Zehn Kerzen fürs ZKM

Der Hallenbau A und seine Geschichte

0712_zkm_extreme-sm.jpgWie unser Magazin KA.mpus feiert auch das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie Karlsruhe dieses Jahr ein großes Jubiläum. Allerdings kann das Museum auf eine längere Tradition zurückblicken, als unser Heft. Grund genug, euch dasselbe etwas näher vorzustellen und auch einmal hinter die Kulissen zu blicken.

Der große Hallenbau in der Lorenzstraße im Südwesten Karlsruhes wurde nicht etwa für das Zentrum für Kunst und Medientechnologie erbaut, er existierte bereits lange vor der Gründung des ZKM. Uns interessierten nicht nur die zehn Jahre ZKM, sondern auch die Zeit davor. Seit wann existiert dieser monumentale Bau, was hat sich dort alles abgespielt und wie fand schließlich das ZKM seinen Weg dorthin? In den Jahren 1915 bis 1917 diente er als Produktionsstätte der Deutschen Waffen und Munitionsfabrik und wurde bis in die späten 70er Jahre von den Industriewerken Karlsruhe-Augsburg (IWKA) für zivile Maschinenbauerzeugnisse genutzt. An diese Zeit erinnert noch heute ein Mahnmal rechts neben dem Eingang an die Zwangsarbeiter, die dort in den Weltkriegen arbeiten mussten. Was aber passierte dort in der Zeit zwischen dem Ende als Produktionsstätte und der Eröffnung des ZKM? Wir sind bei unseren Recherchen auf eine schöne Geschichte gestoßen, wie sie in Karlsruhe mit alten Gebäuden schon des Öfteren vorgekommen ist.

Die Kunst zieht ein

Kaum jemand weiß, was in der Zeit von 1986 bis 1994 in den Gebäuden des ehemaligen IWKA passierte. Bereits damals hielt die Kunst Einzug in die schier endlosen Hallen und war von da an für acht Jahre fest in den Händen einer unabhängigen Gruppe junger Karlsruher Künstler. Georg Schalla, ein Karlsruher Künstler, wagte als Erster den Schritt in den 312 Meter langen Bau, um sich dort ein Atelier einzurichten. Bald folgten viele. In den gigantischen Räumen lebten und arbeiteten zu manchen Zeiten fast 30 Künstler, hauptsächlich Studenten der hiesigen Kunstakademie. Sie hatten von der Stadt Mietverträge beziehungsweise Duldungsverträge bekommen und konnten sich einfallsreich in außergewöhnlichem Ambiente entfalten. Sie bauten mit vorhandenem Material, seien es Bretter aus Schränken, Türen oder Sonstigem kleine Hütten, in denen sie schliefen. Heizungen gab es leider keine, was dem ein oder anderen noch heute einen Schauer über den Rücken jagt…

Remmidemmi in der Bude

Außer etlichen Ateliers gab es in dieser Zeit immer wieder Ausstellungen, Sonderaktionen, ein Künstlercafé und Parties. „99,9999999999999% aus leerem Raum“ war eine Sonderaktion, die eine große Performance mit verschiedenen Theatertruppen, großen Bühnenbildern und vielem mehr war. Beteiligt waren Georg Schalla, Ralf Bühler, Jörg Reimann und Jörg Brombacher, um nur einige zu nennen.

„Konzept 88“

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Nachdem die wilden Jahre der Bauten nun endgültig beendet waren, suchten sie sich eine neue und nicht minder aufregende Aufgabe. Mit dem „Konzept 88“ schlossen sich Vertreter der Kommunalpolitik, der Universität, der Staatlichen Hochschule für Musik, des Kernforschungszentrums und anderer Institutionen 1986 zusammen. Diese Initiative des Karlsruher Gemeinderats war ein ebenso ehrgeiziges wie risikoreiches Projekt. Daraufhin, im Jahre 1989, gründete das Land Baden-Württemberg die Stiftung „Zentrum für Kunst und Medientechnologie“. Im selben Jahr übernahm auch Heinrich Klotz das Steuer und wurde zum Gründungsdirektor ernannt. Für ihn war die Wahl des Gebäudes von großer Wichtigkeit. Es sei ein Gebäude, so Klotz, das durch seine Größe und Weite, durch sein Licht und seine Atmosphäre inspiriert, frischen Gedanken und schöpferischer Phantasie freien Lauf lasse. Und so gab es auch schon vor der endgültigen Eröffnung im Jahre 1997 und dem Bezug der ehemaligen Waffen und Munitionsfabrik die Veranstaltungsreihen „ZKM in der Fabrik“ und das Medienkunstfestival „Multimediale“, die bereits in den Gebäuden stattgefunden haben, die neben den in der IWKA ansässigen Künstlern friedlich koexistieren.

