Im Schatten der Forschung

Ein Einblick in die Karlsruher Kunstszene

Kunst, die alle ansprichtKarlsruhe hat eine Kunstdichte wie kaum eine andere deutsche Stadt: Es gibt die Staatliche Kunsthalle, das ZKM, Galerien, Vereine und zwei Kunsthochschulen – dennoch wird das Potenzial der Stadt unterschätzt und scheinbar auf die Forschung reduziert. Ein Blick über den Tellerrand der Forschung.


Zwar hat jede größere Stadt eine hohe Anzahl an kulturellen Einrichtungen, doch trifft in Karlsruhe alles auf engstem Raum zusammen. Der Standort Karlsruhe bietet nicht nur ideales Klima, die Nähe zu Frankreich und die Lage in der reichsten Gegend des Landes, sondern vor allem viele junge, idealistische Künstler. Da die städtische Kunstszene noch nicht derart im Rampenlicht der bundesweiten Öffentlichkeit steht wie beispielsweise in Leipzig, können die Künstler experimentieren und Produkte schaffen, die keinen vorgegebenen Trends folgen. Aber dies ist auch ein Nachteil, der im Ruf der Stadt begründet liegt. Nimmt man andere große Metropolen: in London, der Stadt des Kapitals, werden die teuersten Gemälde verkauft. Berlin ist das große Vorbild – dort ist alles cool, es herrscht ein enormer Hype um die Berliner Kunstszene. In Leipzig steht die alternative Kunstszene im Vordergrund. Aber wo steht Karlsruhe? Wir sind bis nach China als die Stadt der Forschung bekannt. Parallel dazu existiert jedoch ein enormer Kulturraum, der nur darauf wartet, aus dem Schat­ten seiner Stiefschwester zu treten. Einen Schritt in diese Richtung geht die Stadt Hand in Hand nicht nur mit den größeren Institutionen wie der städtischen Kunsthalle, sondern auch den Kunstvereinen und Initiativen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Kunst den Bürgern näher zu bringen. Einer dieser Vereine ist KOI, der den öffentlichen Raum als Projek­tionsfläche nutzt. So hat der Verein, dessen Name stark an einen Kar­pfen erinnert, die Neubausiedlung in der Oststadt selbst zum Kunstobjekt gemacht. Das ZKM, das weltweit einzige Medienkunstmuseum neben Tokio, ist jedoch die öffentliche Einrichtung, die sowohl über die Stadt wie auch die Landesgrenze hinaus bekannt ist und so ein internationales Publikum anspricht.

Klingt nach Döner, ist aber Kunst

Zwei, die es gewagt haben, sich ­einen Platz im Dschungel der Kunstszene zu erkämpfen, sind die Brüder Lukas und Sebastian Baden. Vor ­einem Jahr haben sie ihre Galerie gegründet, um eine eigene Plattform zur öffentlichen Präsentation für junge Künstler zu schaffen: Die ­Ferenbalm-Gurbrü Station. Der Name erweckt zwar eher die Assozia­tionen mit einer Dönerbude und die Location in der Waldhornstraße hat etwas von einer zweitklassigen Disco, dennoch sind die Ziele und die Motivation der Geschwister idealistischer Natur: „Wir haben parallel zum Abschluss unseres Kunst- und Germanistikstudiums die Galerie gegründet und sind nicht den klassischen Weg über eine Ausbildung in einer anderen Galerie gegangen. So können wir machen, was wir wollen, können mit unserer Generation arbeiten und ­einen eigenen Kanon definieren.“ Ein Thema, welches nie an Aktualität verliert, ist die Frage, wie man ­andere Galleristen, Sammler und Studenten, die nicht nur Rezipienten, sondern auch die Käufer von morgen sind, erreicht. Dies geht nur mit Werbung und das bringt das leidige Problem des Geldes aufs Programm. Sebastian ­Baden: „Wir versuchen zeitgenössische Kunst auszustellen, die verdammt cool ist. Denn heute ist das Wichtigste die Coolness.“ Das Problem der aktuellen Gegenwartskunst ist, dass sie zu wenig dekorativ ist und so stehen die Baden-Brüder immer wieder aufs Neue vor der Herausforderung, die Balance zwischen „fortschrittlicher Kunst, die keiner will und dekorativer Kunst, zwischen finanziellem Bankrott und Gewinn“ zu halten.

