem. Zunächst war es einer der Gründer, Ehssan Dariani, der sich mit seinen skurrilen Ansichten, Party-Einladungen und Filmchen zu profilieren suchte. Und dann Mal ums Mal ominöse Missverständnisse ins Felde zu führen wusste, deretwegen seine denkbar guten Absichten nicht zum Vorschein gekommen seien. Selbstverständlich war es auch nur ein Missverständnis, dass eine Stalkergruppe nicht sofort gelöscht wurde, und dass möglicherweise der Eindruck entstehen konnte, ein leitender Angestellter habe in die Gruppe eintreten wollen.

Vor diesem Hintergrund scheint es zumindest fragwürdig, warum im Hause StudiVZ keine Anstrengungen unternommen worden sind, eine offenere Kommunikation zu pflegen. Diente die Unternehmenskommunikation der Vermittlung, so wären erklärende Worte zu den Neuerungen der AGB selbstverständlich gewesen. So aber wurde ein elfseitiger juristischer Text mit knapp zwanzig Zeilen wärmender Worte eingeführt. Der daraus folgende Schrecken vieler Nutzer ist nur zu verständlich. Den Nutzer mit diesem gefühlten Geschäftsprofessionalismus der leeren Worthülsen zu traktieren ist blanker Hohn ihm gegenüber und zeugt von der Überheblichkeit der Betreiber des Netzwerks. Erst dieses Kommunikationsverhalten löste die große Protestwelle aus, die vermutlich das Netzwerk für immer verändern wird.

Für den Nutzer hat das Targeting, also personalisierte Werbung, keine großen Folgen. Ihm werden damit nämlich nur ausgewählte Werbebanner gezeigt und nicht mehr die ganze Breite des vorhandenen Werbefundus. Dies ist ähnlich der Werbung im Fernsehen, die sich auch je nach Sendung und deren Zielgruppe unterscheidet. Einige Tage vor Weihnachten stellte StudiVZ auch klar, dass die Daten der Nutzer niemals den werbenden Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Die Werbeeinnahmen sollen so gesteigert werden, um die hohen Kosten der Seite zu decken.

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Die große Mehrheit, die sich mehr oder weniger murrend auf die neuen AGB eingelassen und an ihren Daten nichts geändert hat, kann sich darauf berufen, dass sich ja nichts wesentliches verändert hat. Anonymität gibt es im Internet sowieso nicht, könnten sie sagen, und mit Google und Konsorten lässt sich über jeden Alles finden. Dass auch eine geschlossene Plattform keinen Schutz davor bietet, dass Partybilder und ähnliches in das offene Meer des Internets geraten und dort unkontrolliert herumschwirren können, wird von manchen ignoriert. Andere hingegen weisen selbstsicher darauf hin, dass man nichts zu verbergen habe.

Hiergeblieben!

Zur Zeit erproben einige Mitglieder den passiven Widerstand. Sie ändern einfach ihren Namen und wähnen sich so sicher vor den neuen AGB. Gerissenere Zeitgenossen verfälschen auch noch ihre Daten und Gruppenzugehörigkeiten in der Hoffnung, dadurch dem Betreiber ein Schnippchen zu schlagen und der Kommerzialisierung des Netzwerks entgegenzuwirken. Nur leider ist weder das eine noch das andere wirkungsvoll. Der Name hat mit der Werbung nichts zu tun, und interessiert genau genommen niemanden. Er hat in diesem Netzwerk nur einen sozialen aber keinen ökonomischen Wert: Ob ich Paolo Pinkel oder Hans-Georg Kluge als Namen angebe, ist dem Werbenden völlig egal. Den Namen zu verfremden bewirkt nur, dass der Nutzer nicht mehr auffindbar ist – mit allen Vor- und Nachteilen die sich daraus ergeben.