Der Wal, den niemand sieht

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Man kommt bei der Beschreibung des Zentrums nicht umhin, von Super­lativen zu sprechen: Das wohl größte Zentrum für Gegenwartskunst in Deutschland und eine einzigartige Medienkunstsammlung von Weltrang. Sein Partnermuseum ist neben dem Centre Pompidou Paris und der Tate Modern in London kein geringeres als das Museum of Modern Art New York. Diese Museen tauschen untereinander Ausstellungen aus; man bekommt also Ausstellungen zu sehen, für die man ansonsten sehr weit fahren, beziehungsweise fliegen müsste. Neben Tokio ist das ZKM das einzige Medienkunstmuseum der Welt. Nicht nur diesen Attributen verdankt das ZKM seinen guten Ruf, sondern ebenso, eng damit verbunden, dem pädagogischen Auftrag, den die Hochschule für Gestaltung leistet. Und natürlich der Tatsache, dass hier die traditionellen Künste und Informationstechniken in einer neuartigen Institution miteinander verbunden werden. Um so erstaunlicher ist es, dass die Besucherzahlen nicht unbedingt der Qualität der vielfältigen und internationalen Ausstellungen entsprechen. Es macht fast den Eindruck, als wüssten viele Karlsruher gar nicht, was sie direkt vor ihrer Türe haben.

Vielfalt unter einem Dach

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Der Öffentlichkeit präsentiert sich das ZKM seit seiner Gründung mit seinen zwei großen Museen, dem Museum für Neue Kunst und dem Medienmuseum. Das Museum für Neue Kunst ist ein Sammlermuseum und hat sich der Darstellung internationaler zeitgenössischer Kunst verschrieben. Dabei werden in großen Sonderausstellungen und kleineren Präsentationen in den Projekträumen des Museums aktuelle künstlerische oder kulturelle Tendenzen beleuchtet. Das Medienmuseum ist eine Präsenz-Ausstellung, die den Besucher durch ein breites thematisches Spektrum führt, vom interaktiven Film über Simulationstechnik für den Cyberspace bis zum Einsatz aktueller Softwareapplikationen im Internet. Der Betrachter wird miteinbezogen in das Werk, gestaltet es mit und erst durch sein Eingreifen wird das neuartige Kunstwerk zum Leben erweckt. Es ist das weltweit erste und einzige Museum für interaktive Kunst.

Jetzt bist Du dran!

Besonders stark ist die aktive Beteiligung des Besuchers in der aktuellen Sonderausstellung „You_ser: das Jahrhundert des Kosumenten“ gefordert. Hier widmet sich das ZKM im Medienmuseum anlässlich seines zehnjährigen Jubiläums den Auswirkungen der netzbasierten, globalen Kreation auf Kunst und Gesellschaft. Kreativität ist nicht länger das Monopol des Künstlers. Der Benutzer liefert oder generiert selbst den Inhalt oder stellt ihn zusammen. Fast jedes Exponat lädt zum Mitmachen ein: hier lässt sich eine Bildauswahl treffen oder das eigene Buch drucken, dort kann man die TV-Nachrichten zusammenstellen oder ein Hintergrundbild aussuchen, vor dem dann echte Fische im Aquarium schwimmen. Man sieht, die Teilnahme des Publikums formt sich neu zur Emanzipation des Konsumenten. Denn Du (YOU) bist der Inhalt (und Nutzer = user) dieser Schau. Also nichts wie hin! Paula von der Heydt Anna Weißhaar

Infos: www.ZKM.de

Comic
Paula von der Heydt
Anna Weißhaar

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Eine Reaktion zu “Zehn Kerzen fürs ZKM”

  1. Ralf Urban Bhler

    zu 99,9999999999999% aus leerem Raum:
    Beteiligt waren Georg Schalla, Ralf (mit “f”!) Bühler, Uwe Lindau und Reinhard Wonner. Jörg Reimann war Mitorganisator, Jörg Brombacher spielte in der Endphase eine eher marginale Rolle.

    Schöne Grüße
    R.U. Bühler

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