Kunst und Technologie - heute untrennbar
Kunst und Technologie – heute untrennbar

Brücken zwischen Leuchttürmen

„Je kreativer und querdenkerischer Kunst ist, desto einsamer steht sie da. Dies gilt jedoch nicht nur für den künstlerischen, sondern für den gesamten Kulturbereich“, resümiert Dr. Heck vom Kulturamt Karlsruhe, „daher muss insbesondere in ­diesem Gebiet ein permanentes Netzwerk mit Langzeiteffekt geschaffen werden“. Avantgardekunst ist keine Kunst für die Massen, sondern individualisiert und darauf bedacht ­eigene Kulturräume zu schaffen. Der so genannten Off–Space-Szene geht es weniger darum, möglichst viele Leute durch ihre Kunst und Inszenierungen zu erreichen. Vielmehr sind die eigenen Freunde, vor allem internationale, auch zugleich die ­Zielgruppe. Dennoch gibt es auch diejenigen, wie die Baden-Zwillinge, die mehr wollen. Dort setzt die Stadt mit ihrer Förderung ein. Eine Variante der Förderung stellt das Leerstandskonzept der Stadt Karlsruhe dar. „Eine Stadt ist ein Ort, wo alles Platz hat. Und gerade Karlsruhe hat eine gute Infrastruktur mit vielen aufgeweckten Leuten“, verlautet Dr. Heck. Daher werden alte Hallen ihrer ursprünglichen Funktion entbunden und zur Verfügung gestellt. So ist in Planung, eine weitere ungenutzte Halle im alten Schlachthof frei zu machen. Diese können, bis auf die Nebenkosten, die von den Veranstaltern selber getragen werden müssen, kostenlos genutzt werden. Karlsruhe hat viele Leuchttürme, wie die Akademie der Bildenden Künste, die eine der bedeutendsten Europas ist, oder die Hochschule für Gestaltung, die sehr auf den offenen Diskurs bedacht ist. Es ist nicht die Frage, ob Kunst oder Forschung hier wichtiger sind, denn „man kann keine Unterscheidung mehr zwischen ihnen machen. Technische Innovation bestimmt das Leben und äußert sich auch in der Kunst“. Die Herausforderung, die es in Karlsruhe zu überwinden gilt, ist es, die Attraktivität zu erhöhen. Die jungen Künstler, die aus aller Welt zum Studium hier her kommen auch zu halten, und dies funktioniert indem viel auf Ebene der Förderung geschieht und „Brücken geschlagen werden“ – zwischen Kunst und Forschung, Unbekanntem und Etabliertem.

Aller Bemühungen zum Trotz…

Die Karlsruher Kunstszene hat noch einige Probleme, ihre Fühler über die Stadtgrenze hinauszustrecken. Schlimmer aber noch stellt sich dar, dass, obwohl die Rate der Kunstproduktionen in dieser Stadt vergleichsweise hoch ist, die Kunst im öffentlichen Raum oft untergeht. Kunst lebt nun mal von ihren Rezipienten, von welchen es trotz der hohen Studenten­- und Bürgerzahl sehr wenige gibt. Tendenz nicht gerade steigend. Eintritte, welche die Haupteinnahmequelle von Kultureinrichtungen sind, will keiner zahlen. Alles muss umsonst sein und am Besten packt man noch ein paar Geschenke drauf, um die Attraktivität zu steigern. Um es mit den Worten Badens auszu­drücken: „Im Prinzip interessiert es keine Sau, was wir hier machen!“ Auch Dr. Heck zeichnet ein düsteres Bild und gesteht, dass 80 Prozent der Bevölkerung nicht erreicht werden. Unsere Gesellschaft versteht sich als Eventkultur; dementsprechend muss alles in einem großen Rahmen angelegt werden, folglich „neigen die Menschen dazu, viel zu übersehen.“ Die Stadt versucht an dieser Stelle anzuknüpfen. Es ist ihre Aufgabe das Unbekannte zu fördern, damit es wahrgenommen wird. Denn nur weil etwas unbekannt ist, darf man es in seiner Qualität nicht verkennen. Leider besteht noch ein Ungleichgewicht zwischen den eta­blierten, klassischen Institutionen und den anderen kreativen Triebkräften der Gesellschaft. „Diese dürfen nicht versiegen, räumt Dr. Heck ein, daher muss ein Weg gefunden werden, das Etablierte zu erhalten, aber das andere nicht zu vergessen und ­diesem zu erlauben, sich für die Zukunft zu entwickeln – sonst erleidet unsere Gesellschaft einen musealen Tod. Kultur muss gelebt werden.“

Comic
Julia Knifka

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