frei Schnabel: Karriere Einmaleins

Zur geistigen Elite Deutschlands zu gehören ist gar nicht so schwer. Es gibt ein paar Grundregeln, die beachtet werden müssen, um die Karriere­leiter fluchs nach oben zu steigen – der Staat hilft fleißig mit: Man ziehe das Abitur in acht Jahren durch, ermöglicht durch die Gymnasialreform, bestehe mit Glanzleistungen und Auszeichnung.


Bei der Studien­wahl sollten einige Fächer auf alle Fälle umschifft werden. Geistes- und Sozialwissenschaften kommen nicht in Frage, dafür natürlich Informatik, Wirtschaftswissenschaften oder andere Ingenieursstudiengänge. Denn wie sich letztes Jahr gezeigt hat, ist für wahre Exzellenz nur die Technik prädestiniert. Denn sie ist unsere Zukunft. Apropos Zukunft, diese sollte selbstverständlich frühzeitig genaustens geplant und durchorganisiert sein. Regelstudienzeit? Muss unterboten werden! Semesterferien? Bloß ein Mythos! In Wirklichkeit handelt es sich um „vorlesungsfreie Zeit“, die deshalb optimal für Praktika im In-und Ausland genutzt werden kann. Jedes Semester ein anderes Land, Minimum drei Sprachen fließend. Mit Vorliebe Chinesisch, Russisch oder Arabisch, Spanisch, Französisch und Englisch verstehen sich von selbst, letztere lernt man ja schon in der Grundschule. Neben zwei Hilfswissenschaftstellen, damit man sich im akademischen Milieu etabliert, sollte noch genügend Zeit für ­außeruniversitäre Aktivitäten bleiben, um das soziale Engagement­ unter Beweis zu stellen und das ­eigene Humankapital sinnvoll zu steigern. Beliebte Anlaufstellen sind hier politische Hochschulgruppen, ehrenamtliche Tätigkeiten in der Suppenküche und da nur schöne Menschen Erfolg haben, darf der Sport nicht zu kurz kommen. Weitere Soft Skills können nebenbei in Wochenend-Workshops erlangt werden. Du willst charismatische Reden schwingen? Rhetorik-Kurs – schon gebucht. Du willst ­deine Zehn-Finger-Tippfähigkeiten auf 500 Anschläge die Minute trimmen? EDV-Kurs – schon gemacht. Um auf dem Business-Parkett mit smartem Small-Talk zu imponieren, darf das obligatorische FAZ-, Die Zeit- und Spiegelabonnement nicht fehlen. Kunst und Kultur gehören selbstverständlich auch dazu. Das soziale Wesen Mensch, seinen natürlichen Bedürfnissen folgend, findet neben all dem auch noch genügend Zeit für Familie, Freunde und Partner. Damit‘s dann auch tatsächlich klappt ist das A und O für den Berufseinstieg, Vitamin B und die perfekte Bewerbung. Im Vorstellungsgespräch glänzt du mit einem lückenlosen wie beeindruckenden Lebenslauf, enormem Fachwissen und einer soliden Gehaltsvorstellung. Dies alles dürfte doch kein Problem sein für den ­Studenten der Zukunft! Entspringst du dann noch der Kaderschmiede „Universität Karlsruhe“, kannst du dich vor Angeboten kaum retten. Denn du bist die Zukunft. Du bist ­Elite. Du bist Deutschland.

Julia Knifka, Anna Weißhaar, Paula von der Heydt

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