Aus Fiction wird Realität

Forschung und Innovation in Karlsruhe

Größenvergleich: Zahnrad vs. Ameise Karlsruhe ist das Heim der Tüftler und Erfinder – kurz: ein Ort des Fortschritts. Dies dürfte spätestens seit Herbst 2006, als der Universität die Auszeichnung „Elite“ verliehen wurde, auch den Letzten klar geworden sein. Doch was genau wird hier erforscht?


Im letzten Jahr durften wir viele neue Vokabeln in unseren Wortschatz aufnehmen: Exzellenzinitiative, KIT und die Formel „Science statt Fiction“ sind nur einige davon. Unsere Uni ist Elite geworden und somit sind auch wir es – für viele ist diese (logische) Folgerung das einzige, was zählt. Und es ist durchaus wahr, dass alle Studenten von diesem Prädikat profitieren. Die Zahl der Unternehmen, die die Absolventen der Elite-Universität „umwerben“, ist beträchtlich gestiegen. Doch hinter der Exzellenzinitiative steckt viel mehr: Bund und Länder fördern durch dieses Programm die Entstehung neuer Forschungszentren, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, unser Leben und unsere Zukunft durch ihre Arbeit zu verbessern und zu bereichern.

FZK + Uni = KIT

Für diese ehrenvolle Aufgabe haben sich die beiden wichtigsten Institutionen in diesem Bereich zusammengeschlossen: Das Forschungszentrum Karlsruhe (FZK), eine der größten natur- und ingenieurwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen in Europa, und die Universität Karlsruhe (TH). Insgesamt arbeiten hier 8000 Beschäftigte mit einem jährliche Budget von 600 Millionen Euro. Zwei etablierte Forschungsstätten also, aus deren Verbindung das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), sozusagen ein Kind der Liebe, hervorgegangen ist. Das FZK und die Uni wollen ihre Kapazitäten bestmöglich zusammenfassen, um durch diese Vereinigung das KIT als weltweit führendes Zentrum der Nanowissenschaften zu etablieren. Dazu werden die besten Wissenschaftler und klügsten Köpfe rekrutiert, der Nachwuchs durch die Lehre optimal gefördert und die Kooperation mit der Wirtschaft verstärkt. Die weiteren Forschungsfelder, für die eigene Zentren und Schwerpunkte innerhalb des KIT eingerichtet werden sollen, heißen „Energie“, „nano- und mikroskalige Forschung und Technologie“, „Astroteilchen- und Elementar­teilchenphysik“ sowie „Klima und Umwelt“.

Kurios

Das Foto zeigt eine (tote) Ameise, der man ein Zahnrad auf den Fühler gefädelt hat. Dieses wurde im FZK gefertigt und misst ganze 1,9 Millimeter. Die Aufnahme soll die Fortschritte in der Technik belegen, mit der heute auch mikroskopisch kleine Bauteile exakt produziert werden können.

Ein Hauch von Exklusivität

In diesem Jahr wurde an der Universität Karlsruhe das Rolls-Royce University Technology Centre (UTC) eröffnet, es ist bereits das vierte in Deutschland. Der ehemalige Hersteller des „best car in the world“, der heutzutage vor allem Flugzeugmotoren herstellt, ist seit langem ein wichtiger Forschungspartner der Universität auf dem Gebiet der Turbo­maschinentechnologie. So ist das UTC, das dem Institut für Thermische Strömungslehren angegliedert wurde, von großer Bedeutung für das „Zentrum Energie“ des KIT und den geplanten Schwerpunkt „Mobilität“. Außerdem wird durch diese Kooperation die Bindung zur Wirtschaft gefestigt, die für das Projekt zehn Doktorandenstellen und Sachmittel in Höhe von einer Million Euro pro Jahr bereitstellt.

Und weiter?

Natürlich hat der Elite-Stempel die Forschungsaktivitäten im Raum Karlsruhe wieder mehr ins Licht der breiten Öffentlichkeit gerückt. Doch an den verschiedenen Fakultäten der Universität werden seit jeher Projekte realisiert, die den Laien weitgehend unbekannt sind. Sie haben spezielle Teilgebiete zum Gegenstand, von denen sich fachfremde Studenten oder Wissenschaftler zum Teil nur schwer eine Vorstellung machen können. Das macht die Erkenntnisse auf diesen Gebieten jedoch nicht weniger wichtig für die Allgemeinheit.

Ruin, Moral, Beton

Wer sich auf der Webseite der Universität umschaut, der kann Spannendes in Punkto Forschung ent­decken. Zum Beispiel, dass am Institut für Stochastik an einer „mehrdimension­alen Ruintheorie“ geforscht wird. Oder dass die Philosophen sich der „Geltung und motivierenden Kraft moralischer Normen“ widmen. Interessant ist auch das Projekt des Instituts für Regionalwissenschaft: Hier wird untersucht, wie „nachhaltige Stadtparks mit neuen Erlebnisqualitäten zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt“ beitragen können. Doch damit nicht genug: Am Institut für Finanzwirtschaft, Banken und Versicherungen wird eine „empirische Untersuchung der Realisierbarkeit von Maßnahmen zur Erhöhung der Selbstschutzfähigkeit der Bevölkerung“ durchgeführt. Und die Bauingenieure betonieren neuerdings unter Wasser! Verrückte Welt, so scheint es. Doch all diese Projekte tragen dazu bei, unsere Lebensquali­tät zu steigern und unsere Zukunft zu verbessern.
Spätestens in fünfzig Jahren, wenn wir unsere Enkel aus dem nahe gelegenen nachhaltigen Stadtpark abgeholt haben und ihnen etwas über moralische Normen und unsere Selbstschutzfähigkeit erzählen, während wir mit ihnen am Rand unseres unter Wasser betonierten Swimming-Pools sitzen, den wir uns leisten konnten, nachdem wir die Ruintheorie im Baden-Badener Casino zum Einsatz gebracht haben, dann werden wir an Karlsruhe zurückdenken. An den Ort der Tüftler und Erfinder.

Katharina Strobel

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