Der entscheidende Nachteil für das Netzwerk ist, dass es schwerer wird, neue Kontakte zu knüpfen. Da das StudiVZ mit dieser Funktion steht und fällt, riskieren die ‚Namenlosen‘ den Sinn des Netzwerkes zu unterminieren. Dagegen kann der Datenverweigerer sich freuen, dass er der personalisierten Werbung entkommen kann, zu dem Preis allerdings, dass er eben Werbung zu sehen bekommt, die nicht auf ihn abgestimmt ist.

Die Kosten! Die Kosten!

Viele können aber auch gar nicht anders, als sich den Bedingungen zu unterwerfen, die ihnen die Betreiber diktieren. StudiVZ hat mittlerweile in Deutschland eine marktbeherrschende Stellung eingenommen und gewinnt einen Großteil seiner Faszination dadurch, dass es beinahe alle Studierenden verzeichnet. Dadurch ist es sehr einfach möglich, sich ein fast vollständiges Netzwerk aus aktuellen Freunden und alten Bekannten aus der Heimat zu bilden, Kontakte zu halten, zu pflegen und zu flirten. Mittlerweile ist der soziale Druck hoch, sich im StudiVZ anzumelden.

Ein Ausstieg ist daher mit den Kosten verbunden, sich von seinem mit viel Mühe aufgebauten Netzwerk trennen zu müssen. Es muss bei einem anderen Anbieter – so der Aussteiger auf das Mittel des sozialen Netzwerks nicht verzichten mag – neu aufgebaut werden. Wer davor zurückschreckt, dem kann der Marktführer seine Bedingungen komplett diktieren. Er muss nur dafür Sorge tragen, dass bei neu eingeführten Maßnahmen sich nur ein kleiner Prozentsatz der Benutzer zu aktiven Gegenmaßnahmen entschließt.

Macht‘s gut, ihr Schweine!

Stefan ist ausgestiegen und hält sich zukünftig von sozialen Netzen fern: „Es hat Spaß gemacht, keine Frage. Nur der Preis ist mir zu hoch.“ Stefan weiß, dass er den kostenlosen Service mit seinen Daten bezahlt. Wer diesen Preis nicht bezahlen will, der muss von solchen Netzwerken die Finger lassen.

Der Ausstieg ist die wohl schärfste Form des Protests und deswegen auch die am wenigsten verwendetete Methode. Weder ein Anbieterwechsel noch ein gänzlicher Verzicht auf ein Netzwerk versprechen Lösungen auf Dauer zu sein. Datenschutzbedenken sind bei anderen Anbietern noch ausgeprägter, doch kaum jemand möchte auf die Vorteile der Freundschaftsverwaltung verzichten. Doch je weniger sich verabschieden, desto größer bleibt der Druck, angemeldet zu sein. Auch der Alternativen gibt es wenige: Kommerzielle Angebote haben immer mit dem Gegensatz von Gewinninteresse und den Interessen der Nutzer zu kämpfen. Ob sich aber eine gemeinnützige Plattform wie Kaioo gegen den Branchenprimus als echte Alternative positionieren kann, wird erst die Zukunft zeigen. Denn ohne Nutzer wird jeder Konkurrent auf Dauer verwaisen.

Die Abstimmung mit den Füßen wird aber vielleicht durch die neuerdings Namenlosen beschleunigt, da der Verzicht auf authentische Namen dem Sinn und Nutzen des Netzwerks massiv schadet – weswegen StudiVZ mittlerweile behauptet, die Namen der Nutzer seien ihnen heilig. Je geringer die Verlässlichkeit der Nutzerdaten ist, desto geringer wird auch das Interesse an der Plattform selbst. Die Konkurrenz von StudiVZ muss allerdings erst einmal die große Zahl an Usern finden; andernfalls werden die Konkurrenten untergehen. Noch kann niemand sagen, wohin die Reise der sozialen Netzwerke geht. Sicher ist nur, dass am Rande des Weges Werbebanner aufgestellt sein werden.

Hans-Georg Kluge

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